Was ist nur aus dem SPIEGEL geworden?

Einst war das Nachrichten Magazin aus Hamburg eine Quelle von gut recherchierten Berichten und Artikeln. Sie waren zum Teil so gut, dass sogar Skandale aus ihnen entstanden, die Politiker zu Rücktritten zwangen oder breite gesellschaftliche Diskussionen anstießen. Diese Zeiten scheinen endgültig vorbei zu sein, und wenn es um Berichte zum Thema Klima geht, schwebt der Geist von Claas Relotius immer noch irgendwie durch die Redaktionsstuben.

Dürre in Südafrika in einem dürren Artikel

Kürzlich erschien im SPIEGEL ein Artikel zum Thema Dürre in Südafrika. Genauer gesagt ging es um die Victoria Wasserfälle oder besser das, was nach der dort herrschenden Dürre (Trockenzeit!) davon noch übrig ist bzw. sein soll. Auf diesem Blog ist die Thematik rund um die Viktoriafälle bereits dargestellt worden und auch, warum es besser ist, sich genauer mit Daten zu beschäftigen. Der SPIEGEL hingegen übernahm den Artikel nicht nur 1:1 von Guardian aus England, sondern auch offenbar ungeprüft – dabei können solche Recherchen sogar aus der warmen Redaktionsstube am Rande der Hafencity in Hamburg heraus gemacht werden.

Wie gut allerdings, dass es Menschen wie Axel Wendt gibt. Auf seinem Blog Publico kann man die wahre Geschichte lesen und warum es einigermaßen absurd ist, einen Wasserfall in der Regenzeit und dann in der Trockenzeit zu vergleichen. Es wäre in etwa so als wenn man einen beliebten Badestrand an der Ostsee im Juli und im Oktober beobachtet, um dann im Herbst festzustellen, dass der Tourismus an dem betreffenden Strand komplett zusammengebrochen sein muss. Erst als Jörg Kachelmann auf Twitter süffisant anmerkte, dass es früher weniger plump war, wurde noch eine kurze Erklärung eingeschoben, die allerdings den Taschenspielertrick offenbarte.

In keinem Fall aber war der Artikel geeignet, um eine Klimakatastrophe zu beweisen, wie Axel Wendt richtigerweise anmerkte. Es war für ihn die Fake-Nuss der Woche für den SPIEGEL als weitere Alarmmeldung aber gut genug. Und Alarmmeldungen in Sachen Klima vor einem Klimagipfel gehören beim SPIEGEL zum Ritual wie früher eine Titelstorys mit Jesus oder Gott zur Weihnachtszeit.

Aktivist oder Kolumnist? Irgendwas dazwischen!

Wer jetzt glaubt, dass Kolumnen im SPIEGEL zu dem Thema Klima möglicherweise besser und gehaltvoller sind, der wird leider ebenso enttäuscht. Ein Beispiel dafür ist das Stück: „Ihr klagt unsere Zukunft kaputt“ von Christian Stöcker aus dem November 2019. Die Windkraftgegner sind Ziel von Christian Stöcker, bei dem man durchaus das Gefühl haben kann, dass er sich nicht entscheiden kann, ob er lieber ein Aktivist oder ein Journalist sein möchte. In jedem Fall beschäftigt sich der Kognitionspsychologe laut Spiegel Vita mit Fakten! und Hysterie!! in der deutsche Debatte. Ah ja.

Er zimmert sich in seiner Kolumne ein nettes Potpourri zusammen, analog zu den Kollegen aus dem Wissenschaftsressort recherchiert Herr Stöcker offensichtlich nicht so gern und ist ein Meister im Aufstellen von ziemlich eigenartigen Vergleichen. Er startet seine Kolumne mit der Anekdote, dass er ja selber ein lärmgeplagter Mensch sei. Man muss davon ausgehen, dass er sein Domizil an einem Wochenende in der Nacht bei gleichzeitigem Fluglotsenstreik erwählt hat. Oder anders ausgedrückt, wer in die Stadt zieht, der findet bereits eine Infrastruktur vor, die möglicherweise Lärm erzeugt.
Man weiß also vorher, worauf man sich einlässt. Anders als Landbewohner, denen wird eine Lärm- oder Schlagschattenquelle wie ein Windrad in der Regel nachträglich vor die Nase gesetzt.

Spiel mir das Lied der Windkraftindustrie

Im weiteren Verlauf klagt er das Lied der deutschen Windkraftindustrie. Viele Arbeitsplätze seien verloren gegangen oder werden es noch. Gleichzeitig wird die üppig subventionierte deutsche Kohleindustrie ins Feld geführt. Auf die Idee, dass die Windenergiebranche ebenfalls großzügig alimentiert wird und wurde kommt er leider nicht. Beide Arten der Subventionen zahlen übrigens die Bürger und Unternehmen dieses Landes.

Im Falle der Energiewende bezifferte die Uni Düsseldorf die Kosten bis 2015 auf 150 Mrd. Euro. Weitere 370 Mrd. werden für die Zeit bis 2025 geschätzt. Wie es eine Industrie trotz solcher immensen Förderung nicht schafft, allein überlebensfähig zu sein, das darf gern einmal hinterfragt werden.
Solche Gedanken macht sich Kolumnist Stöcker unglücklicherweise nicht. Die Pointe mit der Kohlesubvention wäre ja auch weg gewesen.

Singvögel, Greifvögel, ach egal, wer kennt schon den Unterschied?

Im weiteren Verlauf kommt der Windlobbisten-Klassiker und das sind die getöteten Vögel.
Auch hier werden die Zahlen von Lobbyverbänden brav nachgebetet ohne zu merken, dass sich die Hochrechnungen (man könnte auch sagen Schätzungen) von Vogeltod durch Katzen, Autos oder Fensterscheiben auf Sing- und Gartenvögel beziehen und nicht auf Greifvögel. Studien zu dem Thema Greifvögel hat Christian Stöcker nicht gefunden, obwohl es sie nachweislich gibt. Sogar Daten aus Seevogelgebieten, bei denen die Alibigründe Katzen, Autos und Fensterscheiben wegfallen.

Als Kronzeuge führt er die Vogelwarte ins Feld, die ja auch meinen, mögliche Opferzahlen unter Greifvögeln durch Windkraft seien viel zu hoch geschätzt. Fachleute halt. Genau, jene Vogelwarte, die in des „Neuen Helgoländer Papiers“ die z. B. 1.000 Meter Abstand zu Brutplätzen von Rotmilanen proklamiert haben, von denen man aber schon seit 3 Jahren weiß, dass sie wahrscheinlich gar nicht ausreichen. Die Reviere der Vögel sind deutlich größer als angenommen und diese Erkenntnis müsste eigentlich noch mehr Neubauten verhindern. Stöcker nimmt sich also immer das, was am besten passt, der Rest wird ignoriert.

Schwer erträgliche Demokratie?!

Die schrillste Aussage der Kolumne ist allerdings Titel oder soll man besser sagen, der Vorwurf: „Ihr klagt unsere Zukunft kaputt“. Twitter:

Der Rechtsweg ist das Wesen eines Rechtstaates und einer Demokratie. Wer diesen Weg allen Ernstes als „kaputtklagen“ beschreibt, der begibt sich auf ein gefährliches Terrain und muss sich ernsthaft fragen lassen, wie sein Verhältnis zur Demokratie denn eigentlich ist. Am Ende entscheidet nämlich ein Richter über Klagen und das auf Basis geltender Gesetze. Klagewege mögen lang sein und das mögliche Anliegen eines Kläger nicht sympathisch, aber es gehört zur Demokratie. Genau dafür werden Gesetze gemacht.

Der SPIEGEL galt mal als das Sturmgeschütz der deutschen Demokratie. Bei Kolumnisten wie Stöcker hat man das ungute Gefühl, dass das Geschütz nicht zur Verteidigung der Demokratie eingesetzt wird sondern sich gerade gegen diese richtet. Demokratie und Rechtstaatlichkeit bzw. diejenigen, die garantierte Wege ausnutzen, als schwer erträglich und schädliche Selbstgerechtigkeit zu empfinden, ist ein sehr spezielles Demokratieverständnis.