Wie nun auch die FAZ aus einer Wetteranomalie in der Westantarktis ein „Sommerwetter rund um den Südpol“ macht

Von Dr. Gert Maichel

Am 13. Februar 2020 veröffentlichte Joachim Müller-Jung einen Artikel in der FAZ, in dem er aus einen kurzzeitigen Rekordtemperaturwert an der von Argentinien betriebenen Station Esperanza auf der Antarktischen Halbinsel „Sommerwetter rund um den Südpol“ (so die Überschrift) machte. Das wird dann mit weiteren Hinweisen auf das gesamte antarktische und globale Wettergeschehen kräftig gemischt, so dass dem uninformierten Leser wirklich das Gruseln kommen kann.

Noch nie seit Beginn der Temperaturmessungen hätte es global einen so warmen Januar gegeben. Mit 1,14 Grad Celsius sei der globale Januarwert gegenüber dem Durchschnitt des 20-sten Jahrhunderts übertroffen worden, so wird die US-amerikanische Behörde für Ozean- und Atmosphärenforschung  (NOOA) zitiert. Damit sei um „vierhundertstel Grad“ der bisherige Rekord von 2016 eingestellt worden. Nicht allein diese Rekordwerte könnten als Beleg für den „von Menschenhand angefachten Klimawandel“ gelten, auch die Tatsache, dass die 10 wärmsten Januar-Monate in diesem Jahrhundert gelegen hätten, könnte mit natürlichen Klimaschwankungen nicht erklärt werden. Außerdem sei nach Angaben der Weltwetterbehörde (WMO) das vergangene Jahrzehnt das wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gewesen.

Wenn man all diesen Meldungen nachgeht, dann ergibt sich allerdings ein anderes Bild, das Herrn Müller-Jung aber offensichtlich nicht in den Artikel passte. Zunächst einmal sollte er die NOOA Publikation vom 13.2.2020 genauer zitieren. Dort sind es auf Celsius bezogen nur zweihundertstel Grad über dem Rekordwert vom Januar 2016. Dass eine solche minimale Abweichung im Rauschen der Messwerte untergeht, sei einmal dahingestellt.

Auf die Temperaturen in der Antarktis bezogen, gibt ein schneller Blick ins Internet, dass der hohe und in vielen Medien berichtete Temperaturwert sich schnell wieder verflüchtigt hat. Drei Tage später (17.2.2020) meldet die Station Esperanza eine Temperatur von -1 Grad Celsius. Dass diese Anomalie ein äußerst kurzzeitiger Wert war und dass es auch andere Ursachen als Klimaerwärmung geben kann, ist Herrn Müller-Jung keine Erwähnung wert. Man braucht nur auf die entsprechende Internetseite für die Station Esperanza zu gehen, um zu sehen, dass an dieser an der nördlichsten Seite der West Antarktis gelegenen argentinischen Station im Januar und Februar Durchschnittstemperaturen von 2 bzw. 1 Grad Celsius herrschen.

Wer sich dann die GISS-Daten im Gebiet 60-70 Grad Süd; 80-50 Grad West für November bis März anschaut, der stellt nicht „eine der sich am schnellsten erwärmenden Gegenden der Erde“ fest, sondern in den letzten 25 Jahren eine Abkühlung fest. Weiter fragt man sich, wo denn ringsum den Südpol herum das Sommerwetter herrscht. Da kann einem auch ein Blick auf die anderen rund um den Südpol gelegenen Stationen helfen. Auf timeanddate.com kann man sich einen Vergleich von aktuellen Temperaturen verschiedener Stationen rund um die Antarktis herunterladen. Alle bis auf die Stationen Rothera Research Station (britisch) und San Martin Base (argentinisch), wiesen am 17.2.2020 erhebliche Minusgrade auf.  Aber selbst diese zuletzt genannten Stationen – beide ebenfalls auf oder in der Nähe der westantarktische Halbinsel, also weit im Norden gelegen – zeigten nur + 2 Grad Celsius, was dem langjährigen Durchschnitt entspricht. Wo da die FAZ Sommerwetter rund um den Südpol herleitet, bleibt das Geheimnis von Herrn Müller-Jung.

Die Homepage des Alfred Wegner Instituts für Antarktis/ Neumaierstation vermeldet eine Studie aus dem Jahr 2012. Dort heißt es:

„Ein Ergebnis der Langzeitforschung: An der Neumayer-Station ist es in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht wärmer geworden.“

Natürliche Ursachen schiebt die FAZ locker zur Seite. Wenn die von der WMO veröffentlichten Berichte sorgfältiger gelesen werden würden, könnte man jedoch auch in deren Veröffentlichung vom 14. Februar 2020 folgende Summary finden:

“Everything we have seen thus far indicates a likely legitimate record but we will of course begin a formal evaluation of the record once we have full data from SMN and on the meteorological conditions surrounding the event. The record appears to be likely associated (in the short term) with what we call a regional „foehn“ event over the area:  a rapid warming of air coming down a slope/mountain,” according to WMO’s Weather and Climate Extremes rapporteur, Randall Cerveny.”

Zu gut Deutsch: die Ursache lag in einer anormalen Windsituation und hatte nichts mit dem Klimawandel zu tun. Vielleicht sollte Herr Müller-Jung sich auch einmal mit anderer Literatur beschäftigen: z.B. Jon Turner et al. in Nature 20. Juli 2016 („Absence of 21th century warming on Antarctic Peninsula consistent with natural variability“):

„Our findings cover only 1% of the Antarctic continent and emphasize that decadal temperature changes in this region are not primarily associated with drivers of global temperature change but, rather reflect the extreme natural internal variability of the regional atmospheric circulation.”

Aber vielleicht ist solche Recherche für Herrn Müller-Jung zu aufwändig, zumal sein Bild des „von Menschenhand angefachten Klimawandels“ unerschütterlich steht. Schade für die FAZ.