Wer rief die Geister?

Teile der Klimabewegung radikalisieren sich. Das feiert (natürlich) auch der „Spiegel“. In einem langen Artikel lässt er Andreas Malm als „Vordenker der radikalen Klimabewegung“ aus Schweden solche Sätze publizieren:

„Solange die Regierungen die Produzenten fossiler Brennstoffe fördern, müssen Menschen außerhalb der Staatsapparate die Dinge selbst in die Hand nehmen. Die Frage ist nicht, warum jemand so etwas tun sollte. Die Frage ist, warum es nicht mehr Menschen tun und warum wir so lange gewartet haben.“

Woher nehmen diese Leute die Gewissheit, dass ihre Taten gerechtfertigt wären? Woraus speist sich der Aktivismus, der offen zum Aushebeln der demokratischen Grundordnung aufruft? In seinem Artikel zählt Malm einiges auf, z.B.:

„Die Pole schmelzen mit einer von Wissenschaftlern kaum für möglich gehaltenen Geschwindigkeit…“

Wir werfen einen Blick auf das Eisvolumen als Mittelwert über alle Monate in der Arktis:

Ja, es gab große Verluste, nahezu 40% des Eises ging nach 1990 verloren. Das geschah jedoch bis 2012, danach stabilisierte sich das Geschehen. Die Geschwindigkeit des Schmelzens betrug also in den letzten 10 Jahren nahe null. So sind die Fakten. Das sollte den selbsternannten „Aktivisten“ vielleicht mal jemand sagen, um sie von ihren verfassungsfeindlichen Zielen abzubringen. Es wäre tatsächlich die Rolle, die Wissenschaftler auch hierzulande spielen sollten, und es gibt welche.

Leider eben auch andere, auf die sich diese, ja: Verfassungsfeinde allzu gern berufen in ihrem Kampf gegen alle fossilen Energien, die jedoch mit fortschreitender Energiewende auch bei noch so viel erneuerbaren Energien notwendig als Back Up sein werden, da auch die Kernkraft auf der „Liste des Bösen“ steht. Man sieht diesen Tweet und ist fassungslos:   

Screenshot Twitter

„Ohne Zweifel wird man sich einst an die fossile Ära als ein dunkles Zeitalter der Menschheit erinnern“

Das ist hanebüchener Unsinn! So kann man die Entwicklung der letzten 100 Jahren in wirklich relevanten Größen für die Menschheit leicht finden.

Der Anteil von Menschen in großer Armut reduzierte sich von 90% der Menschheit im Jahre 1820 auf 10% in 2015. Die Bildung hat sich dramatisch verbessert, Impfungen wurden eingeführt, die Kindersterblichkeit ging von 43% auf 4% zurück, usw.

Das alles wurde in der „fossilen Ära“ möglich, in der Professor Stefan Rahmstorf das „dunkle Zeitalter“ sieht. Er schreibt das wohlgemerkt nicht als Privatperson, er schreibt das als Klimawissenschaftler „Prof. Rahmstorf“ und befeuert damit als „Schreibtischtäter“ die Phantasien von terrorismusverdächtigen „Aktivisten“, die es mit ihren gefährlichen Anschauungen und Ankündigungen bis in den „Spiegel“ schaffen. Selbstverständlich betonen diese, dass sie Menschen damit nicht schädigen wollen! Nur liegt es kaum noch in der Hand der Täter, ob als Folge solcher krimineller Aktionen auch Menschen zu Schaden kommen. Das Argument zieht nicht! Rahmstorf ist damit ein „Geisterrufer“ im Sinne von Goethes „Zauberlehrling“. Er trägt Verantwortung, nicht nur für seinen völlig irrigen Tweet sondern auch für das, was er damit befeuert.

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Keith Baker auf The Conversation:

Climate change: UK’s net zero target is under threat because there’s no plan to pay for it

The UK government’s plan for achieving net zero greenhouse gas emissions by 2050 is at a serious risk of sinking before it’s been fully launched. With the Treasury having rejected a request by MPs to come up with a “clear funding plan”, there’s now every chance that an already bad plan will turn into no plan at all.

Things aren’t looking any better in Scotland. On 10 May, Scotland’s minister for zero carbon buildings, Patrick Harvie MSP, called on the UK government to rethink its “woefully inadequate” plans to insulate homes and tackle fuel poverty – central elements of the UK government’s net zero strategy, which would eliminate 20.8% of the UK’s emissions if successful.

But in November 2021 – when Harvie was himself questioned on where £33 billion of funding to decarbonise Scottish homes by 2045, as set out in the Scottish government’s Heat in Buildings Strategy, would come from – he couldn’t answer the question. And to make matters worse, figures published by the Scottish pro-independence think tank Common Weal suggest the real cost of decarbonising Scottish homes could easily be double that.

Here are just some of the reasons why the Treasury, and the Scottish government, are heading for an abject failure in funding net zero:

The public sector can’t foot the bill: Research by Inside Housing has put a price tag of £104 billion on decarbonising all the UK’s homes, with an upper estimate of £250 billion – equivalent to just under a quarter of the government’s total projected spending for 2022-23.

Householders can’t foot the bill: That same research estimates a decarbonisation cost of between £2,500-£50,000 per household (without any government subsidies), although from my research experience it seems likely most homes would be facing costs at the upper end of that scale. For comparison, UK average disposable household income in 2021 was £31,400. With the ongoing cost of living crisis, that number is likely to fall substantially.

Disproportionately affects low-income households: Households with the lowest incomes face the greatest costs for improving their energy efficiency. Many banks and building societies now offer “green mortgages” to fund improvements – subject to credit checks – but with the economy in such a precarious state, taking on more debt is a significant risk both for lenders and lendees.

Lack of investment from private sector: Private investors don’t have the confidence to invest in net zero plans. That’s because, in the absence of strong regulation forcing construction companies to decarbonise, retrofitting buildings to cut their carbon use is very expensive. Plus, improving energy efficiency reduces the amount of energy suppliers are able to sell. And when it comes to building new homes, developers who want to squeeze every ounce of profit from their sales have enough lobbying power to water down green housing targets in their new builds.

Poor measurements: Decisions about decarbonising buildings are based on Energy Performance Certificates (EPCs), measurements based on a range of assumptions and proxy data that have never been validated to any meaningful degree. This means that EPCs frequently under- and over-estimate the costs and benefits of the efficiency improvements they recommend, giving investors little confidence in how much energy decarbonisation efforts will save.

The real returns on achieving net zero plans are reduced emissions and energy bills, improvements in public health and wellbeing and increased resilience against climate change. Unfortunately, that doesn’t necessarily spell money for the private sector.

But even if money were no object, the UK construction industry is simultaneously facing a serious skills and materials shortage, amplified by the Brexit brain drain and the COVID-driven boom in home improvements. And even if decarbonising every home in the UK was successful, the government will still need to tackle all the other critical issues for achieving net zero, including energy generation, transport, agriculture and many more.

One option that could begin to provide funding for net zero – and slowing climate change – would be a windfall tax on fossil fuel companies, ideally followed by taxation on their historical profits from contributing to the climate crisis.

But the world’s biggest polluters are so confident that governments won’t take the necessary action that they have placed massive bets against them in the form of “carbon bombs” that would blow any chances of averting catastrophic climate change out of the water. These “bombs” include 195 enormous oil and gas projects across the world which, if not stopped, will release over a billion tonnes of carbon dioxide each – equivalent to 18 years of current global CO₂ emissions.

This makes it all the more important that the chancellor of the exchequer, Rishi Sunak, makes good on his threat to impose such a tax. Backing down now would leave the net zero agenda dead in the water.

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Alex Reichmuth im Nebelspalter:

Frankreichs Kampf gegen den Blackout

Was in der Schweiz erst in den nächsten Jahren droht, ist in Frankreich schon Realität: Strommangel. Der Grund ist, dass die Kernkraftwerke wegen Überalterung häufig still stehen. Ein Stromausfall in Frankreich könnte auch für die Schweiz gravierende Folgen haben.

Weiterlesen im Nebelspalter

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Die Deutsche Rohstoffagentur hat einen neuen Bericht herausgegeben:

LITHIUM-IONEN-BATTERIERECYCLING IN DEUTSCHLAND UND EUROPA

Hier geht’s zum pdf.

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Technische Universität Dresden:

Zukunft der Reaktorforschung nach dem Atomausstieg

Deutschlands modernster Kernreaktor steht in Dresden
Über die Zukunft der Reaktorforschung nach dem Atomausstieg

Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine wird auch die Diskussion um den deutschen Atomausstieg wiederbelebt. Während einige Politiker wie der bayerische Ministerpräsident Markus Söder einen ‚Ausstieg aus dem Ausstieg‘ fordern, um sich mit deutschem Atomstrom von Russlands Erdgas unabhängig zu machen und die Energieversorgung Deutschlands sicherzustellen, hat die Bundesregierung laut Umweltministerin Steffi Lemke keine Pläne, ihren Kurs zu ändern: Alle deutschen Atomkraftwerke werden planmäßig 2022 abgeschaltet.

Doch das bedeutet nicht das Aus für alle kerntechnischen Anlagen Deutschlands. Auch nach dem geplanten Atomausstieg 2022 werden sechs weitere deutsche Kernreaktoren in Betrieb sein – Ausbildungs- und Forschungsreaktoren, die nicht kommerziell genutzt werden. Einer davon ist der Ausbildungskernreaktor 2, kurz AKR-2, im Walther-Pauer-Bau auf dem Campus der TU Dresden.

Der 1978 in Betrieb genommene AKR in Dresden ist die letzte Erinnerung an die Bestrebungen der DDR, Sachsen zum Zentrum der Kernenergieforschung auszubauen. Im Zuge der Wiedervereinigung wurde vereinbart, dass die Betriebsgenehmigungen der ostdeutschen kerntechnischen Anlagen 2005 unwirksam werden. Unter diesen Umständen fiel in Sachsen 1998 die Entscheidung, ein neues Genehmigungsverfahren für den AKR an der TU Dresden einzuleiten, um dessen Weiterbetrieb zu sichern. Am Ende dieses bürokratischen Mammutvorhabens stand die umfassende Modernisierung des AKR ab 2004. Nach nur einem Jahr Umbauzeit konnte der Reaktor 2005 schließlich wieder in Betrieb genommen werden und aus dem AKR-1 wurde der AKR-2.

„Der AKR-2 ist damit noch vor dem 2004 in München in Betrieb genommenen Forschungsreaktor FRM II der modernste Kernreaktor Deutschlands,“ erklärt der Leiter des Reaktors, Dr.-Ing. und Diplomphysiker Carsten Lange. Nicht nur seine Modernität macht den AKR-2 besonders: Durch seine niedrige Leistung von nur 2 Watt und die Sicherheit des Systems, das ohne Kühlwasser auskommt und so konfiguriert ist, dass es sich bei Überschreiten definierter Grenzwerte von selbst abschaltet, darf jede Person ab 16 Jahren ohne vorherige Ausbildung den Reaktor unter Aufsicht des Reaktorbetriebspersonals bedienen. Das macht den AKR-2 zu einem besonders beliebten Reaktor für Gäste aus aller Welt. So begrüßt Carsten Lange normalerweise über 1000 Gäste im Jahr am AKR-2 und selbst 2021 besuchten trotz Corona noch 700 bis 800 Personen die Anlage. Darunter sind zahlreiche Schulklassen, Vereine, aber auch Firmen, die ihre Mitarbeiter weiterbilden wollen. Außerdem werden am AKR-2 regelmäßig international tätige Kernmaterialinspekteure ausgebildet.
Doch welche Zukunft hat die deutsche Forschung an Kernreaktoren nach 2022? Bedeutet der Ausstieg aus der Kernenergie auch das Aus für den AKR-2?

„Nein,“ sagt Carsten Lange entschieden. Zum einen werden unsere Nachbarländer weiter Kernkraftwerke bauen, daher ist es wichtig, dass auch in Deutschland das Know-How zu Kernreaktoren erhalten bleibt. „Der sichere Betrieb kerntechnischer Anlagen im Ausland stellt ein wesentliches deutsches Sicherheitsinteresse dar. Wenn ein völlig neues Reaktorsystem im Ausland eingesetzt wird, müssen wir in der Lage sein, die Sicherheit dieses Systems bewerten zu können. Dafür brauchen wir eigene Forschung, um die internationalen Entwicklungen in der Kerntechnik zu begleiten und uns aktiv in die internationale Diskussion zu Reaktorsicherheitsfragen sowie die Weiterentwicklung des Standes von Wissenschaft und Technik einbringen zu können.“ Zum anderen ist Deutschland, so Carsten Lange, ein Vorbild für Reaktorsicherheit. „Es wäre ein Problem für Deutschland, wenn wir hier die Kompetenzen verlieren. Dann hätten wir kein Mitspracherecht mehr, was die Sicherheitskultur an ausländischen Anlagen betrifft.“

Aktuell werden diese Kompetenzen von Carsten Lange und seinem Team nicht nur an die Studierenden der TU Dresden weitergegeben, sondern auch im Rahmen des von Euratom, der europäischen Atomgemeinschaft, finanzierten „GRE@T PIONEeR“-Projekts an internationale Studierende und Doktorand:innen. Neben der Lehre entwickelt das Team am AKR-2 außerdem ein neues reaktorphysikalisches Verfahren für die Kernmaterialinspektion, das in die Ausbildung der Inspekteure aufgenommen werden soll und ist in Projekte unter anderem zur Moderatorentwicklung und zu ganz neuen Reaktorsystemen, wie dem Dual Fluid Reaktor involviert.

Die Forschung am AKR-2 beschränkt sich jedoch nicht allein auf Themen, die unmittelbar mit Kernenergie in Zusammenhang stehen. Der Reaktor verfügt über mehrere Experimentierkanäle, mithilfe derer Proben direkt mit Neutronen bestrahlt werden können. So kann die Auswirkung von erhöhter Strahlung auf verschiedenste Materialien untersucht werden. Dies ist zum Beispiel für die Raumfahrt relevant. Im All eingesetzte Mikroelektronik ist einer höheren Strahlung ausgesetzt als auf der Erde. Um zu testen, wie sich dies auf die Technik auswirkt, werden aktuell in den Experimentierkanälen des AKR-2 Platinen gezielt bestrahlt und so ihre Strahlungsresistenz überprüft.

Auch für andere Energietechnologien kann die Forschung am AKR-2 einen wertvollen Beitrag leisten: Durch die Methode der Neutronenradiografie, also der Bildgebung mittels Neutronenbestrahlung, können die Forscher:innen am AKR-2 in Brennstoffzellen hineinschauen während diese in Betrieb sind. So kann erkannt werden, wo sich bei der Reaktion von Wasser- und Sauerstoff in der Zelle Wasser bildet. Diese Informationen sind nützlich, um Brennstoffzellen effizienter zu gestalten. Auch Wasserstoffspeicher und Flüssigmetallbatterien können mittels der Neutronenradiografie untersucht werden. So trägt der AKR-2 auch zur Weiterentwicklung von Wasserstofftechnologien und Energiespeichern bei.

Carsten Lange hat aber noch weitreichendere Pläne: Er möchte den AKR-2 zu einer Experimentierplattform ausbauen, die noch mehr Möglichkeiten für die Reaktorsicherheitsforschung bietet und gleichzeitig auch zu ganz anderen Forschungsfeldern wissenschaftlich beitragen kann. Damit würde er zwei Lücken in der deutschen Forschungslandschaft füllen, in der es einerseits fast keine experimentelle Reaktorphysik mehr gibt und andererseits nur noch sehr wenig Neutronenquellen für die Forschung existieren: „Wir können neue reaktorphysikalische Methoden entwickeln, in denen sowohl Experimente als auch Simulationen in zweckmäßiger Weise eingebunden werden – das ist etwas Besonderes in diesem Gebiet. Außerdem können andere Wissenschaftler:innen die vom AKR-2 bereit gestellten Neutronen als Sonde für ihre spezifischen wissenschaftlichen Fragestellungen nutzen.“ Dementsprechend blickt er optimistisch in die Zukunft des AKR-2: „Es gibt noch wahnsinnig viel Potential und meine Aufgabe ist es, im Rahmen des bestimmungsgemäßen Betriebs des AKR-2 diese Entwicklungen voranzubringen.“