Und wenn das Geld im Kasten klingt, der Forscher aus dem Sessel springt…

Von Uli Weber

Die allgegenwärtige Klimahysterie bietet inzwischen auch randständigen Wissenschaftszweigen eine hervorragende Plattform, sich glaubenstragende wissenschaftliche Forschung finanzieren zu lassen. Im heutigen Neusprech nennt man das „Rent-Seeking“. Eine Suche im Google-Wörterbuch nach diesem Begriff  führt zu folgender Erklärung, Zitat:

„Rent-See·king, Rentseeking /ˈrɛntsiːkɪŋ/

Substantiv, Neutrum [das] Wirtschaft

Verhalten von Marktakteuren, das darauf abzielt, unter Einsatz von Ressourcen (z. B. Geld) wirtschaftspolitische Privilegien (z. B. Steuervorteile) zu erlangen, um so das eigene Einkommen zulasten des Einkommens anderer Marktteilnehmer zu steigern

Herkunft: englisch rent-seeking, aus: rent = Rente (1b) und seeking = das Suchen; geprägt 1974 von der US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlerin A.O. Krueger (*1934)

Ein aktuelles Beispiel: Die Süddeutsche Zeitung meldete am 22. Juli 2019 unter der Überschrift „Zeitreise im Permafrost“, Zitat mit Hervorhebungen:

Bisherige Modellrechnungen von Paläontologen ergeben, dass die globalen Temperaturen in den vergangenen 8000 Jahren bis ins 19. Jahrhundert hinein kontinuierlich abgenommen haben. Das stimmt mit der abnehmenden Sonneneinstrahlung überein, deren Ursache astronomische Parameter wie eine stärkere Neigung der Erdachse sind. Darauf beruht die Hypothese, dass die Erde eigentlich einer neuen Eiszeit entgegenging – bis im vergangenen Jahrhundert die heutige, menschengemachte Erwärmung einsetzte. Aber die bekannten Messdaten zeigen im Wesentlichen nur das sommerliche Bild. Eiskeile hingegen speichern Informationen über den Winter. Um auf die Umweltbedingungen schließen zu können, untersucht Thomas Opel mit seinen Kollegen, wie sich das Verhältnis des schweren Sauerstoffisotops O-18 zum etwas leichteren O-16 über die Jahrtausende in den Eiskeilen verändert hat.“

Alle gesicherten paläoklimatischen Erkenntnisse über das Römische Optimum, das Pessimum der Völkerwanderung, die Mittelalterliche Warmzeit und die Kleine Eiszeit werden hier einfach einmal „weggebügelt“. Richtig ist an dieser Aussage nämlich nur, dass die Wissenschaft in den 1960-er und 1970-er Jahren tatsächlich eine neue Eiszeit prognostiziert hatte. Allen aktuellen Quellen zufolge soll die „menschengemachte Klimakatastrophe“ dagegen bereits mit der Industrialisierung und dem damit verbundenen Verbrauch fossiler Kohlenwasserstoffe um 1850 begonnen haben, also ein „menschengemachter Klimawandel“ ausgerechnet am Ende der Kleinen Eiszeit. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) textete dagegen am 13.01.2016 in einer Presseerklärung mit dem Titel „Menschgemachter Klimawandel unterdrückt die nächste Eiszeit“, Zitat mit Hervorhebungen:

„ ‚Auch ohne den menschengemachten Klimawandel würden wir den Beginn einer neuen Eiszeit erst in etwa 50.000 Jahren erwarten – das macht das Holozän als gegenwärtige Epoche bereits zu einer ungewöhnlich langen Phase zwischen zwei Eiszeiten‘, erklärt Leitautor Andrey Ganopolski. ‚Unsere Studie zeigt jedoch auch, dass bereits relativ moderate zusätzliche CO2-Emissionen aus der Verbrennung von Öl, Kohle und Gas ausreichen, um die nächste Eiszeit um weitere 50.000 Jahre zu verzögern‘.“

Das herausgehobene Zitat vom PIK steht also in diametralem Widerspruch zu der unbelegten Behauptung in der Süddeutschen Zeitung – und ist ebenfalls falsch.

Zwischenbemerkung des Autors zu den paläoklimatischen Warmzeiten: Die Temperaturproxys aus dem Vostok-Eiskern zeigen jeweils Warmzeiten von etwa 10.000 bis 15.000 Jahren Länge:

Abbildung: Die Vostok-Temperaturproxys aus den Originaldaten von Petit  et al. (2001)
(UW at
Kalte Sonne)

 

Unsere gegenwärtige Warmzeit dauert also bereits seit etwa 12.000 Jahren an. Folglich ist innerhalb eines Zeitraums von 0-3000 Jahren mit einer neuen Eiszeit zu rechnen.

Weiter im Artikel der Süddeutschen Zeitung, Zitat mit Hervorhebungen:

Dabei gilt im Allgemeinen: Je weniger O-18 im Eis, desto kälter war es. Zum ersten Mal konnten eindeutig datierte Wintertemperaturen aus dem sibirischen Permafrost ermittelt werden. „In den zurückliegenden 7000 Jahren sind die Winter im Lenadelta kontinuierlich wärmer geworden – eine Entwicklung, die wir bisher aus kaum einem anderen arktischen Klimaarchiv kennen“, sagt Opels Kollege Hanno Meyer. Die Gegenläufigkeit des Trends – kälter im Sommer, aber wärmer im Winter – war bisher schwer nachzuweisen.“

Die hier zitierte Aussage von Hanno Meyer, „In den zurückliegenden 7000 Jahren sind die Winter im Lenadelta kontinuierlich wärmer geworden…“,  widerspricht diametral dem Eingangszitat aus der SZ, „Bisherige Modellrechnungen von Paläontologen ergeben, dass die globalen Temperaturen in den vergangenen 8000 Jahren bis ins 19. Jahrhundert hinein kontinuierlich abgenommen haben.“ Beiden Aussagen gemeinsam ist nur das Adjektiv „kontinuierlich“, und auch das ist noch falsch. Denn der paläoklimatische Temperaturverlauf über das Römische Optimum, das Pessimum der Völkerwanderung, die Mittelalterliche Warmzeit und die Kleine Eiszeit war sicherlich „kontinuierlich“ im Sinne von „lückenlos“, aber weder kontinuierlich zunehmend noch kontinuierlich abnehmend.

Wegen der fehlenden Quellenangabe in der SZ wurde eine Internetrecherche nach Opel& Meyer erforderlich, die zunächst lediglich zu einem Artikel „Permafrostdegradation in Sibirien – Sozio-ökonomische Aspekte“ von Thomas Opel & Mathias Ulrich auf einem Bildungsserver geführt hatte. Dort heißt es, Zitat:

Die nordeurasischen Permafrostgebiete zählen zu den Regionen mit der weltweit stärksten gemessenen Erwärmung über die letzten Jahrzehnte (Abb. 7.3-2, Fe­dorov et al. 2014a, Meyer et al. 2015). Basierend auf Klimamodellanalysen wird für die Region prognosti­ziert, dass sich der bereits eingeleitete Erwärmungspro­zess noch deutlich verstärkt und damit große Teile der Arktis und vor allem der Subarktis im Jahr 2100 von tauendem Permafrost betroffen sind (AMAP 2012).“

Die genannte Abbildung 7.3-2 aus der Arbeit von Opel & Ulrich (2015) zeigt aber lediglich eine Lufttemperatur-Messreihe der Jahresmitteltemperatur 1940-2010 für Tiksi und Jakutsk:

 

Abbildung Abb. 7.3-2 aus „Permafrostdegradation in Sibirien – Sozio-ökonomische Aspekte“ S. 263. (Datenquelle nach O&U: NOAA National Climatic Data Center; http://www.ncdc.noaa.gov/)

 

Das Jahresmittel der Temperatur zeigt hier zwar einen Anstieg, bleibt dabei aber weiterhin deutlich unter 0 Grad Celsius. Der hier von Opel & Ulrich dargestellte Zeitraum beträgt etwa 70 Jahre, also nach Adam Riese lediglich 1% des von der Süddeutschen Zeitung genannten Zeit(t)raums von 7000 Jahren. Die von Meyer in der Süddeutschen Zeitung genannten Temperaturinformationen aus den Eiskeilen über 7000 Jahre waren dagegen ohne die dort fehlende Quellenangabe nirgendwo auffindbar; aber ohne solche Daten lässt sich eine „Message“ offenbar auch am besten vermitteln.

Erstaunlicherweise ist aber bereits im Jahre 2015 über solche 7000 Jahre umfassenden Eiskeil-Temperaturdaten mit einer ähnlichen Aussage von denselben Wissenschaftlern Thomas Opel und Hanno Meyer öffentlich berichtet worden, wie sie jetzt auch die SZ am 22. Juli 2019 thematisiert und nicht belegt hatte.

Beweis: Auf „Ingenieur.de“ findet man zum selben Thema einen älteren Artikel vom 27.01.2015, in dem es unter einem mit „42 Eisproben von 13 Eiskeilen ausgewertet“ überschriebenen Absatz heißt, Zitat mit Hervorhebungen:

‚Das Schmelzwasser stammt jeweils vom Schnee eines Winters. Gefriert es in der Frostspalte, werden Informationen über die Wintertemperatur in jenem Jahr mit eingeschlossen‘, so AWI-Forscher Thomas Opel. ‚Uns ist es nun erstmals gelungen, diese im Eis gespeicherten Temperaturinformationen mithilfe der Sauerstoff-Isotopenanalyse zu einer Klimakurve für die vergangenen 7000 Jahre zusammenzufassen.‘

Also hatte man im Jahre 2015 offenbar lediglich 42 Eisproben für 7000 Jahre oder eine Eisprobe für durchschnittlich knapp 170 Jahre vorliegen. Daraus traute man sich dann, die folgende, angeblich wissenschaftliche, Aussage abzuleiten, Zitat mit Hervorhebungen:

Deutliche Hinweise fanden die Wissenschaftler bei der Suche nach den Ursachen der Erwärmung. ‚Wir sehen in unserer Kurve eine klare Zweiteilung. Bis zum Beginn der Industrialisierung um das Jahr 1850 können wir die Entwicklung auf eine sich ändernde Position der Erde zur Sonne zurückführen. Das heißt, damals haben die Dauer und Intensität der Sonneneinstrahlung von Winter zu Winter zugenommen und auf diese Weise zum Temperaturanstieg geführt.‘

[Herausgehoben]  Ursache der Wintererwärmung ist unter anderem der Treibhauseffekt

‚Mit dem Beginn der Industrialisierung und dem zunehmenden Ausstoß von Treibhausgasen wie Kohlendioxid aber kam dann noch der vom Menschen verursachte Treibhauseffekt hinzu. Unsere Datenkurve zeigt ab diesem Zeitpunkt einen deutlichen Anstieg, der sich wesentlich von der vorgegangenen langfristigen Erwärmung unterscheidet‘, so Hanno Meyer.“

Diese „wissenschaftliche“ Aussage ist allerdings ein zweistufiger Witz mit Nachbrenner:

Erstens bildet eine 7000-Jahre-Datenkurve mit 42 Punkten angeblich den Zeitpunkt der Industrialisierung um das Jahr 1850 deutlich ab, obwohl der durchschnittliche Datenabstand etwa dem Zeitraum seit der Industrialisierung entspricht. Das Nyquist-Kriterium lässt die Herren aus der angewandten Klimawissenschaft ganz herzlich grüßen, denn das ist wirklich ganz großes Klima-Kino. Es muss wohl nicht ausdrücklich betont werden, dass auch hier kein Quellenverweis zu finden ist; denn mit einer graphischen Darstellung dieser Daten würde jeder diesen Witz sofort erkennen.

Und zweitens gibt es in der Klimawissenschaft bis heute keinerlei überprüfbare Aufteilung zwischen einem natürlichen und einem „menschengemachten“ Klimaantrieb. Vielmehr wird von der politisierten Klimawissenschaft permanent versucht, jedwede Klimaveränderung seit Beginn der Industrialisierung ausschließlich dem Menschen zuzurechnen – und das ist eindeutig falsch.

Der Nachbrenner: Das Unterscheidungskriterium der Klimawissenschaft zwischen „natürlich“ und „menschengemacht“ ist nicht etwa ein quantifizierter Strahlungsantrieb in „Watt pro Quadratmeter“ [W/m²], sondern das ominöse Jahr „1850“ auf der Zeitachse, was eindeutig dem Aktualitätsprinzip der Geologie (Prinzip der Gleichförmigkeit der Prozesse) widerspricht.

Schlussbemerkung: Die medial zitierte 7000-Jahre-Rekonstruktion von Klimadaten aus Eiskeilen steht der Öffentlichkeit offenbar gar nicht frei zur Verfügung. Es konnten im Internet aber zwei weitere Hinweise auf entsprechende Artikel ermittelt werden, die beide hinter einer pekuniären Schranke verborgen sind. Daher muss offen bleiben, ob die medial verbreitete 7000-Jahre-Temperaturrekonstruktion überhaupt als graphische Darstellung existiert.

Eine Autorensuche auf der Internetpräsens des AWI ergab den Hinweis (dort Nr.8) auf einen zeitlich und thematisch passenden Artikel:  “With the Chainsaw to Climate Modelling – Ice Wedges as a Winter Climate Archive” (Meyer, H., Opel, T. and Derevyagin, A. Y., 2018) in “20 Years of Terrestrial Research in the Siberian Arctic – The History of the Lena Expeditions” Alfred Wegener Institute, 202 p., ISBN: 978-3-88808-714-1. Dieser Artikel ist offenbar Teil eines Buches und beim AWI nicht frei abrufbar.

Eine weitere Internetsuche nach diesem Titel führte auf dem Wiley Online Library zu der wissenschaftlichen Veröffentlichung in Permafrost and Periglacial Processes „Ice wedges as archives of winter paleoclimate: A review“ von Thomas Opel, Hanno Meyer, Sebastian Wetterich, Thomas Laepple , Alexander Dereviagin , Julian Murton aus dem Jahre 2018.

Diese Veröffentlichung befindet sich hinter einer Zahlschranke. In der Zusammenfassung des heißt es dort, Zitat mit Hervorhebungen:

Ice wedges are a characteristic feature of northern permafrost landscapes and grow mainly by snowmelt that refreezes in thermal contraction cracks that open in winter. In high latitudes the stable‐isotope composition of precipitation (δ18O and δD) is sensitive to air temperature. Hence, the integrated climate information of winter precipitation is transferred to individual ice veins and can be preserved over millennia, allowing ice wedges to be used to reconstruct past winter climate. Recent studies indicate a promising potential of ice‐wedge‐based paleoclimate reconstructions for more comprehensive reconstructions of Arctic past climate evolution. We briefly highlight the potential and review the current state of ice‐wedge paleoclimatology. Existing knowledge gaps and challenges are outlined and priorities for future ice‐wedge research are suggested. The major research topics are (1) frost cracking and infilling dynamics, (2) formation and preservation of the stable‐isotope information, (3) ice‐wedge dating, (4) age‐model development and (5) interpretation of stable‐isotope time series. Progress in each of these topics will help to exploit the paleoclimatic potential of ice wedges, particularly in view of their unique cold‐season information, which is not adequately covered by other terrestrial climate archives.”

Hier taucht es wieder auf, das ominöse Wort „indicate“. Anzeichen und Schlussfolgerungen sind aber keine wissenschaftlichen Beweise, sondern lediglich offene wissenschaftliche Fragestellungen, denen man nur nachgehen kann, wenn man über entsprechende Forschungsmittel verfügt. Damit schließt sich dann auch der Kreis: Wir haben es bei den oben zitierten Medienmeldungen in der SZ und auf Ingenieur.de über die Rekonstruktion von Klimadaten aus Eiskeilen ganz offensichtlich mit den Werbespots eines aufstrebenden Forschungszweiges zu tun, der an die Geldhähne der allgegenwärtigen Klimahysterie drängt, frei nach dem Motto: Und wenn das Geld im Kasten klingt, der Forscher aus dem Sessel springt…