Stefan Rahmstorf und sein „Golfstromsyndrom“

Während die Diskussion zwischen Axel Bojanowski und Stefan Rahmstorf nicht so recht in Gang kommen will (wir berichteten), vor allem wohl wegen des durch Rahmstorf ständig eingetragenen „Authority Bias“,  erschien eine Arbeit von  Christopher G. Piecuch, in der er die Stärke des Florida-Stroms aus Messungen und Rekonstruktionen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurück versucht zu bestimmen. Er findet ein „gewisses“ Nachlassen. Der Kernsatz der Resultate lautet:

„The centennial trend during 1909–2018 is  −1.7 ± 3.7 Sv century−1, which overlaps zero, but implies that the trend is likely negative (P = 0.82;…)“

Der P-Wert zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit der Aussage bei ganzen 18% liegt, man sieht die Unsicherheit auch an den Daten. Die Benutzung von „likely“ (wahrscheinlich) in diesem Kontext ist eher gewagt, nach IPCC hätte ein aufmerksamer Reviewer es ersetzen sollen durch „unlikely“, weil die geforderte 33%-Wahrscheinlichkeit (P=0,66) für „likely“ bei weitem nicht erreicht ist. Die Sache verursachte einigen Wirbel in den Medien (z.B. hier), die offensichtlich die Arbeit nicht gelesen haben. Das kommt bei so knalligen Überschriften schon mal vor, wie wir leider wissen. 

Es äußerte sich jedoch auch der Ozeanologe Stefan Rahmstorf (twitter.com). Aber gerade er hätte vor der Verbreitung der steilen These: „Neue Belege für die Abschwächung des Golfstromsystems“ vielleicht die Arbeit lesen und verlinken sollen, statt den die Unsicherheiten völlig ausblendenden Bericht darüber.  Es ist schließlich Ozeangraph! Wie könnte sich der Florida- Strom wirklich abschwächen? Er ist vom Wind angetrieben, genauer gesagt durch den Passat-Wind. Er bläst mit einer recht konstanten Ost-West- Komponente und treibt das warme Wasser am Äquator westwärts, bis in den Golf von Mexico. Durch die runde „Bauform“ dieses Beckens wird es weiter beschleunigt und strömt südlich von Florida in der Meerenge zu Kuba wie durch eine Düse aus, weiter die Ostküste der USA entlang nach Norden. Es ist einzig der atlantische Passatwind, der das alles in Gang setzt. Hat er abgenommen? 

Die Abbildung wurde mit dem „KNMI-Climate Explorer“ generiert und zeigt die Anomalie des zonalen Windstresses über dem tropischen Atlantik.   

Wir sehen seit 1979 ein recht variables Verhalten, von einem signifikanten Langzeittrend fehlt jede Spur. Das alles ist nicht das, was zu einem „Zusammenbruch“ des Nordatlantik- Stroms führen kann. Im Norden, östlich von Neufundland ist der treibende Mechanismus ein völlig anderer. Man nennt ihn „thermohalin“: das warme Wasser des ursprünglichen Florida- Stroms bewegt sich an der Oberfläche langsam Richtung dem Seegebiet östlich von Grönland. Dort ist es dann so weit abgekühlt, dass es nun durch seinen größeren Salzgehalt in die Tiefe fällt und neues wärmeres Wasser nach sich zieht.

Dieser Antrieb könnte tatsächlich nachhaltig gestört werden durch Versüßung: Schmelzwasser von Grönland und sibirischen Flüssen aus könnte theoretisch  dazu führen, dass die Dichteunterschiede kleiner werden und viel weniger Wasser hinabfällt. Davon jedoch sind wir sehr weit entfernt. Das alles sollte Stephan Rahmstorf wissen. Seine „Jubel-Tweet“ wird daher in der Fachwelt weitere Fragezeichen aufwerfen. Zu Recht!