Sinus verschwiegen: Der dramatisierte Arktis-Meeresspiegel

Von Werner Kohl

Die Webplattform wissenschaft.de berichtete am 16. Juli 2019 über eine Arbeit von Rose et al., in der der Verlauf des Meeresspiegels des arktischen Ozeans zwischen 1991 und 2018 anhand von Radar-Satellitendaten untersucht wurde. Mit dieser Methode konnte die Höhe des Meeresspiegels auch durch das aufliegende Meereis hindurch bestimmt werden. Diese Arbeit („Arctic Ocean Sea Level Record from the Complete Radar Altimetry Era: 1991–2018“) steht zum freien Download zur Verfügung (pdf).

Das IPCC gibt in seinem 5. Sachstandsbericht („AR5“) einen mittleren Anstieg des Meeresspiegels von 3,2 mm/Jahr an (Zusammenfassung des Umweltbundesamts). In diesem Sachstandsbericht fehlten verlässliche Daten zum Meeresspiegelanstieg für das Nordpolarmeer, da das aufliegende Meereis die Datenerfassung bisher erschwerte. Diesem Manko konnte die Arbeit von Rose et al. nun abhelfen. Das Ergebnis dieser Arbeit fasste wissenschaft.de zunächst wie folgt zusammen:

Auch unter dem arktischen Meereis steigt der Meeresspiegel. Bezogen auf den Zeitraum der letzten 22 Jahre liegt der Anstieg bei durchschnittlich 2,2 Millimeter im Jahr, wie die Forscher berichten.

Dies bedeutet, dass der Meeresspiegelanstieg im Nordpolarmeer nur 2 Drittel so hoch ist wie im AR5 angegeben. Das ist doch recht erfreulich. Abb. 6b der Arbeit gibt diesen Sachverhalt wieder. Noch erfreulicher wird es, wenn man die Arbeit näher untersucht. In Abb. 6a wird der Pegelverlauf nämlich bis 1991, also über 27 Jahre, zurückverfolgt. Für diesen Zeitraum beträgt der mittlere Meeresspiegelanstieg sogar nur 1,54 mm pro Jahr – also nur die Hälfte des Werts im AR5. Die Forscher weisen allerdings darauf hin, dass die Daten zwischen 1991 und 1996 wegen des eingesetzten Satelliten ERS-1 weniger verlässlich seien. Hier ist die Abbildung 6 der Arbeit:

 

Auffällig ist, dass der Verlauf der Meeresspiegelanomalie offenbar eine Überlagerung eines linearen Anstiegs mit einer Sinuswelle der Periode ~11 Jahre zu sein scheint. Da zwischen 1991 und 1996 wohl ein Maximum der Sinuswelle vorliegt, ist verständlich, dass die Regressionsgerade in 6b etwas steiler ist – wurde doch dieses erste Maximum in der Regression nicht berücksichtigt. Diese gute Botschaft eines relativ geringen Meeresspiegelanstiegs wird getrübt durch den 2. Teil des Resümees:

Dieser Trend ist allerdings nicht stabil, sondern hat sich in den letzten Jahren deutlich beschleunigt: Bis etwa 2007 lag der mittlere Anstieg noch bei einem bis zwei Millimetern im Jahr, inzwischen erreicht er bereits Werte von bis zu acht Millimeter pro Jahr – Tendenz weiter steigend, so Rose und ihr Team.

Das wiederum klingt bedrohlich. Schauen wir doch mal auf die Abbildung 9, die zu diesem Resümee geführt hat:

 

Hier wurde eine Trendanalyse des Meeresspiegelanstiegs mit verschiedenen Anfangspunkten, aber bei jeweils gleichem Endpunkt durchgeführt. Dabei wird mit jedem Datenpunkt das Beobachtungsintervall um jeweils 5 Jahre gekürzt. Der 1. Datenpunkt besitzt – wenig überraschend – den Wert 1,54 mm/Jahr, da er die Steigung der Regressionsgerade über den gesamten Datensatz repräsentiert. Nicht dargestellt, aber passend zur Kurve, ist der Datenpunkt, der zu dem Intervall von Abb. 6b gehört.

Bis zum Datenpunkt 2004-2019 variiert die Kurve um oder unter 2 mm/Jahr, ist aber relativ konstant.
Beim vorletzten Datenpunkt (2009-2019) steigt der Wert für den Meeresspiegelanstieg auf etwa 3 mm/Jahr (also dem im AR5 genannten Wert) an. Dramatisch scheint aber der letzte Datenpunkt (2014-2019) zu sein, bei dem der Trend auf 8 mm/Jahr gestiegen ist. Bedeutet dies, dass sich die Situation in den letzten 5 Jahren wesentlich verschlimmert hat? Hat sich der Meeresspiegelanstieg im Vergleich zu den letzten 22 bzw. 27 Jahren vervierfacht oder gar verfünffacht?

Um es kurz zu machen: Diese Schlussfolgerung ist unsinnig und möglicherweise dem Umstand geschuldet, dass beim derzeitigen Zeitgeist möglichst jede Arbeit im Bereich der Klimaforschung alarmistische Botschaften enthalten muss. Schauen wir nochmal auf die Abbildung 6a:

 

Wir erkennen, dass der Intervallbeginn des letzten Datenpunkts der Trendanalyse (2014) offenbar ein in einem Minimum der Sinuskurve liegt, während das Intervallende (2018) offenbar in einem Maximum liegt. Und dieser ansteigende Ast der Sinuskurve wird extrapoliert („Tendenz weiter steigend“) und dient als Aufhänger für weiteren Alarmismus – ungeachtet des eigentlich erfreulich geringen Meeresspiegelanstiegs der letzten 22 bzw. 27 Jahre. Dies erinnert an die unhaltbaren Schlussfolgerungen der Arbeit von Nerem et al. die ich bereits vor einem guten Jahr thematisiert hatte.

Zum Schluss bleibt die Frage, was Rose et al. geschlussfolgert hätten, wenn diese Arbeit vor 5 Jahren erschienen wäre. Hätten sie geschrieben, dass aus der Trendanalyse der vorangehenden 5 Jahre zu schließen ist, dass der Meeresspiegel wieder fällt?