Naiver Stresstest?

Von Dipl.-Phys. Ulrich Waas

Nach den Verlautbarungen der Bundesregierung soll mit dem erneuten „Stresstest“ geklärt werden, ob im kommenden Winter auch bei Ausfall aller Gaslieferungen aus Russland, Schwierigkeiten in der Stromversorgung in Frankreich sowie Abschaltung der drei noch laufenden KKW in Deutschland die Stromversorgung gesichert werden kann. Dafür wird auf Weiterbetrieb und Wiederinbetriebnahme von – oft alten – Kohlekraftwerken gesetzt. Möglicherweise ließe sich das erreichen, auch wenn die Bereitschaft der Kohlekraftwerksbetreiber dafür ohne erhebliche öffentliche Zuschüsse besonders zur Wiederinbetriebnahme bisher gering zu sein scheint.

Aber die Winter danach kommen bestimmt – ist es da nicht sehr naiv, den Stresstest nur für den kommenden Winter zu veranstalten? Ist es nicht notwendig, sich seriös und sorgfältig mit den folgenden Fragen auseinanderzusetzen, bevor man praktisch CO2-freie Energiequellen endgültig abschaltet?

  1. Mehrheitlich wird das Ziel gesehen, möglichst bald zu einer klimaneutralen Stromerzeugung und Wirtschaft zu kommen. – Wie lange aber wird es dauern, bis bei erheblich wachsendem Strombedarf – wegen Umstellung der Energieverbraucher auf Klimaneutralität Verdopplung bis Verdreifachung – eine Lösung ohne Kohle, Erdgas, Erdöl und Kernenergie gefunden ist?
    Optimisten rechnen mit ca. 15 Jahren, Realisten eher mit ca. 30 Jahren. Bis letztes Jahr wollten selbst prominente Optimisten der Energiewende (Rainer Baake, Staatssekretär unter Trittin, Patrick Graichen, Staatssekretär jetzt unter Habeck) als „Brückentechnologie“ massiv Erdgaskraftwerke zubauen (zusätzlich rund 50.000 MW!!!), da sie bis 2035 keine ausreichende Lösung für die großtechnische Speicherung von Energie aus Wind und Sonne sehen. (https://www.agora-energiewende.de/veroeffentlichungen/klimaneutrales-deutschland-2045-vollversion/, S. 39)
  2. Was soll aber nun Erdgas als Brückentechnologie ersetzt? Gegenwärtig setzt Habeck darauf, mit dem Weiterbetrieb alter Kohlekraftwerke die Lücke zu schließen und auf sechs sofort oder relativ bald wieder nutzbare KKW zu verzichten. Obwohl der Einsatz dieser KKW im Vergleich zu Strom aus Kohle die Emissionen pro Jahr um rund 70 Millionen t CO2 verringern würde. Was bedeutet das für die Klimaschutzziele, wenn dies nicht nur einen Winter so gemacht wird, sondern für 13, 14, …. Jahre so weitergeht? Das wären rund 1 Milliarde t und mehr CO2-Emissionen zusätzlich – wäre das für Grüne hinnehmbar?
  3. Habeck betont immer wieder, dass trotz des Weiterbetriebs von Kohle-KW die Klimaschutzziele eingehalten würden. Aber wie soll das erreicht werden? – Dazu gibt es weiterhin keinerlei nachvollziehbare Angaben, sondern allenfalls vage Sprüche. – Nochmal zu der schon angesprochenen AGORA-Studie, auf die sich Energiewendestrategen wie Baake und Graichen im letzten Jahr berufen haben, dass Klimaneutralität bis 2045 machbar sei: Natürlich wurde dort die Zubaurate von Windkraftanlagen und Photovoltaik unter Annahme von günstigsten Bedingungen bis an die Grenzen des Optimismus und z.T. darüber hinaus ausgereizt. Wo soll jetzt ein noch rascherer Zubau herkommen? Erinnert sei beispielhaft nur daran, dass kürzlich die letzte Windrotorblattfabrik in Deutschland dicht gemacht hat.
  4. Oder hofft man, dass man irgendwo auf dem Weltmarkt doch wieder große Mengen an Erdgas pro Jahr bekommen kann? Womit man dann ärmeren Ländern das Erdgas wegkaufen würde, das sie dringend brauchen, weil einfacher einsetzbar. Oder soll doch das Verbot von Fracking in Deutschland aufgehoben werden, um Kohle wieder durch Gas zu ersetzen? – Es gibt in der Regierungskoalition Stimmen für dieses und jenes, aber ein durchgerechnetes und kritisch geprüftes Programm zur Energiesicherung? – Bisher Fehlanzeige!!

Fazit

Offensichtlich wäre es wichtig, diese und noch weitere Fragen zur Energieversorgung bald zu klären, zur technischen und wirtschaftlichen Machbarkeit, zur Rohstoffversorgung sowie mit Herstellen eines gesellschaftlichen und politischen Konsenses. Ist das in jetzt nur noch weniger als fünf Monaten erreichbar? Oder wäre die Hoffnung darauf nicht ein Zeichen von Realitätsverweigerung?

Wäre es da nicht besser, sich Zeit bis mindestens Anfang 2024 zu verschaffen, um die Antworten auf diese Fragen seriöser, also ohne vorgeschobene technische Scheinargumente und ohne Vorfestlegungen darzustellen und zu diskutieren? Man kann dann sehen, was inzwischen in Gang gekommen ist und muss nicht mehr so stark auf Grundlage von Hoffnungen entscheiden.

Warum wäre es für ein solches Vorgehen unerträglich, das Atomgesetz zu ändern und einige neue Brennelemente zu bestellen? – Sicher, man kann die Not von Michael Schroeren verstehen, ehemals Sprecher von Bundesminister Jürgen Trittin, der dieser Tage twitterte: „Ich habe fast 50 Jahre für den Ausstieg aus der Atomkraft gekämpft. Jetzt, kurz bevor die letzten vom Netz gehen, lasse ich mir nicht den Erfolg klauen.“ Aber kann dies das entscheidende Kriterium in der Debatte sein, wie wir eine Gefährdung der Energieversorgung noch vermeiden könnten?