Fukushima und die Radioaktivität des Meerwassers

Von Hans-J. Dammschneider

Die natürliche Radioaktivität des Meerwassers liegt i.M. bei 12 Becquerel/l (nach VOGT& SCHULTZ 2011).  Diese Zahl an sich ist für jeden normalen Leser und Seereisenden ohne ´Wert´ … deshalb ein Vergleich zu uns allen bekannten Dingen und deren Strahlungsdaten (siehe Abb. 1).

Man erkennt zwanglos, wie die Relationen der ionisierenden Strahlungsabgabe in unserer Umwelt, in der wir uns täglich bewegen (sowie essen und trinken), aussehen. Es mag manchen Leser  überraschen, aber tatsächlich ist es so, dass auch wir Menschen sogenannten atomaren Zerfallsprozessen unterliegen. Denn auch ´in uns´ zerfällt eine bestimmte Menge an Atomkernen pro Zeiteinheit … was man als ´Strahlung´ messen kann. Die Menge des Zerfalls wird (u.a.) in Becquerel angegeben, die Einheit entspricht einem radioaktiven Zerfall pro Sekunde. Wir müssen also nicht glauben, dass „Radioaktivität“ nur in sogenannten radioaktiven Stoffen (Uran, Caesium etc.) vorkommt. Diese Stoffe ´strahlen´ zwar energiereicher, aber nichts desto weniger unterscheiden sie sich nicht prinzipiell von anderen Stoffen, deren Atome ebenfalls zerfallen und dabei extrem kurzwellige Strahlung abgeben … und die für den Menschen ab einem bestimmten Grenzwert (zell-)schädlich sind.

Aber das mit den „Grenz“-Werten ist dann so eine Sache. Wenn selbige nur naturwissenschaftlich definiert wären, würde man sicher keine grosse Aufregung damit verbinden. Da Strahlung jedoch über die Jahrzehnte zunehmend vor allem auch ein politisches Thema geworden ist, sind Diskussionen darüber oft nicht mehr sachlich-wissenschaftlich zu führen, sondern unterliegen viel mehr ´Überzeugungen´. Und die sind veränderlich: Während die eine Seite noch (aus Überzeugung) „ungefährlich“ sagt, behauptet die andere bereits (und ebenfalls aus Überzeugung) „lebensgefährlich“.

Abb.1: Strahlungsintensität unterschiedlicher Stoffe (und Orte). Daten aus A.JUNKERT 2008/U.BÜTTNER 2012, Nuklearforum Schweiz u.a. Quellen, Werte teils umgerechnet nach http://www.physicoro.de)

Das Zustandekommen von Grenzwerten und der Bestimmung, ab wann etwas ´gefährlich´ ist, wurde in den letzten Jahrzehnten immer weiter verengt. 3,4mSv/a sind nach der deutschen Strahlenschutzverordnung z.Zt. unbedenklich. Das wären umgerechnet rd. 260.000 Bq … mit 80l Mineralwasser pro Jahr haben sie, lieber Leser jedoch bereits die zulässige Gesamtmenge erreicht!?

Wie man sieht, ist die Regelung der ´zulässigen´ Strahlungsmenge oft nicht konsequent. Und während z.B. eine Strahlung von 5.000Bq/kg beim Meerwassereinlass des Kraftwerks Fukushima gefährlich sein soll, ist ein Aufenthalt im Kurbereich von Bad Gastein bei einer 15.000.000Bg/kg Strahlungsexposition sogar gesund??!! Man kann es zwar nur überschlägig berechnen, aber hier dann auch noch mal der Vergleich zur entsprechenden Strahlungsintensität in der Masseinheit „Sievert“ (mSv/Jahr), die als Äquivalentdosis die gesundheitlichen Gefahren beim Umgang mit radioaktiver Strahlung angibt:

Nochmals: Selbst unsere körpereigenen Zellen und ´Inhaltsstoffe´ besitzen ein Strahlungspotential, ebenso wie jedes Material/jeder Gegenstand dieser Erde! Die Frage ist damit nie, ´ob´ es Strahlung gibt, sondern immer nur ´wieviel´ an Zerfall stattfindet. Insoweit müsste man eigentlich auch gar nicht weiter auf die Radioaktivität des Ozeans eingehen, wäre da nicht das Problem, dass viele Medien und eine oftmals fast schon verantwortungslos berichtende Wissenschaft bei diesem Thema leider einen guten Teil an Seriosität vermissen lassen.

So veröffentlichten die Mitarbeiter des GEOMAR-Forschungszentrums in Kiel im Jahr 2012 eine Untersuchung zu Modellsimulationen der Verteilung von Radioaktivität im Pazifik in Folge des Reaktorunfalls von Fukushima (BEHRENS, E. u.a. 2012). Die auch im Internet einsehbaren Bilder der gerechneten Verteilungsmuster suggerieren, dass die Katastrophe von Fukushima eine unübersehbare Folge für den gesamten pazifischen Raum nach sich ziehe. Dabei vergass man allerdings in den offiziellen Verlautbarungen der Universität die absoluten Werte anzugeben, die hier zugrunde lagen bzw. auftraten. Diese Daten zeigen dann weniger aufregendes: Ausgehend von einem Wert von maximal 10PBq waren nämlich bereits nach zwei Jahren die Werte im Rauschen der natürlichen Radioaktivität des Pazifiks verschwunden. Aktuell (nach K.BUESSELER, Woods Hole Oceanogr. Inst., 2015) sind es max. 0,0058Bq/l.

Die Grafik der Veröffentlichung lässt, wie gesagt, jedoch anderes vermuten. Der ´Trick´ war, dass man nur die Veränderungen in Relation zur Ausgangslage dargestellt hat. Das ist mathematisch sicher eine Idee, für die Praxis jedoch vollkommen irrelevant. Denn die z.B. von den USA für Wasser erlassenen Grenzwerte betragen 7,4Bq/l. Wobei die Frage bleibt, wie die Autoren der Veröffentlichung auf den Wert von 10.000.000.000.000.000Bq Netto-Input kommen. Aber gut … . Bereits im näheren Umfeld des Reaktors von Fukushima waren im Meerwasser nur noch rd. 23Bq/l nachweisbar, die Verdünnung im Ozean verläuft eben rasant und der Pazifik ist riesig, siehe Messdaten in http://www.ourradioactiveocean.org/ results.html und vergleiche mit der Tabelle!

Abb. 2: Bequerel (Bq)-Werte im Pazifik nach Modellsimulation des GEOMAR-Zentrums Kiel. Die im Modell errechneten Daten liegen weit mehrheitlich unterhalb der natürlichen und messbaren Werte des Meerwassers. Denn ein Betrag von 2.0 Bq/m3 (siehe rot gestrichelte „Grenz“-Gerade) ist umgerechnet 0,002 Bq/l … die natürliche Radioaktivität des Meeres beläuft sich allerdings bereits auf rd.12 Bq/l (siehe rot gepunktete Gerade). Linie I = West-Pazifik, II = Nordamerika, III = Hawaii, IV = Baja California, V = Aleuten. Achtung: Gesamtgrafik = logarithmisch; Ausschnittsgrafik = linear. Aus: BEHRENS, E. u.a. 2012 sowie eig. Recherchen)

Die hier angewandte ´Wissenschaftlichkeit´ lässt den Verfasser ob der eventuell dahinter verborgenen Intentionen ins Grübeln kommen. Zumal der letzte Satz des offiziellen Pressetextes der Universität Kiel lautet:

´Sehr interessiert wären Claus Böning und sein Team an direkten Vergleichsmessungen. „Dann könnten wir unmittelbar sehen, ob wir auch bei den absoluten Grössen der Konzentrationen richtig liegen“, meint Prof. Böning. Solche Daten sind für die Kieler Wissenschaftler aber derzeit nicht verfügbar´.

(Pressemitteilung des GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel: Fukushima – Wo bleibt das radioaktive Wasser? Kiel 2012)

Nein, solche Daten sind nicht verfügbar. Sie werden es aber auch nie sein. Denn wir müssen klar feststellen: Die natürliche Radioaktivität des Meerwassers besitzt den Wert von 12Bq/l, die o.a. potentiellen Grössen für den Pazifik aber liegen darunter! Es handelt sich hierbei nur also nur um eine akademische „Wahrheit“ von Modellen (!), die real und in Naturdaten jedoch klar unterhalb der bereits vorhandenen natürlichen ´Grundlast´ vor Ort liegt und keinerlei praktische Bedeutung besitzt, auch nicht für Meeresorganismen (Zitat aus  http://www.ourradioactiveocean.org/results.html  :  “This Fukushima-derived cesium is far below where one might expect any measurable risk to human health or marine life, according to international health agencies. And it is more than 1000 times lower than acceptable limits in drinking water set by US EPA.)

Die Frage ist: Was soll das? Stoffe werden sich im Wasser immer ausbreiten, das ist keine Frage. Aber wieviel es ist und ob das eine effektive Bedeutung hat, sollte man bitte nicht vergessen anzugeben … ´Homöopathie´ ist mehr eine Glaubenssache als eine Angelegenheit mit objektiver Wirkung. Ist das dann auch der Hintergrund der Veröffentlichung des GEOMAR, der wohl eher politisch als ozeanographisch-wissenschaftlich motiviert ist? Und ist der Verfasser ´altmodisch´, wenn er auf akademische Regeln verweist und sich dabei auf A. von Humboldt stützt?

Fazit: Rauchen (8,0mSv/a) ist definitiv schädlicher als Meerwasser … selbst als jenes vor dem Kraftwerk Fukushima (0,065mSv/a).

Nun, 10 Jahren nach dem Reaktorunfall von Fukushima, ist das Thema „Radioaktivität des Meerwassers“ wieder aktuelles Medienthema. Denn der japanische Betreiber TEPCO, der über die Jahre all das Wasser, was zur Kühlung und Dekontamination benötigt wurde, in Tanks aufgefangen und sicher gelagert hat, muss erkennen, dass die Kapazitäten nun bald erschöpft sind.

Das Problem steht zu Lösung an und Japan hat sich entschieden, das Wasser in den Pazifik abzugeben.

In etwa zwei Jahren beginnt dieser Prozess und er wird sich über 40 Jahre (!) hinziehen. Zuvor soll das gesamte und ohnehin nur schwach belastete Wasser nochmals durch ein Filtersystem gereinigt werden, so dass praktisch alle radioaktiven Stoffe entfernt werden und es nur noch Spuren von Tritium (sowie weit unter den zulässigen Grenzwerten liegende Mengen von Carbon-14) enthalten wird. Das deutsche THÜNEN-Institut schreibt dazu: „Tritium ist ein Radionuklid, das in großen Mengen natürlich gebildet wird und dessen wesentlicher Anteil im Wasser gebunden vorliegt. Die Einleitungen aus den Tanks des havarierten Kernkraftwerks Fukushima sind im Vergleich dazu sehr gering. Tritium wird, sofern es von Meeresorganismen aufgenommen wird, auch schnell wieder ausgeschieden. Daher ist es sehr unwahrscheinlich, dass direkte oder indirekte Strahlenwirkungen bei Meeresorganismen nachweisbar sein werden.“ Tritium ist eben ein Nuklid des natürlichen Wasserstoffs und „wird in organisches Material eingebaut, weil es sich wie normaler Wasserstoff verhält. Im menschlichen Körper (…) wird Tritium schnell wieder ausgeschieden (Halbwertszeit von ca. 10 Tagen)“.

Wichtig für unsere ozeanographische Betrachtung: Vor der Einleitung in den Ozean soll das Fukushima-Wasser dann auch noch so verdünnt werden, dass es mit 1,5 kBq/l weit weniger belastet ist, als es die Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation für Trinkwasser erlauben oder es (beispielsweise) die strenge schweizerische Strahlenschutzverordnung vom 22. Juni 1994 (StSV, Stand 2005) es mit einen Grenzwert für den Tritium-Gehalt im Trinkwasser von 10 kBq/l vorsieht. Es ist daher mehr als unwahrscheinlich, dass direkte oder indirekte Strahlenwirkungen bei Meeresorganismen eintreten können und werden.

Dies ist ein Textauszug (mit aktuellen Ergänzungen im April 2021) aus DAMMSCHNEIDER (2015): „Ausser Sicht“ … Ozeanographie für Seereisende: Band 1: Nordmeer (Elbe, Nordsee, Nordatlantik, Island, Grönland, Spitzbergen, Norwegen)