Der Blick vom Muppet-Balkon: Die Geologie der alten weißen Männer

Von Uli Weber

Wenn man vom Muppet-Balkon herab die Menschheit im Spiegel ihrer geologischen Entwicklung betrachtet, dann eröffnen sich ganz neue Perspektiven für eine Beurteilung des gesellschaftlichen Wandels bis hin zu einer klimareligiös erzwungenen „Großen Transformation“ zwecks Dekarbonisierung der Welt bis zum Jahre 2100. Die Gattung Mensch ist etwa 2.000.000 Jahre alt. In Generationssprüngen von 20 Jahren wären das etwa:

2.000.000 Jahre Menschheitsgeschichte: 100.000 Generationen

Seit Beginn unserer Zeitrechnung:  100 Generationen

Seit Beginn der Industrialisierung:  10 Generationen

Nur mal so zur zeitlichen Vorstellung. Wer jemals auf Island war, dem mag aufgefallen sein, dass es dort sehr viel mehr schwarze Schafe gibt als hier bei uns. Nun reicht die wolfsfreie Entwicklung der Schafpopulation auf Island bis zur Besiedelung vor etwa 1.000 Jahren zurück. Wenn man weiterhin annimmt, dass die bewusste negative Selektion von schwarzen Schafen hier bei uns mit der Ausrottung der Wölfe vor etwa 150 Jahren aufgehört hatte, ergibt sich folgende grobe Abschätzung:

Aus der Annahme [1 Schafgeneration = 5 Jahre] folgt dann:

Island:                  1.000 Jahre / 5 Jahre = 200 Generationen wolfsfreie Entwicklung

Deutschland:      150 Jahre / 5 Jahre = 30 Generationen wolfsfreie Entwicklung

Ergo haben die Schafe auf Island für die natürliche Rückentwicklung einer selektiven Auswahl durch den Menschen etwa doppelt so viele Generationen hinter sich wie der Homo sapiens sapiens seit Beginn unserer Zeitrechnung – und die deutschen Schafe dreimal so viele wie wir selbst seit Beginn der Industrialisierung. Wir sind im Kopf also immer noch „voll Steinzeit“, leben mit diesem intellektuellen Handwerkszeug inzwischen aber in einer hochtechnologischen und energieabhängigen industriellen Wohlfühlkultur. Um nun mit dieser Analyse nicht irgendwelche Gefühle zu verletzen, teilen wir die nachfolgend betrachtete steinzeitliche Gesellschaft einfach einmal in drei geschlechtsneutrale Gruppen auf:

Die „Höhle“:       Das sind alle Elemente der Spezies Homo sapiens sapiens, die sich um das Gemeinwohl im Mikrokosmos „Höhle“ kümmern.

Die „Jagd“:         Das sind alle Elemente, die diesen Mikrokosmos vor dem Makrokosmos „Welt“ beschützen und dort den ökonomischen Mehrwert erzeugen, von dem die „Höhle“ lebt.

Die „Berater“:    Das sind alle Elemente aus „Höhle“ und“ Jagd“, deren Intelligenz und Erfahrung zum Überleben dieser Gesamtheit erforderlich ist.

Wie kann man nun das unterbewusste Denken und Handeln in diesen drei Kategorien der Spezies Homo sapiens sapiens beschreiben, die durch einen evolutionären Erfolg über etwa 100.000 Generationen geprägt worden sind?

Die „Höhle“ bedeutet Konsens: Das optimale Zusammenleben in der Höhle ist gewaltfrei und von einem gemeinsamen Konsens getragen. Fast alles steht jederzeit allen zur Verfügung, um ein gemeinsames Überleben sicherzustellen. Die Entsprechung des Systems „Höhle“ wäre ein sozialer Kommunismus.

Die „Jagd“ bedeutet Dissens: Ein ökonomischer Mehrwert kann nur durch verschiedenartige Vorstellungen erzeugt werden, die miteinander in einem ständigen Konkurrenzkampf stehen. Mehrheitsmeinungen behalten nur so lange ihre Gültigkeit, wie Minderheitsmeinungen nicht erfolgreicher sind. Die Entsprechung des Systems „Jagd“ wäre der rationale Kapitalismus.

Die „Berater“  bedeuten Kompromiss: Diese Berater bündeln das Wissen aus „Höhle“ und „Jagd“ und stellen damit eine Yin-Yang-Balance zwischen beiden sicher, um die Entscheidungsgrundlage dieser Gesamtheit im Mikro- und Makrokosmos zukunftsfähig zu halten. Ein Übergewicht der „Höhle“ würde zu einer Erschöpfung der Ressourcen führen, ein Übergewicht der „Jagd“ zu Konflikten und Gewalt. Die Entsprechung des Systems „Berater“ wären (Basis-)Demokratie und Gewaltenteilung.
Die Mitglieder der Kategorie „Berater“ repräsentieren keine eigene steinzeitliche Entwicklung, sondern ihr sind permanent Elemente aus den beiden anderen Kategorien durch eine besondere Qualität ihrer individuellen Umsetzung von Wissen und Erfahrung zugewachsen.

Die Erkenntnis dieser geologischen Betrachtung lautet also: Im Verlauf von 100.000 Generationen hatten sich zwei Kategorien der Spezies Mensch mit divergierenden Schwerpunkten entwickelt, und eine dritte Kategorie hatte davon profitiert. Gleichgültig, wie kontinuierlich die evolutionäre Entwicklung einer steinzeitlichen Spezies makroskopisch fortgeschritten sein mag, die Kategorie „Berater“ war immer eine Zufallsgröße. Und diese Zufallsgröße dürfte für die evolutionäre Entwicklung entscheidend gewesen sein, denn gute Berater konnten einen schwachen Mikrokosmos stark, und schlechte Berater einen starken Mikrokosmos schwach machen. Die Kontinuität in der Qualität ihrer Berater konnte also den Bestand eines einzelnen Mikrokosmos‘ sichern, aber nur eine diskontinuierlich schwankende Qualität der Berater in der Summe aller Mikrokosmos‘ konnte deren evolutionären Wettbewerb im Makrokosmos beflügeln.

Auch die Soziologie weiß von unserem steinzeitlichen Erbe und wie es in uns „tickt“. Man kann uns nämlich durch „zielführende“ Informationen sogar dabei „helfen“ so zu denken, wie wir wollen sollen und freiwillig Dinge zu tun, die wir gar nicht möchten – man nennt das auch „Nudging“. Sicherlich ist man inzwischen schon längst dabei, mit einem solchen Handwerkszeug an den Narrativen für die Große Transformation zur Rettung eines „Weltklimas“ zu basteln. Dumm ist nur, dass solche Narrative auch in den jeweiligen Kulturkreis passen müssen. Wir haben nämlich auf dieser Welt Industrienationen, Schwellenländer und eine Dritte Welt – sowie vereinzelte indigene steinzeitliche Kulturen innerhalb von Nationalstaaten. Und sie alle sollen sich in einem zeitgleichen demokratischen und friedlichen Prozess global vereinigen?

Ein solcher Wunsch zur Schaffung einer Weltgemeinschaft würde vielmehr die Existenz einer ziemlich einheitlichen globalen Verstehenskultur erfordern – und führt damit zu einem offenen Widerspruch: „Zeitgleich“, „demokratisch“ und „friedlich“ kann ein solcher globaler Prozess gar nicht ablaufen; er würde vielmehr direkt in einen hierarchischen globalen Klimaimperialismus mit den Industrienationen an der Spitze führen. Wenn schon die Entwicklung der Menschheit zu größeren gesellschaftlichen Einheiten hin, also (Familienrudel -> Sippe -> Stamm -> Nation), niemals konfliktfrei abgelaufen ist, was haben wir dann erst bei einem weltweiten Schritt zur Globalisierung zu erwarten?

Im Hauptgutachten „Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte“ des „Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen“ (WBGU) heißt es unter „Urbanisierung und die Große Transformation“ ab Seite 8 links unten, Zitat mit Hervorhebungen:

Der WBGU thematisierte Urbanisierung bereits im Kontext der „Großen Transformation“ zur Nachhaltigkeit, die er 2011 in seinem Hauptgutachten analysiert hat (WBGU, 2011). Im vorliegenden Gutachten geht es darum, die Große Transformation zur Nachhaltigkeit auf urbane Räume anzuwenden. Sie sollten im „Jahrhundert der Städte“ als wesentliche Motoren der Transformation zur Nachhaltigkeit eine entscheidende Rolle spielen. Der WBGU möchte verdeutlichen, wo Herausforderungen und Chancen liegen und in welchen Bereichen grundlegende Änderungen und Systemwechsel erforderlich sind. Dazu wird eine Zusammenschau von drei Ebenen geleistet:

Erstens betrachtet der WBGU mit dem Blick auf Städtebeispiele, urbane Akteursgruppen und Stadtbewohner die Transformation auf der Mikroebene.

Zweitens untersucht der WBGU die Urbanisierung auf der Mesoebene in exemplarischen transformativen Handlungsfeldern, also jenen Bereichen der Stadtentwicklung, in denen der WBGU die größten potenziellen Hebelwirkungen für die urbane Transformation zur Nachhaltigkeit sieht. Drittens identifiziert der WBGU auf der Makroebene Urbanisierung als einen der Kerntrends globalen Wandels, der massive Veränderungen in der Weltgesellschaft, der Weltwirtschaft sowie dem Erdsystem auslöst.“

Wir sind also auf dem Wege zu einer „konstruierten“ global urbanisierten Gesellschaft, was im Umkehrschluss auch einen erzwungenen Rückzug des Menschen aus der Natur bedeuten könnte. Als alter weißer Mann auf dem Muppet-Balkon könnte man so etwas dann auch als eine geplante „Massentierhaltung für Menschen“ bezeichnen. Denn in den nationalstaatlichen Industrienationen Europas sind bereits heute die ländlichen Regionen durch fehlende Infrastruktur und eine Ausdünnung der staatlichen Verwaltung kontinuierlich abgehängt worden. Eine Weltregierung als Traum globaler Eliten vermittelt daher perspektivisch viel eher den dystopischen Zentralisierungsalptraum aus den Tributen von Panem. In Umkehrung des bekannten Gorbatschow-Zitates könnte also diesmal derjenige vom Schicksal bestraft werden, der sich einer solchen Kakotopie frühzeitig ergibt.

Vom geologischen Standpunkt aus würde eine klimareligiös begründete Weltregierung übrigens auch das Ende der Evolution des Menschen bedeuten, weil damit jede evolutionäre Konkurrenz (Nationalstaaten =  aktueller Mikrokosmos) ausgeschaltet wird. Die Frage lautet aber umgekehrt, ob nämlich die Menschheit in ihrer Gesamtheit überhaupt fähig und in der Lage wäre, zu einem konkreten Zeitpunkt ihren individuellen steinzeitlich geprägten Mikrokosmos (Familienrudel, Sippe, Stamm oder Nation) für eine übergeordnete global urbanisierte Weltgemeinschaft loszulassen. Möglicherweise hatte die UN deshalb einen „Globalen Pakt für sichere, geordnete und reguläre Migration“ (engl. Global Compact for Safe, Orderly and Regular Migration (GCM)) erfunden, um nämlich ganz langsam und unmerklich die Weltbevölkerung  nachhaltig zu „vereinheitlichen“….

Anregung: Vielleicht sollte man einmal überprüfen, inwieweit die Kategorie „Berater“ heute noch ihre ursprünglichen steinzeitlichen Kriterien erfüllt. Man könnte nämlich zu dem Eindruck gelangen, dass diese sich inzwischen als „Globalisierungsspezies“ evolutionär eigenständig weiterentwickelt

Fazit: In einer Zeit des wirtschaftlichen Überflusses in den westlichen Industrienationen hat hier die „Höhle“ schließlich über die „Jagd“ triumphiert und schickt sich an, die Welt regieren zu wollen. Die gesellschaftliche Ausgrenzung von „alten weißen Männern“ repräsentiert damit aber auch die Abkehr von einer überlebensnotwendigen Rationalität zugunsten einer selbstverzehrenden Konsensgemeinschaft. Es wird also erst noch sehr viel schlimmer kommen müssen, damit es wieder besser werden kann; ein Rückfall in die Steinzeit dauert übrigens nur etwa eine Generation.

Und hoffentlich gibt es dann noch ein paar alte weise Männer und Frauen, ganz gleichgültig welcher Hautfarbe sie auch sein mögen…

Schlussbemerkung und Lesetipp für den geologisch interessierten Leser: Die hier dargestellte Sichtweise des Autors wurde mitgeprägt von dem Buch „Die Steinzeit ist noch nicht zu Ende – Eine Psycho-Archäologie des Menschen“ von dem Geologen und Paläontologen Professor Dr. Hans Georg Wunderlich (1928-1974). Zur Taschenbuchausgabe dieses Buches (1977) heißt es, Zitat:

Wieviel Steinzeitdenken steckt im Menschen von heute?

 Annähernd zwei Millionen Jahre dauerte unsere steinzeitliche ‚Kindheit‘. Rund 60.000 vorgeschichtliche Generationen haben uns ihr geistiges und psychisches Erbe aufgebürdet. Was bedeuten angesichts einer solch langen Reihe von Steinzeitahnen die nur 5.000 Jahre seit Beginn der Bronzezeit im mediterranen Kulturraum! Alle kulturellen Anstrengungen dieser 150 bis 200 nachsteinzeitlichen Generationen haben nicht vermocht, das steinzeitliche Erbe völlig zu bewältigen: die Nachsteinzeit war zu kurz, um unser kollektives Unterbewusstsein von steinzeitlichem Gedankengut wirklich zu befreien.“