Überflutet: Landschaftsgeschichte der Doggerbank

Von Dr. Hans-J. Dammschneider
(Inst. f. Hydrographie, Geoökologie und Klimawissenschaften / IFHGK, Schweiz)

Mit Bezug auf den Text „Als das Mittelmeer in der Jungsteinzeit menschliche Siedlungen wegspülte“ (www.kaltesonne.de vom 10. Mai 2018) sei ergänzend angemerkt, dass man parallel zu den Erkenntnissen von HERRLE u.a. (2018) auch auf die altbekannten Wasserspiegelveränderungen der Nordsee blicken kann, um ganz ähnliches wie im Mittelmeer zu sehen. Auch dort, auf der Doggerbank/in der Nordsee, hat der Meeresspiegelanstieg Siedlungsräume vertrieben und zwar während der nahezu gleichen Zeiträume, wie sie von HERRLE u.a. (2018) angegeben werden.

Meint, man sollte immer schauen, ob es nicht auch historisch parallele Ereignisse/Entwicklungen anderswo gab. Ohne hier speziell auf die Ergebnisse, die man im Nordseeraum gewonnen hat, einzugehen, sei nur auf eine zusammenfassende Darstellung verwiesen, welche die Landschaftsgeschichte der Doggerbank in kurzer Form übermittelt (siehe DAMMSCHNEIDER, 2015).

Was man ganz generell anmerken muss: Die subjektive Meeresspiegel-Wahrnehmung der neolithischen Menschheit, die im Bereich der heutigen Nordsee siedelte, war vermutlich gar nicht so viel anders als die Einschätzung mancher der derzeitigen Küstenbewohner … es handelte sich um eine Art „Sintflut“; damals ´von oben´ heraufbeschworen, heute vielleicht durch einen vermeintlich unvernünftigen Umgang mit begrenzten Resourcen (CO2) vom Menschen verursacht. Wie sagt es Prof. Dr. Jens Herrle (Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum der Goethe-Universität Frankfurt) im Pressetext: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass ein schwankender Meeresspiegel  bereits in der Vergangenheit einen sehr starken Einfluss auf die Menschheitsgeschichte hatte“.

Das ist so und führte damals zu Mythen, so wie es heute oftmals Ängste auslöst. Problematisch wird es, wenn es im eigentlichen Artikel heisst: „Unsere Ergebnisse werfen ein neues Licht auf den Zusammenhang zwischen dem katastrophalen Anstieg des Meeresspiegels und der Neolithisierung Südosteuropas und stellen ein historisches Beispiel dafür dar, wie die Küstenbevölkerung durch den künftigen raschen Anstieg des Meeresspiegels beeinflusst werden könnte“. Im Pressetext der Universität wird dies ergänzt durch die Aussage „Aufgrund der globalen Klimaerwärmung wird damit gerechnet, dass der Meeresspiegel innerhalb der nächsten 100 Jahre um bis zu einen Meter ansteigt. Millionen von Menschen könnten damit aus küstennahen Regionen vertrieben werden, mit all den damit verbundenen sozialen und ökonomischen Konsequenzen“.

Nun, das ist denkbar, aber eben erdgeschichtlich (wie man sieht) wiederum auch nichts Neues/keine Singularität. Natürliche Prozesse, die den Meeresspiegel schwanken lassen, gibt und gab es zu allen Zeiten … ob Neolithikum oder heute oder morgen. Allein die Annahme, dass „heute“ dafür nur noch der Mensch als Verursacher infrage komme, ist etwas, das hier wohl (wenn auch unausgesprochen) dahinter steht … aber klimawissenschaftlich nicht haltbar ist.

Man kann klar feststellen: Alles schon mal dagewesen. Nur war es zur Jungsteinzeit mit Sicherheit kein Vorgang aufgrund menschlichen Einflusses bzw. anthropogener CO2-Emissionen. Verantwortlich sind eigentlich immer nur Klimazyklen, damals mit einem Anstieg der Temperaturen (und des Meeresspiegels) am Ende der Weichselvereisung. Wenn jedoch Ähnliches heute abläuft bzw. Klimazyklen nachwievor stattfinden, ist es in der öffentlichen Wahrnehmung für viele doch ´ganz anders´ und für/durch Medien wird (zumindest indirekt) suggeriert, die Veränderungen in unserer Ist-Zeit seien primär menschengemacht. Das führt bei vielen Bürgern zu Schwarzseherei und in weiten Bereichen der politischen Meinungsbildung in Folge dessen dazu, dass man alarmistisch Forderungen in Form eines „Stoppt den Klimawandel“ aufbaut. Denn genau dieser menschengemachte Klimawandel wird weit verbreitet verantwortlich dafür gemacht, dass (immer noch!) der Meeresspiegel ansteigt.

Das Thema Meeresspiegelanstieg können und dürfen wir selbstverständlich nicht ignorieren. Man muss nur zugeben, dass im Unterschied zur Jungsteinzeit den Menschen der Ist-Zeit jetzt technische Möglichkeiten zu einer praktikablen Gefahrenabwehr zur Verfügung stehen … Deiche und Sperrwerke, speziell an der niederländischen Küste, zeigen, wie es gehen kann. Damit darf man fragen, ob es in diesem Sinne nicht (auch) eine volkswirtschaftlich sinnvolle Alternative wäre, stärker in konkrete technische Massnahmen zu investieren als eine eher abstrakte Willensanstrengung wie das sogenannte 2-Grad Ziel zu proklamieren. Denn das ist allein politisch gesehen bereits sehr viel schwieriger zu bewerkstelligen und darüber hinaus leider auch noch gänzlich unsicher in seiner effektiven Durchführ- wie Wirksamkeit. Allein das Narrativ „wir steigen aus dem CO2 aus“ schützt keineswegs vor den Wirkungen eines (natürlich) steigenden Meeresspiegels!

Nicht nur im Neolithikum, sondern auch in der Jetztzeit (und nicht nur im Mittelmeer, sondern auch im Bereich der Nordsee) waren und sind es sehr viel mehr natürliche Prozesse, die Meeresspiegelveränderungen verursachen … und, wie weltweite Vergleiche von Pegeltrends zeigen, in allen Fällen mit regional sehr unterschiedlicher Gewichtung. Besser also, man fasst diese Probleme auch mit genau jenen Massnahmen an, die den jeweiligen lokalen Bedingungen entsprechen und nicht nur pauschal mit „wir stoppen den Klimawandel“. Letzteres ist ein ideelles Ziel, aber leider für jene Menschen kein praktikables Vorgehen, die letztlich wirklich an ´ihrer´ Küste vom schwankenden Meeresspiegel (mal örtlich mehr und mal lokal weniger) betroffen sind.

DAMMSCHNEIDER (2015): “Ausser Sicht” … Ozeanographie für Seereisende: Band 1: Nordmeer (Elbe, Nordsee, Nordatlantik, Island, Grönland, Spitzbergen, Norwegen). Norderstedt 2015, ISBN 978-3-732-23772-2. Erhältlich als kindle- oder Taschenbuch-Edition bei AMAZON und im Buchhandel.

————————

Textausschnitt aus DAMMSCHNEIDER (2015):

Am Ende der Weichseleiszeit lag der Meeresspiegel des Ostatlantiks etwa 60m unter dem heutigen Normalnull. Die Westeuropäische Küste verlief immer noch nördlich der Doggerbank. Die südliche Nordsee war Festland, die Britischen Inseln und das europäische Festland bildeten eine zusammenhängende Landmasse.

Abb. 45 : Ausdehnung und Grenzen der Weichselvereisung (weisse Fläche)  (Karte nach ULAMM 2013)

 

In den folgenden Jahrtausenden stieg das Wasser, wobei dieser Anstieg im Laufe der Zeit an Geschwindigkeit abnahm. Vor etwa 9.850 bis 7.100 Jahren wurden Teile des Elbe-Urstromtals überflutet. Der südliche Teil der Nordsee zwischen der Doggerbank und dem Ärmelkanal  war teils ein Binnensee, in den die Flüsse und nordeuropäischen Gletscher entwässerten. Als in der Mittelsteinzeit um etwa 6.500 v. Chr. die Kreidefelsverbindung zwischen Dover (Weald) und Calais (Pas-de-Calais) erodierte, floss das Wasser dieses Süsswassersees durch den Ärmelkanal in den Atlantik ab. Der Meeresspiegel stieg weiter an, so dass Britannien etwa 5.000 v.Chr. zur Insel wurde. Das Wattenmeer entstand ungefähr im selben Zeitraum, und in der darauf folgenden Zeit wechselten Phasen stärkeren Meeresspiegelanstiegs (Transgression) mit Meeresspiegelsenkungen (Regression).

Abb. 46 : Küstenlinien und Doggerland im frühen Holozän (rd. 9000 Jahre vor heute) … England und ein grosser Teil der heutigen Nordsee gehören zum festländischen Kontinentaleuropa (Paläogeografische Darstellung nach C.REID)

 

Ausgelöst hat diese Veränderungen der rasche Abbau des nordamerikanischen Inlandeises, des damals ausgedehntesten Eisschilds auf der Nordhalbkugel. Weite Küstenräume wurden überflutet und es bildeten sich die heutigen Küstenlinien aus (sogenannte „Flandrische Transgression“ bzw. „Dünkirchener Transgression“). Zum anderen wurden einige Nebenbecken des Atlantiks überspült und so zu Nebenmeeren. Um 7.000 v. Chr. (womöglich auch früher) wurden die dänischen Inseln und Grossbritannien vom europäischen Festland getrennt; ein Vorgang, der durch eine Serie von verheerenden Sturmfluten verursacht wurde.

Die University of Birmingham hat im Rahmen des Forschungsprojekts Mapping Doggerland  eine relativ flache Landschaft von rund 23.000 Quadratkilometern in einem Computermodell nachgebildet. Es zeigt sich ein weitverzweigtes Netz von Flussläufen, eine Vielzahl kleiner Seen und ein zentrales Süsswasser-Binnenmeer. Die geophysikalischen Daten für das Projekt bzw. die Kartierung des Meeresbodens lieferte eine norwegische Firma für Erdöl-Geoservice. Unter den zahlreichen Flüssen, die man fand, zeichnete sich 10m unter dem Schlick der Doggerbank auch der Shotton River ab, sowie der grosse Binnensee Outer Silver Pit, der später zu einem riesigen Delta-System mehrerer Flüsse mutierte und noch heute als Tal auf dem Grund der Nordsee erkennbar ist.

Die computergestützt generierten Rekonstruktionen zeigen, dass das Leben am Ende der Eiszeit weit in die heutige Nordsee vorstiess. Archäologen vermuten, dass das Gebiet in gewissem Sinne fast ´paradiesisch´ anmutete: „Auf dem Marschland plätscherten Seen, Flüsse schlängelten sich durch dicht bewachsene Gräser- und Strauchlandschaften. Es gab genügend Nahrung für alle: Die Gewässer wimmelten von Fischen, im Schilf nisteten Vögel, Beerenbüsche säumten die Ufer. Tausende Menschen siedelten bis vor etwa 8000 Jahren dort, wo heute der Grund der Nordsee liegt.“ (A.Bojanowski, 2012).

Doggerland war eine, wie es heisst, blühende Landschaft. Hunderte Funde von Steinwerkzeugen, Harpunen und menschlichen Knochen belegen die Geschichte am Nordseegrund. Erhaltene Blütenpollen im Schlick geben Aufschluss über die damalige Vegetation (B. WENINGER u.a. 2008). Wie schon gesagt, schufen vor allem Daten aus der Erdölexploration die Grundlagen zur Rekonstruktion der damaligen Geographie und der heutigen Unterwasserverhältnisse. Die Vermessung des Meeresbodens mit geophysikalischen Methoden (u.a. Schallwellen, Bohrungen) zeigte nach und nach ein zwar nicht ganz flächendeckendes aber doch ziemlich klares Bild der ehemaligen Landoberfläche. Die Daten der Erdölgeologen wurden mit  Forschungsergebnissen der Klimageschichte und archäologischen Funden verglichen.

Es zeigt sich, dass am Ende der letzten Eiszeit die Gletscher weiter tauten und ihr Schmelzwasser den Meeresspiegel steigen liess. Die „Nordsee“, wie wir sie heute nennen und kennen, drang immer weiter vor. Erst schluckte sie die Sümpfe und Täler, letztlich waren die steinzeitlichen Siedlungen auf stehen gebliebenen Anhöhen isoliert. Aus diesem Grund gelten die heutigen Sandbänke (jetzt „Untiefen“, damals die relativ höchsten Punkte in der Landschaft) in der Nordsee bei Archäologen als Fundgruben für Hinterlassenschaften der Bewohner von Doggerland.

Der endgültige Untergang von Doggerland kam im Übrigen dann doch recht plötzlich: Vor etwa 6000 Jahren rollte ein Tsunami über die Nordsee. Vor der Küste Norwegens waren Schlamm- und Geröllmassen am Meeresgrund einen tausende Meter hohen und steilen Hang hinuntergestürzt und hatten gewaltige Wellen ausgelöst … die Storegga-Rutschung.

Fortsetzung: Siehe DAMMSCHNEIDER (2015)