ZDF-Wiso-Dokumentation Black-Out

Kaum war die Sendung in der ZDF-Mediathek abrufbar, da kam es zu einer ersten Empörungswelle gegen die Dokumentation, die sich mit der Energiewende in Deutschland und einem möglichen Blackout beschäftigte. Vor allem die Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft wurden dargestellt. Verärgert waren einige der bekannten Energiewende-Protagonisten, wie zum Beispiel die omni-präsente Claudia Kemfert. Sie wurde für das Interview mit leicht verstörenden Bildern in Szene gesetzt, denn sie blättert zuvor in ihrem eigenen! Buch in einem Archiv. Nun, was haben die Macher des Films gemacht? Sie haben verschiedene Positionen und Aussagen gegenübergestellt. Der Zuschauer kann sich dann selbst ein Bild machen, weil reichlich Fakten geliefert werden zu den jeweiligen Aussagen.

Beispiel 1:

Claudia Kemfert schwärmt von neuen smarten Systemen, die die Volatilität der Erneuerbaren Energien ausgleichen sollen. Sie bringt ein digitales, flexibles, smartes Stromsystem ins Spiel. Nachfrage: Gibt es das schon? Ihre Antwort: Nein, das müsste jetzt schnell aufgebaut werden. Mit anderen Worten, Claudia Kemfert weiß, dass die Energiewende in Deutschland solche Systeme braucht und sagt jahrelang keinen Mucks dazu? Es gibt diese Systeme also 20 Jahre nach dem Start der Energiewende immer noch nicht? Das war ein erster Woow-Effekt.

Beispiel 2:

Wir haben Speicher noch und nöcher, sagt die Energie-Ökonomin. Zu wenig Speicher wären ein Mythos. OK, bei Pumpspeicher, da müsste man noch etwas tun, schiebt sie noch hinterher. Kurz danach kommt ein Pumpspeicherwerk aus Thüringen ins Bild, von denen hätte Deutschland ca. 30, brauchen würde man aber 300. Vielleicht wäre eine Nachfrage bei Kemfert hilfreich gewesen, wo die 300 denn eigentlich gebaut werden sollen in Deutschland? Es kommt aber noch besser. Kurz danach rechnet Professor Harald Schwarz (BTU Cottbus) vor, dass die aktuellen deutschen Speicher im Worst-Case-Szenario 30-60 Minuten reichen. Das klingt nicht nach noch und nöcher. Zwei weitere Personen diskreditieren sich in den Interviews bei den nächsten Beispielen quasi selbst.

Beispiel 3:

Das ist zum einen Patrick Graichen, ehemaliger Chef von Agora-Energiewende und seit Ende 2021 Staatssekretär im Wirtschaftsministerium. Er scheint ein neues Wort gelernt zu haben und das lautet ”Mindset”. Er benutzt es zigmal. Unser Mindset müssen wir ändern, meint Graichen. Nicht mehr der Flughafen BER oder der Bahnhof Stuttgart 21 sollten Vorbilder sein, sondern andere Projekte. Danach folgt eine interessante Aussage. Wir müssten viel schneller planen, bauen und genehmigen. Richtig, er sagt es in dieser Reihenfolge.

Ob ihm da die Tesla-Herangehensweise in Grünheide vorschwebte? Die Reihenfolge ist nicht ganz richtig und sie war/ist für Tesla hochriskant. Welches Unternehmen hat das Geld für einen möglichen Rückbau von Bauten bei ausbleibender Genehmigung schon über und kann es als Sicherheit hinterlegen?

Aber noch besser wird es bei dem Ausblick in Sachen Stromverbrauch. Diesen zukünftigen Mehrverbrauch könne Deutschland mit Wind und Sonne decken, sagt Graichen, um dann kurze Zeit später die Notwendigkeit vom Bau von Gaskraftwerken zu betonen. Was denn nun? Graichen stört auch, dass Netzbetreiber so sehr vorsichtig sind. Alles wäre immer so schrecklich abgesichert. Schlimm. Wie gut, dass immer wieder Mitarbeiter von Netzbetreibern zu Wort kommen und die Situation schildern, was in Sachen Netz seit einiger Zeit läuft. Es sei wie jemand, der auf dem Bahnsteig steht und immer dichter an den einfahrenden Zug heranrückt, so sagt es ein Manager des Netzbetreibers Amprion.

Beispiel 4:

Zwischendurch wird der Berufsaktivist Jan Hegenberg (der Graslutscher/Volksverpetzer) immer wieder mal befragt. Er findet ebenso wie Graichen das “Mindset” in Deutschland schlecht. Man muss einfach mal Vertrauen haben, dass das schon irgendwie alles klappt, meint er. Deutschland sei das “porzellankistigste Land der Welt”, so der Aktivist.

Konkrete Zahlen bringt er leider nicht in seinem Interview, nur, dass sich Sonne und Wind doch prächtig ergänzen würden. Und auf See, da erreichen Windkraftwerke fast Grundlastfähigkeit. Ob Hegenberg die Zahlen von Statista kennt? Demnach kamen Offshore-Windkraftanlagen im Jahre 2021 im besten Fall (küstenfern) auf 4.500 Stunden Volllast. Das ist aber leider gerade einmal die Hälfte des Jahres. Bei küstennahen Standorten sinkt der Wert auf 3.200 Stunden, als nur noch ein Drittel der Jahresstunden. Aber grundsätzlich, so meint Hegenberg, hätten wir doch so viel Kohlestrom im Netz. Ist der Kohleausstieg möglicherweise noch nicht bei ihm angekommen?

Ohnehin wird der Primärenergiebedarf in Zukunft sinken, meint Hegenberg, weil ja immer mehr elektrifiziert wird. Schnitt – nächste Szene ist die BASF in Ludwigshafen. Dort erklärt Lars Kissau von der BASF die harte Realität. Er rechnet vor, wieviel Strom allein BASF brauchen würde, wollte man dort alles auf Elektrizität umstellen. Kissau macht diese Rechnung auch für die gesamte chemische Industrie auf. Demnach würde allein für diesen Wirtschaftszweig eine Energiemenge benötigt, die so hoch ist wie der aktuelle gesamte Verbrauch in Deutschland.

Schade, dass weder Graichen noch Hegenberg mit diesen Zahlen konfrontiert wurden. Das wird aber in der Abfolge der Interviews begründet sein. Zum Blamieren im TV haben ihre Statements aber gereicht.

Insgesamt macht die Redaktion von Wiso hier vieles richtig. Sie stellt Standpunkte nebeneinander, sie hinterfragt und sie liefert Zahlen. Genau das ist die Aufgabe von Journalismus. Die beleidigten Reaktionen einiger jetzt zeigen, dass getroffene Hunde halt bellen. Die Sendung ist noch bis zum 01.08.2024 in der ZDF-Mediathek zu sehen. Sie dürfte in nächster Zeit für einige Diskussionen sorgen.

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Es wird wieder einmal Zeit für eine Nominierung für den Auweiha Award 2022. Der Kandidat ist diesmal Stefan Krauter von der Uni Paderborn. Er selbst nennt sich auf Twitter Solarpapst. Nun wissen wir aufgeklärten Menschen, dass ein Papst, auch wenn die katholische Kirche das möglicherweise anders sieht, nicht unfehlbar ist. Ein Solarpapst offensichtlich auch nicht.

Solarpapst Krauter tritt hier mit Anlauf gleich in mehrere Fettnäpfe. Er bedankt sich beim Wirtschaftsminister Lindner für den Tankrabatt. Der richtige Adressat wäre Verkehrsminister Wissing gewesen. Dann nimmt er komplett falsche Zahlen, weil seine Statistik internationale Zahlen zeigt, in denen lediglich irgendwo auch deutsche Zahlen stecken werden, aber, was noch viel schlimmer ist, es sind die Zahlen des 1. Quartals 2022. Der Tankrabatt griff im 2. Quartal, nämlich zum 01.06.2022. Peinlich.

(Abbildung: Screenshot Twitter)

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Die Hölle friert gerade zu, jedenfalls etwas. Luisa Neubauer kann sich den Weiterbetrieb von Kernkraftwerken vorstellen. Das berichtet die Zeit. Allerdings nur als Streckbetrieb, als dem langsamen Auslaufenlassen. So weit ist ihre Parteivorsitzende Lang noch nicht. Im ZDF-Sommerinterview windet sie sich um das Thema herum, um sich dabei aber in Widersprüche zu verstricken.

Auch sie hat den Grünen Sprechzettel vor dem Interview noch einmal verinnerlicht und ihn brav wiederholt. Und so kommt, dass sie sagt, dass Strom aus Kernenergie nur einen minimalen Anteil hat, um dann aber später zu sagen, genau dieser Strom würde die Netze verstopfen und dafür sorgt, dass der Strom aus Erneuerbaren Energien nicht ins Netz gelangt. Ein netter Widerspruch. Schade, dass sie im Interview nicht gefragt wurde, ob denn auch der Kohlestrom, der jetzt Dank der Grünen ein Comeback erhält, nicht auch die Netze verstopft.