Wahrheit und Konsens

Von Martin Landvoigt
(zuerst erschienen auf Philosophieren für alle)

Die Unterstellung, dass es den meisten Menschen um die Erkenntnis der Wahrheit geht, kann als hinreichend plausibel gelten. Dennoch tun sich zuweilen Zweifel auf. Wenn Interessen oder Ideologie im Spiel ist, wird man der Wahrheitserkenntnis möglicherweise eine geringere Priorität einräumen. Dennoch erscheint eine Behauptung vielen Menschen glaubwürdig, wenn sich die Fachleute zum Thema scheinbar einig sind. Dies ist im Besonderen dann der näheren Betrachtung wert, wenn es um komplexe Sachverhalte geht, die dann Gegenstand der Wissenschaft werden. Also traut sich ein Fachfremder selten ein eigenes Urteil zu. Der vermeintliche Konsens wird dann zum Gegenstand unbestreitbarer Wahrheit.

Im Besonderen zum sogenannten Klimakonsens wird häufig zum Hauptargument weitreichender politischen Entscheidungen heran gezogen. Bedenklich daran ist, dass es zunehmend weniger um das fachliche Argument geht, dem die Menschen nicht mehr trauen wollen, sondern eine Ersatz-Wahrheit auf den Sockel gesetzt wird. Gleichsam gilt es als weitgehend akzeptiert, dass es ein absolute Wahrheit nicht gäbe. Natürlich könne man sich auch irren, aber durch hohe Werte der Gewissheit versus der Irrtumswahrscheinlichkeit wäre dies praktisch von geringer Relevanz.

Die folgende Untersuchung bezieht sich einerseits auf sprachliche und wissenschaftliche Grundlagen, wie auch auf die aktuelle Studie Greater than 99% consensus on human caused climate change in the peer-reviewed scientific literature von Mark Lynas, Benjamin Z Houlton and Simon Perry – Published 19 October 2021. Dieser Veröffentlichung wurde bereits das Beitragsbild entnommen, das eigentlich selbst den Schlussfolgerung dieser Arbeit widerspricht.

Sprachliche Vorbemerkungen

Der Begriff der Wahrheit verschwimmt in der zeitgenössischen Diskussion. Oft wird von vielen subjektiven Wahrheiten gesprochen und gar deren Bedeutung relativiert. Zumeist wird dieser Begriff unscharf mit Meinung, Überzeugung und Erkenntnis synonym gesetzt und nicht klar unterschieden. Denn natürlich haben Menschen unterschiedliche und irrtumsanfällige Erkenntnisse und Überzeugungen. Wie aber soll man den Irrtum, die Lüge und die ’subjektive‘ Wahrheit voneinander abgrenzen? Wird das nicht getan, ist man der ‚Wahrheit‘ gar nicht mehr verpflichtet und kann bedenkenlos nach Willkür irgend was behaupten, was entweder nützlich und opportun ist, abwegiger Ansichten entspricht oder lediglich Ergebnis manipulativer Ideologien ist. Ohne ein Maßstab, was nun richtig und falsch ist, bricht jede Rechtfertigung weg, selbst wenn sich eine Ansicht nach allen Kriterien als zutreffend erweisen würde.

Positionen, die von subjektiver Weltsicht ausgehen, können diesen Maßstab nicht liefern, denn mit gleichem Recht könnte die entgegenstehende Ansicht ja ebenso ihr Recht auf ‚Wahrheit‘ einfordern. Implizit sind sich die meisten Verfechter der ’subjektiven‘ Wahrheiten allerdings einig, dass es eine allgemeinverbindliche Wirklichkeit gibt, die man sich nicht frei nach Pippi Langstrumpf nach Belieben zurechtbiegen kann. Diese Wirklichkeit ist bindend, egal ob sie nun erkannt wird oder nicht, egal ob Lügen und Irrtümer über jene existieren. Ja: die Begriffe der Lüge und des Irrtums sind erst sinnvoll, wenn man die absolute Wirklichkeit als solche akzeptiert.

Wenn sich zwar die Erkenntnis perspektivisch unterschiedlich darstellt, so muss doch die wahre Erkenntnis dieser Wirklichkeit letztlich widerspruchsfrei sein – ansonsten handelt es sich um Irrtum oder Lüge. Das ist eine Frage der Denkvoraussetzung und der Logik. Ich nenne Wahrheit (im Singular) dann jede zutreffende Aussage über jene absolute Wirklichkeit, die aber für Menschen nicht vollständig und irrtumsfrei erkannt werden kann. Dies entspricht dann der Korrespondenztheorie der Wahrheit, die zwar plausibel ist, aber wenig zur Erkenntnis jener hilft. Darum ist auch die Kohärenztheorie der Wahrheit hier sehr hilfreich: Sie setzt lediglich voraus, dass die Logik universelle Gültigkeit hat und kann darum methodisch zur Wahrheitsfindung, bzw. zu dessen Annäherung eingesetzt werden. Der Satz vom Widerspruch sagt aus, dass ein Behauptung nicht zugleich wahr oder falsch sein kann. Der zu prüfende Satz wäre unter Umständen unvollständig und damit nicht valide, oder eben entweder wahr oder falsch. So sind perspektivisch unterschiedliche Aussagen möglicherweise widerspruchsfrei, wenn man deren perspektivischen Charakter erkennt.

Die Wissenschaft bemüht sich, Sachverhalte möglichst ungetrübt von subjektiven Meinungen zu erkennen. Die Methoden der Wissenschaft beruhen daher auf Untersuchungen, die Thesen überprüfen. Laut Popper kann eine irrtumsfreie Verifikation in der Regel nicht erfolgen, da diese an Voraussetzungen geknüpft sind, die ihrerseits nicht vollständig zweifelsfrei sind. Wichtig für eine wissenschaftliche Aussage ist aber, dass diese falsifizierbar sein müssen: Es muss ein Möglichkeit geben, den möglichen Irrtum – also die Falschheit – einer Aussage spezifisch zu widerlegen. Es genügt nicht, eine allgemein Irrtumsmöglichkeit zu behaupten, sondern es muss ein Prüfkriterium dieser Aussage geben.

Ein Beispiel: ‚Morgen wird die Sonne scheinen‘ ist keine wissenschaftliche Aussage, sondern meint eine umgangssprachliche Meinung, dass es ein Morgen geben wird, und dass dieser nicht durch ein undurchdringliche Wolkendecke bestimmt ist – außerdem fehlt die Aussage, auf welchen Ort sich diese Behauptung bezieht. Eine wissenschaftlich zulässige These wäre: ‚Morgen wird es an dem Ort X keine vollständig geschlossene Wolkendecke geben.‘ Auch hier weiß man noch nicht, ob diese Aussage zutreffend ist, aber man kann sie zumindest morgen Abend überprüfen.

Grenzwertig sind die Aussagen, wenn sich der Ort X auf einem nicht überprüfbaren Ort bezieht, z.B. auf den Südpol eines neu entdeckten Planeten. oder auf einen Zeitpunkt, der jenseits praktischer Überprüfungsmöglichkeiten ist. So ist die Aussage des 2 Grad Ziels, die Erhöhung der globalen Mitteltemperatur von 1850 bis 2100 auf 2 Grad zu begrenzen wissenschaftlich fragwürdig. Abgesehen davon, dass die Bestimmung jener globalen Mitteltemperatur problematisch ist, wird eine praktische Überprüfung der heute Lebenden dies wohl nicht leisten können.

Wissenschaftlicher Konsens

Zu überprüfbaren Fakten ist selbstverständlich ein Konsens zu erwarten. So wird von der universellen Gültigkeit der Naturgesetze ausgegangen. Die Kugelgestalt der Erde ist hinreichend belegt. Genauer handelt es sich um einen Geoid, denn es gibt Abweichungen von der idealen Kugel. Der Verweis auf eine flache Erde behauptet Unsinn, mit dem alle jene charakterisiert werden sollen, die angeblich offensichtliche ‚Wahrheiten‘ bestreiten. Allerdings gibt es in der Wissenschaft viele Hypothesen, die sich keineswegs einer so klaren Beleglage erfreuen können. Wesen der Wissenschaft sollte darum sein, diese Hypothesen so lang zu überprüfen, bis die Zweifel hinreichend ausgeräumt seien oder den Charakter der Unsicherheit der Hypothese klar zu benennen. Eine schwach belegte Hypothese ebenso zu klassifizieren wie eine stark belegte – nämlich unspezifisch als vertrauenswürdigen Stand der Wissenschaft -, widerspricht der wissenschaftlichen Methode und nimmt den Charakter von Propaganda und fragwürdigen Ideologien an. Auch eine Mehrheitsmeinung von Sachverständigen ändert daran nichts.

Historisch bekannt ist, dass ein wissenschaftlicher Konsens oftmals lange Zeit völlig falsch lag. Beispiele seien die Wirkung der Schwerkraft, die Existenz eines ‚Äther‘ im Weltraum, das geozentrische Weltbild, das mittels der mathematisch faszinierenden Lösung der Epizyklen gestützt wurde. Aus dem letzten Jahrhundert sind vor allem regionale Konsensbildungen für falsche Überzeugungen bekannt unter dem Namen Lyssenko oder Rassentheorien, die nicht nur in Nazideutschland verbreitet waren. Aus der Tatsache, dass ein wissenschaftlicher Konsens keineswegs ein blindes Vertrauen rechtfertigt, so bleibt doch eine gemeinsame Überzeugung nicht völlig ohne Wert.

Der sogenannte Klimakonsens will sagen, dass die Menge der wissenschaftlichen Studien genau jene Sicherheit der Behauptungen liefern will. Das ist grundsätzlich nachvollziehbar, zumal die Frage, wie sich das Klima entwickelt und welche Einflüsse darauf wirken, so komplex ist, dass man auch den besten lebenden Experten mit Sicherheit unterstellen kann, dass sie kein hinreichend verlässliches Wissen dazu haben können. Solide und zwingende Evidenznachweise, die ein hinreichende Beschreibung liefern, existieren schlicht nicht. Wissenschaftlich ist es darum auch eine legitime Methode, Modelle zu entwickeln, die die vermuteten Einflussfaktoren berücksichtigen.

Neben diesen grundsätzlichen Problemen mit dem Argument des wissenschaftlichen Konsenses fällt vor allem auf, dass bei der Behauptung jenes Konsenses oft im Nebel bleibt, worin jener Konsens eigentlich besteht. Wir werden unten zeigen, dass ein Konsens zu Trivialaussagen tatsächlich besteht, im Besonderen, dass der Mensch einen Einfluss auf das Klima ausübt. Zur Frage wie groß dieser Einfluss allerdings ist, und wie schädlich dieser ist, besteht ganz klar kein Konsens. Zumeist wird aber propagandistisch der vermeintliche Konsens zum grundsätzlichen anthropogenen Einfluss auf einen behaupteten quantitativen und gefährlichen Sachverhalt übertragen. Auch die Feststellung des Sachverhalts eines Konsenses ist methodisch höchst kritisch zu prüfen. Doch dazu unten mehr.

Das Ideal der Wissenschaft ist die Unvoreingenommenheit. Der seriöse Wissenschaftler will sich natürlich nicht kompromittieren lassen, das er für bestimmte Ergebnisse ‚gekauft‘ wird. Dennoch sind auch Wissenschaftler Menschen, die unter sozioökonomischen Rahmenbedingungen leben, die von Einkommen und Fördermitteln abhängig sind, die nach Ruhm und Anerkennung streben. Auch ideologisch Prägungen können die Einstellungen zu Forschungsergebnissen und deren Interpretation stark verändern. In jüngerer Zeit wir im Kontext einer Cancel-Culture der ehedem bestehende Mechanismus stark verschärft. In der Regel wird fast reflexhaft demjenigen Wissenschaftler, der ein unerwünschtes Ergebnis liefert unterstellt, er sei gekauft. Dieser Vorwurf kann zutreffen, aber eine entsprechende Skepsis ist dann ebenso allen Wissenschaftlern zu unterstellen, im Besonderen jenen, die im Mainstream mit schwimmen. Nach dem Verdacht des vermeintlichen oder echten Bias entfällt zumeist die Prüfung des vorgetragenen Arguments – als ob jener Verdacht die Arbeit bereits vollständig disqualifiziert.

Erkenntnistheoretische Probleme der Klimawissenschaft

Die klassische Methoden der Naturwissenschaften, einfaches Messen und das Experiment, führen in der Klimawissenschaft nicht sehr weit. Zwar sind die Strahlungseigenschaften des CO2 exakt vermessen, aber selbst das durchrechnen auf eine reine CO2-Klimasensitivität führt bereits zu kleinen Schwankungen – zwischen 0,95 und 1,1 Grad. Dies erklärt sich aus dem Ansatz der Messmodelle. Allerdings gehen alle Wissenschaftler davon aus, dass dies keineswegs die vollständige Klimasensitivität beschreibt, denn in einem komplexen System wie der Erdatmosphäre führen Änderungen eines Parameters zu weiteren Folgewirkungen, sogenannten Feedbacks. Diese können positiv sein, also verstärkend, oder negativ, also dämpfend. Die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler – auch jene, die eine Klimapanik für falsch halten – geht von einem positiven Feedback aus. Allerdings ist die Ansicht, ob wir nun eine wahre Klimasensitivität von 1,2 Grad oder 6 Grad haben – oder irgend was dazwischen – , nach wie vor kontrovers diskutiert. Hier gibt es keinen Konsens. Das zeigt auch die große Spanne der Angaben in den IPCC Assessment Reports, die kritische Argumente bereits weitgehend ignoreren.

Ein globales Klimamodell mit allen möglichen Fakten zu entwickeln reicht nicht aus, um die Klima-Wirklichkeit hinreichend abzubilden. Die Physik im Kleinräumigen ist bereits unglaublich komplex. Stellen Sie sich nur die Verdunstungsrate auf einem Grashalm vor. Wichtig ist nicht nur das aktuelle Vorhandensein von Wasser, die Sonneneinstrahlung und der Einstrahlwinkel, die lokale Luftfeuchte und die Temperatur, sondern auch Wind , Oberflächenbeschaffenheit und Zustand der Spaltöffnungen etc. Die Verdunstung eines Waldareals von nur einem Hektar wird dann kaum hinreichend exakt bestimmbar sein. Man verwendet statt dessen pauschalierte Näherungswerte, die nicht mehr den exakten Wirkketten entsprechen. Die Klima-Modelle rechnen aber mit Rastern von etwa 100 km Seitenlänge – es liegt auf der Hand, das hier die physikalischen Faktoren nur sehr grob an die jeweilige Flächennutzung oder gar an die lokalen Wirksamkeiten angepasst werden können. Bekannt ist vielmehr, dass sich das Klima und Wetter sowohl großräumig und global, als auch im Mikroklima multivariat chaotisch verhalten. Folglich wird mit pauschaliertem Ansatz und statistischer Relevanz versucht, eine Näherung zu erreichen.

Modelle können sowohl ein hinreichende Näherung liefern, unzureichend sein oder als auch völlig falsch sein. Dies kann sich auf den Modellansatz beziehen, als auch auf die Kalibrierung. Um dies zu vermeiden versucht man anhand von Forecasts – also der Vorhersage über künftige Entwicklungen – zu überprüfen. Dies ist selbstredend nur in der Zukunft möglich. Ältere Modele können allerdings heute überprüft werden. Aber die Beurteilung der Ergebnisse ist problematisch. Denn derartige Modelle können keine exakten Vorhersagen erwarten lassen, insbesondere, da es eine natürliche Klimavariabilität gibt.

Die Frage bleibt, ob eine mögliche Übereinstimmung auf einem Zufall beruht, oder eine mögliche Abweichung zwischen Vorhersage und eingetretener Realität im Rahmen einer guten Modelldeckung liegt oder ob das Modell sich als wertlos erwiesen hat. Es geht dabei um das Signal-Rausch-Verhältnis. Die Modellaussage, nämlich der vorhergesagte Trend, wäre dabei das gesuchte Signal, die natürliche Klimavariabilität ist das sogenannte Rauschen. Bekannt ist, dass die Temperaturen, auch die gemittelten Global-Temperaturen, stark schwanken. Eine vermutete Erhöhung der Global-Temperatur um 1,5 Grad in 150 Jahren ist bezogen auf das Rauschen ein sehr schwaches Signal, zumal weiter Faktoren in ihrer Wirksamkeit umstritten sind: Neben dem CO2 und anderen IR aktiven Bestandteilen, sind vor allem die Sonneneistrahlung zu benennen, also Stärke und Spektrum der Schwankungen, die Wolkenbedeckung und die Wolkendurchlässigkeit, ozeanische Zyklen (oft über mehrere Dekaden hinweg AMO, PDO u.a.), die veränderte Flächennutzung (Versiegelte Flächen, landwirtschaftliche Nutzung, Trockenlegung von Mooren, Solar- und Windparks etc.), Vulkanismus (Ruß, Aerosole) und einiges mehr. Publikationen, einschließlich der IPCC Assessment Reports, bemühen sich darum um eine Abschätzung der Faktoren, die allerdings nahezu unbelegt bleiben und lediglich die subjektive Meinung derer abbilden, die über die redaktionelle Macht verfügen.

Ein Urteil über die Qualität des Modells ist also äußerst schwierig, selbst wenn es sich um ein gutes Modell handeln würde, denn auch dafür fehlen grundsätzlich die Belege. Last not least: Ein Modell, das mittels Forecasts geprüft wird, ist offensichtlich kein aktuelles Modell, denn mittlerweile existieren veränderte Modelle, die den Anspruch haben, besser zu sein. Entsprechend unklar bleibt, ob es sich bei dem alten oder neuen Modell um ein gutes, besseres oder schlechteres Modell handelt.

Dies trifft prinzipiell auf für die andere Prüf-Methode, den sogenannten Hindcast zu. Also die Überprüfung ob das Modell die Vergangenheit hinreichend nachbilden kann. Dies wäre unter dem Vorbehalt zu sehen, dass natürlich das Modell an der Vergangenheit kalibriert wurde – was durchaus auch ein korrektes Verfahren wäre. Es würde darum wenig erstaunen, wenn das Modell eine Deckung mit der historischen Entwicklung zeigt … aber das belegt nicht, dass das Modell auch künftige Entwicklungen hinreichend zuverlässig darstellen kann. Faktisch haben sämtliche Modelle aber enorme Problem mit den Hindcast. Im Besonderen, wenn man die Modelle über mehrere Jahrhunderte rückwärts rechnen lässt. Erschwerend trifft darin zu, dass es unterschiedliche Studienergebnisse zu dem Verlauf und Stärke der kleinen Eiszeit und der Mittelalterlichen Warmperiode gibt: An welchem hypothetischen Verlauf sollte die Güte des Models kalibriert und gemessen werden?

Modelle bilden allerdings das Rückgrat der Klimadebatte, z.B. in den IPCC Assessment Reports. Dies ist u.a. auch erkennbar aus der weiten Spannbreite der sogenannte ‚wahrscheinlichen‘ CO2-Klimasensitivität von 1,5 – 4,5 Grad (ECS und TSR im AR5) Aus den grundsätzlichen und methodischen Schwierigkeiten wird deutlich, wie sehr die Beurteilung der Hypothesen von subjektivem Vertrauen abhängig ist, da harte, belastbare Belege weitgehend fehlen. Wir haben hier also einen völlig andere Qualität der wissenschaftlichen Erkenntnis als bei reproduzierbaren Versuchsergebnissen oder immer wieder bestätigten Naturgesetzen. Es handelt sich lediglich um schwach belegte Meinungen. Das bezieht sich grundsätzlich nicht nur auf ein Gruppe von Wissenschaftlern, die eine mehr oder minder homogene Meinung vertritt, sondern alle Klimawissenschaftler, egal ob Mehrheitsmeinung oder Minderheitsmeinung.

Der Klimakonsens und die Wissenschaft

Auf dieser Basis wurde mehrfach und wiederholt das Argument des vermeintlichen Konsenses in den Klimawissenschaften vorgetragen. Zahlreiche Studien sollten diesen belegen. Im Besonderen ist die Studie

Quantifying the consensus on anthropogenic global warming in the scientific literature – John Cook, Dana Nuccitelli, Sarah A Green, Mark Richardson, Bärbel Winkler, Rob Painting, Robert Way, Peter Jacobs and Andrew Skuce – Published 15 May 2013

die wohl einflussreichste Studie, die von US-Präsidenten und anderen Top-Level Entscheidern als Beleg für die Klimapolitik verwendet wurden. Nichts desto trotz kann sie als widerlegt gelten:

Detailed analysis shows that only 0.5% (65 of the 12,000 abstracts rated) suggest that humans are responsible for more than 50% of the global warming up to 2001, contrary to the alleged 97% consensus amongst scientists in the Cook et al study. Citing fear mongering and faulty methodology Friends of Science reject the study and President Obama’s tweet as careless incitement of a misinformed and frightened public, when in fact the sun is the main driver of climate change; not human activity or carbon dioxide (CO2).

Friends of Science

Viele Artikel und Studien widerlegen Ansatz und Ergebnisse. Einschließlich:

The claim of a 97% consensus on global warming does not stand up
Consensus is irrelevant in science. There are plenty of examples in history where everyone agreed and everyone was wrong

Richard Tol in The Guardian

Erstaunlich ist darin natürlich auch die Methode: Es wurden Studien untersucht, die zum Thema Klimawandel veröffentlicht wurden. Darin liegt die Annahme, dass Wissenschaftler, die zum Thema veröffentlichen, die einzig maßgeblichen Experten seien. Diese Methode, die wahrscheinlich eine ‚biased‘ Selektion liefert, lässt zudem nur höchst zweifelhaft die Expertenmeinung vermuten. Wäre da nicht eine repräsentative Umfrage unter Fachkundigen die angemessene Methode gewesen? So auch unter Meteorologen und anderen Wissenschaftlern, die in vielen unterschiedlichen Funktionen im Umfeld von Wetter und Klima arbeiten. Tatsächlich gibt es derartige Studien, die sehr viel differenzierter das Bild zeigen, aber dennoch weitgehend ignoriert werden.

Nun erschien aktuell eine neue Studie: Greater than 99% consensus on human caused climate change in the peer-reviewed scientific literature von Mark Lynas, Benjamin Z Houlton and Simon Perry – Published 19 October. Wird diese Studie einen besseren und aktuelleren Erkenntnisgewinn liefern gegenüber den vielen davor laufenden Studien? Leider ist das nicht der Fall. Im Abstract ist nicht zu finden, was denn jener Konsens eigentlich sein soll.

We identify four sceptical papers out of the sub-set of 3000, as evidenced by abstracts that were rated as implicitly or explicitly sceptical of human-caused global warming. In our sample utilizing pre-identified sceptical keywords we found 28 papers that were implicitly or explicitly sceptical. We conclude with high statistical confidence that the scientific consensus on human-caused contemporary climate change—expressed as a proportion of the total publications—exceeds 99% in the peer reviewed scientific literature.

Lynas et al.

Dies lässt natürlich Raum für alle möglichen Vermutungen: Behauptet jener 99% Konsens tatsächlich der eine starken, überwiegenden oder vollständigen Einflusses der anthropogenen Faktoren? Oder sind es lediglich nur das ein – quantitativ ungenannter – Einfluss des Menschen auf das Klima besteht? Von letzterem ist auszugehen, da es massenweise Artikel gibt, die einen dominierenden Einfluss jener Faktoren auf das Klima bezweifeln. Da die genannten 3000 Artikel aber vermutlich nicht genau jene Frage zum Untersuchungsgegenstand (es wurde nur nach generischen Keywords gesucht) haben, ist nicht davon auszugehen, dass hier valide quantifizierbare Untersuchungsergebnisse vorliegen. Die Analyse des Textes bestätigt dies:

3.1. Results of random sampling
Our random sample of 3000 papers revealed a total of 282 papers that were categorized as ’not climate-related‘. These false-positives occurred because, even though the climate keywords occurred in their title/abstracts, the published articles dealt with social science, education or research about people’s views on climate change rather than original scientific work.

Lynas et al.

Wenig überrascht dann die Klassifikation:

Explicit endorsement with quantification
Implicit endorsement
No position
19
460
2104

Lynas et al.

Quelle: Lynas et al. 2021

Klartext: nur 19 aus 3000 untersuchten Arbeiten quantifizieren den menschlichen Einfluss auf das Klima. Die restlichen machen offensichtlich keine quantifizierbaren Aussagen. Und selbst von jenen 19 Arbeiten wird nicht analysiert, wie denn der Einfluss quantifiziert wurde. Eine Quantifizierung von 50 % anthropogenen Anteil würde hier bereits als Beleg für den sogenannten Konsens gelten, in anderen Kontexten jedoch bereits Widerspruch zum IPCC und das Urteil des Klimaleugners bewirken. Obwohl die 2104 Arbeiten relevant sind und den Klimawandel beschreiben, machen diese noch nicht mal implizite Aussagen zur menschlichen Ursache. Warum eigentlich nicht? Hier von einem weitreichenden Konsens von über 99% zu sprechen ist dar wahrlich dreist!

Darum könnte der behauptete Konsens nur darin bestehen, dass der Mensch irgend einen Einfluss auf das Klima ausübt. Aber selbst das gibt die Untersuchung nicht her, obwohl es eine Trivialaussage wäre. Ein ähnlich hoher Konsens wird darin bestehen, dass die Farbe des wolkenlosen Tageshimmels blau ist. Das ist aber völlig irrelevant und rechtfertigt keine politischen Entscheidungen, vor allem, wenn diese drastisch die Lebensbedingungen der Menschen ändern. Entsprechen falsch ist dann auch die Konklusion:

The tiny number of papers that have been published during our time period which disagree with this overwhelming scientific consensus have had no discernible impact, presumably because they do not provide any convincing evidence to refute the hypothesis that—in the words of IPCC AR5—’it is extremely likely that human influence has been the dominant cause of the observed warming since the mid-20th century‘ [12], and, most recently in IPCC AR6—’it is unequivocal that human influence has warmed the atmosphere, ocean and land‘ [13].

Lynas et al.

Die gesamte Arbeit hatte gar nicht untersucht, ob es einen Konsens zu ‚human influence has been the dominant cause of the observed warming‚ gibt. Wie konnten derartig falsche Schlussfolgerungen ein Peer Review überstehen? Dies weckt Zweifel, ob das Prädikat Peer Review überhaupt noch einen Wert hat.

Dennoch ist davon auszugehen, dass diese Studie weiterhin – ohne Details zu nennen – als Beleg für die Wissenschaftlichkeit der Klimaschutzpolitik herangezogen wird. Gerade diese beachtliche Wirkung ist aber wohl intendiert und eher als Propaganda und Bad Science zu klassifizieren.

Weltanschauung, Geld und Macht

Angesichts der schwachen Beleglage und der dramatischen Maßnahmen zum Klimaschutz verwundert, warum derartige Arbeiten überhaupt durchgeführt, peer reviewed, veröffentlicht und öffentlich beachtet werden. Bei der Suche nach Motiven erscheinen zwei Themengruppen von Relevanz:

  • Weltanschauung: Einem Trend folgend, die über die Medienpräsenz einen Hype erfährt, werden Menschen verängstigt, dass eine Katastrophe auf sie zukommt. Diese Angst paart sich mit dem Willen, drängende Probleme zu beheben. In der Folge verdichtet sich das Konglomerat aus Angst, Problemlösungswillen, Opferbereitschaft und sozialen Megatrends zu einer quasi-religiösen Bewegung, die sich nicht mehr um die Faktenlage kümmert, wenn sie davon überzeugt sind, dass die Experten ja einhellig einer Meinung seien.
  • Geld und Macht: Aus Verwerfungen gesellschaftlicher Entwicklungen gibt es immer Verlierer und Gewinner. Gewisse Menschen, Industrien, NGOs und Institutionen können dies Verwerfungen nutzen, um ihren Einfluss auszuweiten. Regierungen bekommen über den Hebel des Klimaschutzes einen Zuwachs an Macht und können Kritiker diskreditieren, wenn die Überzeugeng der Mehrheit benutzt werden kann. Es ist dann unerheblich, ob die Nutznießer dieser Verfahren selbst von den vermeintlichen Problem überzeugt sind oder das Ganze nur als ein wirksames Machtinstument einsetzen. Die Wirkung jener Politik unterscheidet sich nicht, ob sie von einem ideologisierten Überzeugungstäter oder von einem korrupten Politiker ausgeübt wird.

Natürlich kann man Verschwörungen keineswegs grundsätzlich ausschließen, aber es ist eine gute Regel, nicht von einer Verschwörung auszugehen, wenn man den Sachverhalt auch durch menschliche Dummheit erklären kann. Darum macht es auch keinen Unterschied, ob hier sinistere Kräfte einen Trend steuern, oder ob eine Ideologie zu einem religiösen Massenwahn führt.

Die Gegenthese wäre: Die Klimapanik basiert auf sachlich korrekten Thesen und ist geeignet, das Unheil abzuwenden. Hierzu gibt es weder wasserdichte Argumente, noch Gegenargumente, sondern jeweils Indizienketten, die offensichtlich unterschiedlich bewertet werden. Aber das Fehlen von robusten Belegen und die Argumentation, diesen Sachverhalt zu verschleiern ist klar Propaganda: Wenn die Wahrheit es nötig hat, sich der Methoden der Propaganda zu bedienen, dann ist höchste Skepsis angezeigt.

Es verdichtet sich allerdings der Eindruck, dass es hier um kein isoliertes Problem der Klimawissenschaften geht, sondern sich in verschiedenen Bereichen in gleichen Mustern wiederfindet. Aufschlussreich ist hier das Interview von Gunnar Kaiser Das ist politische Propaganda! – Michael Esfeld über den Missbrauch der Wissenschaft