Von guten und schlechten Bäumen: eine unsägliche Geschichte

Über die sehr unterschiedlichen Ansichten zu Bäumen haben wir in diesem Blog ja bereits hier berichtet. Möglicherweise hat dieses Phänomen auch etwas damit zu tun, dass die Worte Umweltschutz und Naturschutz aus unserem Sprachgebrauch langsam aber sicher verschwinden und durch den Klimaschutz verdrängt werden. Diesem hat sich alles unterzuordnen, auch der Umwelt- und Naturschutz. Das hat zum Teil katastrophale Folgen.

Der Wert der Bäume liegt im Auge des Betrachters bzw. seiner Agenda

Bäume sind extrem wertvolle Kohlenstoffspeicher. Sie sind wahre CO2 Senken. Man schätzt, dass ein großer Baum pro Jahr etwa 12,5 Kg CO2 jährlich aus der Atmosphäre holt und speichert. Eigentlich, so müsste man doch denken, sollten wir nicht nur massiv aufforsten, so wie es auch Professor Werner Sinn in seinem Vortrag „Wie wir das Klima retten und wie nicht“  vorgeschlagen hat, sondern auch vorhandenen Baumbestand erhalten. Eigentlich.

Natürlich werden Bäume geschützt, teilweise mit drastischen Mitteln wie z. B. im Hambacher Forst. Dort aber nicht aus CO2-Speichergründen sondern, weil die Aktivisten den Braunkohleabbau verhindern wollen. Solche Aktionen sind spektakulär und gehen durch die Medien. Es geht hier also um gute Bäume.

Weit weniger aufmerksamkeitsstark sind hingegen Proteste von Anwohnern in Grünheide in Brandenburg, die gegen die Abholzung einer Fläche von der Größe von 420 Fußballfeldern mobil machen, die der neuen Gigafactory von Tesla weichen sollen. Auch hier verliert die Natur Kohlenstoffspeicher und keinen Aktivisten juckt es wirklich, denn es sind schlechte Bäume. Oder gab es Demos von Fridays For Future (FFF) oder Extinction Rebellion in Grünheide?

Schräge Tauschaktionen in Schottland

Genauso wenig interessiert es in Schottland. Dort kam nun heraus, dass für die Errichtung von Windkraftanlagen (WKA) fast 14 Millionen Bäume seit 2000 gefällt werden mussten. Nach der obigen Rechnung hat Schottland damit auf 175.000 Tonnen CO2-Senkung im Jahr „verzichtet“, um das Klima zu retten. Da nutzen auch Anpflanzaktionen von 100.000 Bäumen wie in Schottland nicht viel, weil sie die verloren Kapazitäten nur sehr begrenzt ersetzen. Bäume brauchen einfach Zeit bis sie stattlich sind und die o.g. Menge an CO2 jährlich aufnehmen können.

Fundamente und Zuwegung

Dabei sind die Flächen für die Fundamente noch das kleinste Übel, obwohl man allein in Schleswig-Holstein in 2018 von einer versiegelten Fläche von 3 Millionen Quadratmetern ausging. In solchen Fundamenten verschwinden ca. 1300 Kubikmeter Beton und 180 Tonnen Stahl.

Bild: By Mussklprozz (Own work) [CC-BY-SA-3.0 ( http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0 )],via Wikimedia Commons

Es ist nicht mal klar, wie solche Kolosse später mal aus dem Wald entfernt werden sollen oder überhaupt können. Wer einmal Urlaub in Frankreich am Atlantik gemacht hat, der weiß, dass die Beton-Überreste, sprich Bunker, des 3. Reiches sich dort an den Küsten hartnäckig weigern zu verfallen. 1000-jährig werden vermutlich nur die Bunkeranlagen der Nazis sein oder später mal die Fundamente der WKA, die nicht rückgebaut werden konnten.

Viel gravierender als die Fundamente, die ja nur eine relativ kleine Fläche ausmachen, sind die Zuwegungen zu den WKA. Die WKA werden immer höher und die Rotoren immer größer. Der Radius, den die Spezialfahrzeuge zum Transport mittlerweile haben, ist so groß, dass eben auch sehr viele Bäume weichen müssen, wenn die Zuwegungen angelegt werden und die Topografie eine Kurve verlangt. Und da die WKA nur eine begrenzte Lebenszeit haben, bleiben die Zuwegungen, denn es muss ja irgendwann möglicherweise rückgebaut oder auch gewartet werden. Der Wald an dieser Stelle ist verloren und zerschnitten.

Eine Partei hat es drauf

Die CDU Niedersachen wartet nun mit einem Vorschlag auf, dass mehr WKA in Wäldern genehmigt werden sollen. Ob hier eine Folgeabschätzung gemacht wurde? Gerade in Wäldern ist der Bestand an Greifvögeln hoch und man kann nur erahnen, was passiert, wenn sich demnächst über den Vögeln bzw. deren Brut- und Lebensraum riesige Rotoren drehen. Diese Rotoren sind, wie Studien belegen, eine erhebliche Gefahr für Greifvögel.

Zwar versucht die Windkraft-Lobby solche Studien zu entkräften, indem z. B. auf die große Zahl der Sing- und Gartenvögel verwiesen wird, die jährlich durch Scheiben, Autos oder Katzen getötet werden. Wer aber den gesunden Menschenverstand einsetzt, der erkennt hier Whataboutism in reinster Form. Greifvögel sterben äußerst selten durch Scheiben, Autos oder Katzen und Sing- und Gartenvögel selten durch WKA. Spätestens wenn sich beim Zensus der Seevögel in der Irischen See – einer Gegend mit sehr viel WKA – herausstellt, dass die Population massiv zurückgeht, wird das Scheiben/Katzen/Auto Argument zerbröselt.

Das gleiche Ereignis – komplett unterschiedliche Reaktionen

Richtig verrückt wird es aber, wenn wir die Situation an Stellen wie dem Reinhardtswald in Hessen ansehen. Dieser Wald ist sehr wertvoll, weil er zum Teil noch Urwaldcharakter hat. Dennoch sollen dort WKA errichtet werden mit allen oben beschriebenen Konsequenzen. Anwohnerproteste werden als Technik- bzw. Energiewende-Verhinderung abgetan. Gleichzeitig gerät das Volk in kollektive Bestürzung wenn der Amazonas durch Brandrodung kleiner wird. In beiden Fällen gehen Wälder, Biotope und Kohlenstoffspeicher verloren, allerdings mit komplett konträren Reaktionen – gute und schlechte Bäume.

Über allen Wipfeln ist war Ruh‘

Wälder sind aber noch weit mehr. Viele Menschen gehen dort verschiedenen Aktivitäten nach. Ein Klima-Aktivist aus Berlin Kreuzberg oder Hamburg Ottensen mag sich das zwar nur schwer vorstellen, aber es gibt tatsächlich Menschen, die die Wälder zum Waldbaden aufsuchen und oft auch, um die Stille oder den Klang der Natur zu genießen. Wenn es nach den Plänen der Windkraft-Befürworter geht, dann ist es damit in vielen Wäldern bald vorbei.