Vergesst die Mittelalterliche Warmperiode: Denkt lieber über den spät-neuzeitlichen Wärmepeak nach

von Jürgen Koller

Warum die eigentliche Frage lauten muss: Warum war es gegen Ende des 18ten bzw. zu Beginn des 19. Jhs so warm?

Vor einigen Jahren habe ich mich auf Kalte Sonne dafür ausgesprochen, den Terminus Mittelalterliche Warmperiode beizubehalten. Dieser historisch gewachsene Begriff legt nahe, dass, „vor allem für den Zeitraum des Hoch- und Spätmittelalters (ca. 900-1300 A. D.) wärmere klimatische Bedingungen … im Speziellen in West-Europa und den Regionen um den Nord-Atlantik“ vorzufinden waren; so jedenfalls schrieb ich damals – mit Verweis auf Lambs „from the Arctic to New Zealand“ (The early medieval warm epoch and ist sequel 1965, 14). Ich schränkte die Aussage auf das jeweilige Studiengebiet (lokal, hemisphärisch, global) ein und koppelte die MWP an die für das jeweilige Studiengebiet nachfolgende Abkühlungsphase, auch Kleine Eiszeit (LIA) genannt. Damals hielt ich allerdings fest, dass nur einzelne, wenig belastbare Proxydaten für die südliche Hemisphäre vorlägen und die Datenlage um die Äquatorial-Regionen und den 45-65°S noch schlechter bestellt sei.

Mittlerweile hat sich einiges getan. Professor Dr. Fritz Vahrenholt und Dr. habil. Sebastian Lüning haben zusammen mit Fachkollegen das Projekt: Die Mittelalterliche Wärmeperiode ins Leben gerufen. Die Aufgabe besteht der Projektbeschreibung folgend darin, die weltweit veröffentlichten Studien über die Mittelalterliche Klimaanomalie (Mittelalterliche Wärmeperiode) zu eruieren, zu erfassen und auszulegen.

Mit 13. Juli 2019 führen die Autoren 1200 Studien einer Dokumentation zu. Es zeigt sich, die Datenlage für die südliche Hemisphäre hat sich verbessert. Die Ergebnisse deuten in ihrer Gesamtheit ebenfalls auf warme Bedingungen im untersuchten Gebiet hin. Somit sehe ich mich in meiner damaligen Auffassung bestätigt.

Für die einen Wissenschafter war indes schon seit langer Zeit klar, dass die Datenlage für eine MWP spricht, für die anderen, für die dies nicht klar zu sein schien, war die Frage nach einer MWP wohl eine nachgeordnete Frage, da ja die Temperatur-Daten nur indirekt über Proxys gewonnen werden können. So besehen war die Frage nach einer MWP letztlich weder für die eine noch für die andere Seite vordergründig.

Nur die wenigsten Menschen wissen darüber Bescheid, und die Medien berichten kaum darüber, dass bereits aus der Zeit gegen Ende des 18ten und zu Beginn des 19. Jhs direkte Temperaturmessungen vorliegen, die einen Erwärmungspeak aufweisen, der vergleichbar ist mit den Peaks zu Mitte des 20. Jhs und in einigen Gegenden sogar erst in den frühen 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts übertroffen wurde.

Dies gilt laut dem HISTALP-Datensatz (Jahreswerte; Datensatz homogenisiert) der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien (zamg.ac.at/histalp) beispielsweise für Österreich: Innsbruck-Universität 9,9 °C (1797), 10,6 °C (1994); Kremsmünster 9,6 °C/ 9,7 °C (1811/1868), 9,9 °C (1992); Wien-Hohe Warte 11,2 °C (1822), 11,5 °C (1994); für DEUTSCHLAND: Hohenpeißenberg 8 °C (1811), 8,2 °C (1994); Karlsruhe 11,3 °C (1822), 11,5 °C (1990); München-Stadt 9,6 °C (1794), 10 °C (1994); Regensburg 9,5 °C/9,6 °C (1794/1868), 10,1 °C (1994); Rheinstetten-Karlsruhe 11 °C (1822), 11,2 °C (1990); Stuttgart-Schnarrenberg 10,4 °C (1794), 10,5 °C (1946) und für ITALIEN: Milano-Brera 14 °C (1822), 14,1 °C (1943); Padova 14,1 °C (1822), 14,3 °C (1994); Torino 14,4 °C (1822), 14,5 °C (1990).

Diesbezüglich drängen sich nun Fragen auf: Wenn es in einer Zeit der allgemeinen Abkühlung (LIA), in einer Zeit klimatisch volatiler Bedingungen, sprunghaft in nur wenigen Jahren zu einer starken Erwärmung kommen kann, welcher klimatische Faktor, welche klimatischen Faktoren zeichnen dafür verantwortlich?

Oder etwa: Finden sich diese Wärmepeaks nur begrenzt auf Mitteleuropa?

Mir scheint, die Wissenschaft sollte sich zukünftig eindringlicher mit dem spät-neuzeitlichen Wärmepeak beschäftigen, bisher jedenfalls, wurde dieser kaum erforscht.