Überlaufende Ozeane – Eine Frage sei erlaubt

Von Bruno Hublitz

Mit Datum 24. September 2019 hat der IPCC den Sonderbericht „The Ocean and Cryosphere in a Changing Climate“  herausgegeben. Dieser fand in den Medien und in der Öffentlichkeit eine breite Resonanz, da die Prognosen gegenüber dem 5-ten Sachstandsbericht von 2013 deutlich angehoben wurden. Als Beispiel für die Medien sei die Süddeutsche Zeitung vom 25. Sep. 2019 erwähnt:

„Erderwärmung: Klimarat warnt vor starkem Meeresspiegelanstieg“

„In einem Spezialbericht zu Ozeanen und Eisschilden warnt der Weltklimarat IPCC vor dramatischen Veränderungen in den Meeren.

Der Bericht, dessen finale Zusammenfassung die rund 100 beteiligten Wissenschaftler zuletzt in einer fast 48-stündigen Marathon-Sitzung in Monaco mit den Regierungsvertretern ausgehandelt haben, befasst sich mit den ökologischen Folgen von Erwärmung und Versauerung innerhalb der Meere, mit der globalen Schmelze von Gletschern und Polkappen und dem daraus folgenden Meeresspiegelanstieg sowie mit den sozialen und wirtschaftlichen Folgen, die diese Prozesse für die Menschen haben werden.

…..

Für das Jahr 2100 kommen die Forscher nun, falls die Emissionen weiter ungebremst ansteigen sollten, auf einen Meeresspiegelanstieg von wahrscheinlich 0,61 bis 1,10 Meter im Vergleich zur Periode von 1986 bis 2005. Allerdings sind auch Werte von rund zwei Metern möglich, je nachdem, wie sich die Dynamik der großen Eisschilde entwickelt.

……“

Die vom emeritierten Professor Ole Humlum an der Universität Oslo initiierte Plattform „climate4you“ bietet dem interessierten Laien eine gute Möglichkeit sich über aktuelle Klimaentwicklungen sachgerecht zu informieren. So kann man sich auch weltweit vom Anstieg der Meeresspiegel ein gutes Bild verschaffen. Für die ausgewählten Beispiele greift „climate4you“ auf die Datenbank “ Permanent Service for Mean Sea Level (PSMSL)“, die auch jedermann zugänglich ist. Die in „ PSMSL“ angegebenen Daten sind gemessene Pegelstände. Der älteste in „climate4you“ aufgeführte Pegelverlauf ist der von Brest in Frankreich an der Atlantikküste mit einer über zwei Jahrhunderte reichende Datenreihe, siehe Tabelle:

Tabelle: Pegel-Meßstationen sortiert nach Aufzeichnungsbeginn (Quelle „climate4you“, dort ausgewählt aus „PSMSL“). Pegel Cuxhaven in der Tabelle ergänzt.

Im folgenden seien drei Stationen ausgewählt:

1)         Brest/Frankreich – Atlantik

2)         Cuxhaven/Deutschland – Nordsee

3)         Honolulu/Hawaii/USA – Pazifik

Brest als Pegelstation mit der ältesten Zahlenreihe, Cuxhaven als Beispiel für Deutschland, siehe auch „Klimawandel in Deutschland“ (Link http://www.klimawandel-in-deutschland.de/). In den Medien und in der Öffentlichkeit wird viel von den untergehenden Pazifikinseln berichtet und diskutiert. Stellvertretend für den Pazifik sei Honolulu auf Hawaii gewählt, es liegen immerhin Datenreihen seit über 100 Jahre vor.

Die „PSMSL„-Jahres-Daten wurden in einer Excel-Datei übernommen. Eine lineare Regression kann mit der Excel-Funktionalität „Trend linear“ gebildet werden. Sie entspricht dem langjährigen mittleren Meeresspiegel-Anstieg. In einem Diagramm können dann die in der Presse genannten erhöhten Anstiege von 61 cm, 110 cm und 200 cm eingetragen werden.

Abb. 1:   Meeresspiegelanstieg für Brest / Frankreich – Atlantik; Anstiegsrate für Zeitraum 1807 – 2018: 1,0 mm/Jahr; Quellen: 1) Permanent Service for Mean Sea Level (PSMSL), 2) erhöhte Anstiegsraten: Süddeutsche Zeitung 25. Sep. 2019.

Abb. 2:   Meeresspiegelanstieg für Cuxhaven / Deutschland – Nordsee; Anstiegsrate für Zeitraum 1843 – 2016: 2,08 mm/Jahr; Quellen: siehe Abb. 1.

Abb. 3:   Meeresspiegelanstieg für Honolulu / Hawaii / USA – Pazifik; Anstiegsrate für Zeitraum 1905 – 2018: 1,5 mm/Jahr; Quellen: siehe Abb. 1.

Nun kann der berechtigte Einwand gebracht werden, dass in allen drei Fällen der Meeresspiegel nicht quasi über Nacht ab heute sprunghaft nach oben steigen wird, egal welches Szenario betrachtet wird. Der Kurvenverlauf muß sich allmählich vom bisherigen linearen Anstieg entfernen um die 61-cm-, 110-cm- oder 200-cm-Marken zu erreichen. Es sei nochmals auf die Pegel-Meßstation in Brest / Frankreich zurückgegriffen.

Abb. 4:   Meeresspiegelanstieg für Brest / Frankreich – Atlantik; Anstiegsrate für Zeitraum 1900 – 2018: 1,5 mm/Jahr; 200-cm-Szenario. Quellen: siehe Abb. 1.

Man kann einwenden, dass am Pegel Brest im 19. Jahrhundert kein Anstieg zu beobachten war, sondern, dass dieser erst im 20. Jahrhundert eingesetzt hat. Die Anstiegsrate wäre dann 1,5 mm/Jahr. Um vom heutigen Stand auf den 200-cm-Stand zu kommen muß der Gradient deutlich ansteigen. Er käme dann von 1,5 mm/Jahr in die Größenordnung von 45 mm/Jahr, d. h. um den Faktor 30 größer! Der aufmerksame Leser wird sicherlich bemerkt haben, dass die Definition lautet, Zitat:

„……. im Vergleich zur Periode von 1986 bis 2005……“

Also verschieben wir den Kurvenanfang nach vorne. Als Mittelwert und Anfangspunkt sei das Jahr 1995 gewählt. Nochmals das „200-cm-Szenario„.

Abb. 5:   Meeresspiegelanstieg für Brest / Frankreich – Atlantik; Anstiegsrate für Zeitraum 1900 – 2018: 1,5 mm/Jahr; 200-cm-Szenario, Anstieg ab Periode 1986 bis 2005. Quellen: siehe Abb. 1.

In Abb. 5 steigt der Meeresspiegel mit der erhöhten Anstiegsrate ab dem Jahr 1995. Der Gradient am 200-cm-Stand verflacht natürlich dadurch. Er liegt dann in der Größenordnung von 30 mm/Jahr, das ist immer noch ein ca. Faktor 20 größer gegenüber dem bisherigen linearen Anstieg. Seit 1995 sind mittlerweile 24 Jahre vergangen. Im Jahr 1995 betrug der („PSMSL“)-Pegelstand 7100 mm. Wäre der Pegel ab 1995 über Nacht zur 200-cm-Marke angestiegen, dann lege er heute bei ca. 7540 mm. Selbst bei dem „exponentiellen“ Verlauf müsste er schon bei ca. 7300 mm liegen. Die Realität zeigt ein anderes Bild. Es sei daran erinnert, dass es im Klimasystem langphasige Perioden gibt, z. B. die Pazifische Dekaden Oszillation (PDO) mit ca. 60 Jahren. Es ist immer mit Vorsicht zu walten, wenn kürzere Zeitinterwalle betrachtet werden.

Ein weiterer Einwand könnte sein, dass Brest ein Einzelfall ist und bisher nicht bekannte glazial-isotstatisch-ähnliche Effekte, Schwerkräfte (die „Tom und Jerry-Satelliten“ vom GRACE-Projekt lassen grüßen) oder andere Unbekannten wirken könnten, d.h. die Küste steigt, ebenso der Meeresspiegel. Außerdem fehlen für zwei kurze Zeitabschnitte die Daten.

climate4you“ hat unter der Bezeichnung „Holgate-9“ auf der Basis von neun Pegelstationen mit sehr langen Pegeldaten quasi einen globalen Meeresspiegelanstieg errechnet. Zugehörige Pegelstationen siehe Tabelle.

Abb.6:    Meeresspiegelanstieg von climate4you / Holgate-9; Anstiegsrate für Zeitraum 1900 – 2018: 2,08 mm/Jahr; Quelle: climate4you“.

Ähnlich den Abbildungen 1 bis 5 können auch für Holgate-9 zusätzlich die erhöhten Anstiegsraten in einem Diagramm angezeigt werden. 

Abb.7:    Meeresspiegelanstieg für climate4you / Holgate-9; Anstiegsrate für Zeitraum 1900 – 2018: 2,08 mm/Jahr;
Quelle:
climate4you“,  Werte aus der Grafik in 10-Jahresschritten abgelesen, d. h. mit Ablese-Ungenauigkeiten verbunden, „Excel-Anstieg“ 2,17 mm/Jahr.

Der Autor hat sich das Vorverlegen des erhöhten Anstieges auf das Jahr 1995 erspart.

Fazit: kein großer Unterschied zu den Abbildungen 1 bis 5, d.h. am ca. Faktor  20 oder 30 des Gradienten in 2100 ändert sich kaum etwas. Zum Schluss sei auf die im Titel des Artikels angekündigte Frage zurückgegriffen und zur Aussage, Zitat:

„Allerdings sind auch Werte von rund zwei Metern möglich, je nachdem, wie sich die Dynamik der großen Eisschilde entwickelt.“

Haben sich die Regierungsbeauftragten bei der Marathon-Sitzung Ende September 2019 in Monaco nur die ihnen – von den 100 Wissenschaftlern gezeigten – passenden Parametrisierungen (Model-Tuning) der Computerprogramme ausgesucht? Wohlgemerkt, es sei nochmals betont, dass die in den oben gezeigten Abbildungen in der linken Hälfte schwarz gezeichneten Verläufe empirische, real gemessene Hydraulikdaten sind.

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Artikelbild: Wilhelmshaven, Pegelstation „Alter Vorhafen“, Foto: B. Hublitz, Juli 2019