Stresstest im La La Land

Stresstest im La La Land – So lautet der Titel eines Kommentars von Jochen Bittner in der Zeit (Bezahlartikel). Er setzt sich für den Wiedereinstieg Deutschlands in die Kernenergie ein. La La Land bezieht sich offenbar weniger auf den gleichnamigen Film (dort steht es für Los Angeles) sondern möglichweise auf den La La Punkt. Das ist der Zeitpunkt, wo man einen Liedtext nicht mehr mitsingen kann, weil man den Text nicht weiterweiß. Überbrückt wird es dann gern mit La La. Das passt sehr gut zur Situation in Deutschland in Sachen Energieversorgung.

Bittners Kommentar steht im krassen Widerspruch zu anderen Artikeln in der Zeit zu dem Thema. Über den der Anti-Atomkraft-Aktivistin Annika Joeres hatten wir bereits berichtet. Diese hatte sich Anna Veronika Wendland, eine Kernenergie-Befürworterin, als Zielperson auserkoren, die sich allerdings juristisch gegen bestimmte Vorwürfe von Joeres wehrte und eine Einstweilige Verfügung gegen die Zeit erwirkt. Die Sache ist sehr einfach: Wer sich für Kernenergie einsetzt, muss ein Nazi oder aber mindestens ein Rechtsradikaler sein. Kontaktschuld ist das A und O solcher Artikel. Anders kann und soll es auch nicht sein, aber das reicht, um damit in die Zeit zu kommen.

Nun, vom Bittner-Kommentar ist nicht bekannt, dass es Einstweilige Verfügungen gegen bestimmte Aussagen gab. Vielleicht ist Bittner auch einfach ein guter Journalist, der ohne Ad Hominem auskommt? Möglicherweise schreibt es sich ohne Schaum vorm Mund auch schlicht besser.

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Roger Pielke Jr. beschäftigt sich auf seinem Blog mit den Schäden durch Wetterereignisse. Er setzt dabei die Schäden in Relation zum Bruttosozialprodukt. Nach dieser Betrachtung sind die Schäden abnehmend.

(Abbildung: Screenshot https://rogerpielkejr.substack.com/p/weather-and-climate-disaster-losses)

“What do I recommend that you take from these data? There is no evidence on a global scale that economic losses from weather and climate disasters are increasing. In fact, since 1990, weather and climate losses as a percentage of GDP have decreased from ~0.25% to 0.20%. That’s good news”

Dazu passt thematisch ein Artikel von Axel Bojanowski von seinem Blog. Es geht um die Umdeutung von Waldbranddaten durch die Uno-Organisation UNEP. Statt sich um die Statistik der letzten Jahrzehnte zu kümmern, nutzen diese lieber Simulationen der Zukunft.

“UNEP und Grida sind keine Wissenschaftsinstitute. In ihrer aktuellen Veröffentlichung über Waldbrände beriefen sie sich auf wissenschaftliche Studien, vor allem auf diese, die eigens für den UNEP-Report angefertigt wurde.

Bei der Studie handelt es sich im Wesentlichen um eine Computermodellierung des globalen Waldbrandrisikos bei fortschreitender Erwärmung. Ergebnis: Waldbrände könnten bis 2050 um 30% zunehmen, bis 2100 um 50%.

Auf den ersten Blick ein plausibles Szenario: Der UN-Klimarat IPCC, der den Sachstand zum Klima sichtet, konstatiert in seinem aktuellen Bericht, dass Waldbrandwetter tendenziell zunehmen dürfte im Zuge der globalen Erwärmung.

Ob es aber deshalb auch mehr Waldbrände geben wird, lässt der IPCC offen, aus gutem Grund: Ob aus Waldbrandwetter Waldbrände werden, hängt vor allem vom Waldmanagement und von Vorsorge ab.

Weil sich Management und Vorsorge verbessert haben, ist der Trend bei den Feuern trotz fortgeschrittener Erwärmung rückläufig, schon seit langem.”

Kaum ein Thema kommt so regelmäßig in die Schlagzeilen wie Waldbrände. Besonders tragisch ist dabei, dass zahlreiche Medien der Hitze die direkte Schuld an den Bränden geben. Dabei ist es die Abwesenheit von Niederschlag (Dürre) und die Blödheit oder Kaltblütigkeit von Brandstiftern.
Und so versuchen sich einige an ellenlangen Erklärungen, warum es denn nun partout die Hitze sein muss. Selbstzündung scheidet in fast allen Fällen aus. Es sind Menschen, die Brände verursachen, gefördert durch Dürre.

Spätestens, wenn man sich die deutsche Statistik für das letzte Jahr ansieht, wird klar, dass es keine Hitze braucht, um Waldbrände auszulösen. Die Monate März/April mit fast so viel Fläche wir der Juni/Juli. Die ganze Liebesmüh mit Ausflügen in die Biologie und der Erklärung, warum Pflanzen ab bestimmten Temperaturen die Verdunstung einstellen, kann man sich schenken. Im Frühjahr startet die Vegetation erst, erste Sonnentage locken Deppen nach draußen, die dann gern mal zündeln.

(Abbildung: Screenshot https://www.bmel-statistik.de/forst-holz/waldbrandstatistik)

Und wo wir schon mal beim Thema, es wird immer schlimmer sind, eine weitere interessante Statistik zum Thema Waldbrand. Denken Sie einfach an diese Zahlen, wenn die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird.

(Abbildung: Screenshot https://www.bmel-statistik.de/forst-holz/waldbrandstatistik)

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Michael Shellenberger sieht den Alarm als Meister aus Deutschland, ganz besonders beim Klima. Im Focus lesen wir:

“Deutschland bezeichnet er als Negativbeispiel im Umgang mit dem Klimawandel und den daraus resultierenden Folgen: „Das apokalyptische Denken kommt vor allem aus Deutschland. Das deutsche Volk und die Regierung haben eine alarmistische Sicht auf den Klimawandel, der überall auf der Welt existiert. Die CO-Emissionen waren in den vergangenen zehn Jahren unverändert. Wir sind also erfolgreich. Warum sehen die Menschen dann eine Katastrophe? Ich denke, es gibt drei Beweggründe für diesen apokalyptischen Diskurs: Geld, Macht und Religion. Der Klimawandel ist zu einer Art Ersatzreligion geworden.“”

Der Artikel beruft sich in erster Linie auf ein Interview von Shellenberger in der NZZ.

“Das Motto hierzulande lautet aber «Follow the science», folge der Wissenschaft.

Wissenschaft beschreibt, was ist. Sie sagt uns nicht, was wir tun sollen. Mit dem Sollen betreten wir den Raum der Ethik oder Religion. Sollen wir erneuerbare Energien nutzen? Sollen wir Erdgas anstelle von Kohle verwenden? Das sind ethische, politische und moralische Fragen, die entschieden werden müssen.

Sofern Sie recht haben: Warum sollten Menschen im Klimaschutz eine Religion suchen?

Dahinter steckt die Sehnsucht nach einer externen Autorität, die uns Anweisungen gibt und sagt, was zu tun sei. So drückt man sich vor der Verantwortung, in einer demokratischen und liberalen Gesellschaft selbst Entscheidungen treffen zu müssen.”

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Quasi über Nacht ist die Bundesrepublik Deutschland wieder ins Geschäft mit der Kernenergie eingestiegen. Dank der Rettung des Unternehmens Uniper, an dem Deutschland jetzt einen 30% Anteil hat, gehören dem Land jetzt auch Anteile an Kernkraftwerken in Skandinavien, nämlich in Schweden und Finnland. Ob die Grünen das wissen? Noch pikanter ist die Uniper-Beteiligung an Kohlekraftwerken in Russland, die laut Wikipedia 5% des russischen Stroms produzieren.

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Warum verstromen wir so viel Gas? Die Tagesschau ist dieser Frage nachgegangen und findet einen Schuldigen. Es ist Frankreich.

“Die Ursachen dafür finden sich in Frankreich. Dort stehen 56 Atomkraftwerksblöcke, und 16 davon sind für eine übliche jährliche Wartung einige Wochen lang abgeschaltet. Zusätzlich sind aktuell aber zwölf weitere wegen Korrosion an Kühlrohren oder Verdacht auf solche Schäden längerfristig außer Betrieb. Wo Risse gefunden wurden, hofft der Betreiber EDF, das bis zum Herbst reparieren zu können. Der Konzern warnt aber schon vor möglichen längeren Stillständen. Und selbst wenn einzelne Blöcke wieder anlaufen, müssen weitere, ähnlich gebaute AKW auch auf Risse geprüft werden – und auch deutsche Kraftwerke noch lange die Lücke füllen.

Deutschland exportiert schon seit Jahren mehr Strom als es importiert. Auch dieses Jahr – wie üblich – einige Terawattstunden in die Benelux-Staaten und nach Tschechien. Ungewöhnlich allerdings: Mehr als acht Terawattstunden flossen nach Frankreich, zusätzlich gute zehn Terrawattstunden nach Österreich, mehr als drei in die Schweiz. Wobei davon ein großer Teil weiter nach Italien floss, das normalerweise auch französischen Atomstrom kauft. So liefen deutsche Gaskraftwerke eben auch, um den Ausfall maroder französischer Reaktoren auszugleichen. Auch dieser Umstand ließ Strompreise in Deutschland steigen.”