Stefan Rahmstorf hat Probleme mit seinen Quellen

Stefan Rahmstorf, so wie wir ihn kennen. In einer neuen Spiegel-Kolumne versucht der Klimaforscher vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung einen Rundumschlag – aber offenbar ohne die zahlreichen Quellen wirklich zu prüfen, die er verlinkt. Nur zwei Beispiele aus seinem aktuellen Beitrag:

“Das Umschalten der fossilen Propagandamaschine von Fake News über Klimaforschung auf Fake News über die Lösungen ist ein weltweiter Trend, der auch in Deutschland zu beobachten ist. Windräder gefährden angeblich den Bestand der Rotmilane (nein), verursachen gefährlichen Infraschall (falsch) und sind nicht recycelbar (doch), Elektroautos sind angeblich klimaschädlicher als Verbrenner (nein) oder bringen das Stromnetz zum Kollaps (njet).”

Wäre Rahmstorf z. B. dem Link in Sachen Recycling gefolgt, dann hätte er lesen können (müssen?), dass die Flügel von Windkraftanlagen, und um genau die geht es, mit verschiedenen Methoden zerkleinert werden, um dann (bitte festhalten!) in den Öfen von Zementfabriken verfeuert zu werden. Das ist kein Recycling, sondern eine stoffliche thermische Verwertung, zudem eine, die viel CO2 freisetzt. Zementfabriken haben nicht die Filter, die Müllverbrennungsanlagen haben. Diese würden bei der Verbrennung der Flügelfragmente verkleben und unbrauchbar. Das Unternehmen Neocomp aus Bremen bietet die Zerkleinerung der Rotorblätter an. Dort wird die anschließende Verbrennung blumig umschrieben.

“Mit der Erfahrung aus drei Jahrzehnten Recycling- und Abfallwirtschaft sieht sich neocomp als Teil der Kreislaufwirtschaft. Als professioneller Aufbereiter bietet das Unternehmen eine 100 prozentige Verwertungsgarantie. So wird aus Ihren GFK-Abfällen in unserer Aufbereitungsanlage ein hochwertiges Substitut für die Zementindustrie, das sowohl Energie als auch Rohstoffe (SiO2) liefert. Dieser Verwertungsprozess stellt eine ökonomisch wie ökologisch sinnvolle Alternative zu fossilen Brennstoffen dar.”

Eine recht gute Übersicht, wo die Probleme in dem Bereich liegen, gibt der Tagesspiegel. Möglicherweise hatte Rahmstorf aber keine Lust oder Zeit sich bei dem Thema zu informieren. Grundsätzliche Probleme wie die von Bundesland zu Bundesland unterschiedlichen Vorschriften beim Rückbau von Windkraftanlagen lässt er besser ganz wegfallen, ein Link zu einer Lobbyseite reicht.

So ist nicht bundesweit einheitlich geklärt, was mit den Beton-Fundamenten passiert. Grundsätzlich lässt sich Beton natürlich recyclen, in einigen Bundesländern dürfen die Fundamente allerdings im Boden bleiben, in anderen muss nur eine bestimmte Höhe abgefräst werden. In dem verlinkten Lobby-Artikel wird ebenfalls explizit auf das Verbrennen der zerkleinerten Flügel hingewiesen, auch hier wieder nett verpackt. Allerdings mit einer bemerkenswerten Logik:

“Die vom Holz und anderem Füllmaterial getrennten Kunststoffe bestehen aus zwei Bestandteilen: Fasern und Harze. Wenn die Flügel in herkömmlichen Verbrennungsanlagen verbrannt werden, bleiben die Glasfasern übrig. Daher werden sie von speziellen Recyclingfirmen so zerkleinert, dass sie von der Zementindustrie als Ersatzbrennstoff genutzt werden können, deren Öfen bis zu 2000°C erreichen. Die bei der Verbrennung anfallende Asche besteht hauptsächlich aus Silizium und kann dem Zement gleich als Rohsandersatz zugesetzt werden.”

Demnach ist alles, was verbrannt wird, ein Teil der Kreislaufwirtschaft, denn es bleibt ja nur Asche übrig, die man sogar noch verwerten kann. Es wäre die Heiligsprechung von Kohle. Auch beim Thema Vogelschlag wird wieder nur ein Teilaspekt betrachtet. In diesem Fall eine Studie, die bisher nur als Zwischenergebnis vorliegt. Die Studie wird durchgeführt von einem Ingenieurbüro, dass sein Geld mit Gutachten für die Windkraft- und Strom-Industrie verdient. An dieser Studie gibt es Kritik, man findet allerdings nichts in der Auswahl von Rahmstorf.

Wir haben erst kürzlich über eine Studie von Forschern aus dem Vereinigten Königreich berichtet. Diese wiesen auf das Tötungsrisiko für Vögel durch Windkraftanlagen und Stromleitungen hin. Nach der Logik der von Rahmstorf verlinkten Studie, müsste es demnach zwei riesige Giftspuren in Europa geben, eine über den Westen (Frankreich, Spanien) nach Nordafrika und eine über den Balkan und den Nahen Osten in den Norden von Afrika. Das sind die klassischen Zuggebiete und genau dort haben die Forscher die größte Gefahr ermittelt, eben durch Windkraftanlagen und Stromleitungen und nicht durch vergiftete Ratten und Mäuse als Ursache.

Rahmstorf gelingt zudem noch ein echtes Kunststück. Er lastet tatsächlich Fritz Vahrenholt, der einst für RWE den Bereich Windkraft aufgebaut hat, die CO2-Belastungen des Konzerns an, im dem er das lässig in einem Satz unterbringt. Von der RWE Tochter Innogy, um die es ging, liest man in dem Rahmstorf-Text nichts. Er will eher den Eindruck erwecken, Vahrenholt persönlich hat die Kohle in die Verbrennungsöfen der Kraftwerke geschaufelt. Hochkurios. RWE ist mittlerweile in sehr vielen Ländern in Sachen Windkraft unterwegs, auch außerhalb von Europa. Erst kürzlich hat RWE bekanntgeben, seine Windkraftkapazitäten auf 50 GW bis zum Jahr 2030 auszubauen und dafür 50 Mrd. Euro zu investieren. Ohne die Anfänge 2008 wäre das wohl kaum möglich gewesen.

Differenzieren war aber ohnehin nicht das Ziel der Kolumne. Es geht Rahmstorf eher darum, möglichst viele Protagonisten in einen Sack zu stecken und draufzuhauen. Die werden ohnehin alle von der Fossil-Mafia bezahlt. Das soll im Kopf der Lesen hängenbleiben, mehr nicht.