Rahmstorf-Artikel im Spiegel: Ein spätes Gutachten

Sehr geehrte Damen und Herren der Wissenschaftsredaktion,

Anbei ein post-release review des Artikels des sehr geschätzten Stefan Rahmstorf (im folgenden SR). Das ist zwar einigermaßen ungewöhnlich, da der Artikel bereits erschienen ist, aber eine Begutachtung ist in diesem Fall dennoch dringend notwendig, da offenbar zuvor nicht geschehen.

Im besagten Artikel unternimmt der Autor den Versuch, den Stand der Wissenschaft einem breiten Laienpublikum darzulegen. Dies gelingt auch in Teilen. Die Erläuterung der Erd- Energiebilanz ist m.E. gut gelungen und bildet den Konsens gut ab. Er ist sachlich fundiert, ebenso wie die Vorstellung des Konzepts des „Effective Radiative Forcings“ (ERF). SR gelingt es gut, die Rolle von CO2 als Forcing Agent zu erläutern und bleibt exakt bei den „best estimates“.

Später bekommt der Artikel leider einen unnötigen Spin. Es beginnt mit der Zwischenüberschrift: „ Die Physik ist besser als jede Glaskugel“. SR referiert danach auf die Loschmidt Zahl, offensichtlich um die Anzahl der CO2- Moleküle groß erscheinen zu lassen und das in „Skeptiker“- Kreisen oft verwendete Argument anzugreifen, dass CO2 nur in geringer Konzentration vorkommt und der anthropogene Zuwachs noch geringer sei. Dabei hatte er doch schon durch die Erwähnung des ERF von CO2 alles gesagt. Das Verwenden der Anzahl von Molekülen in einem dm³ bei 1 at ist daher unnötig und der Autor begibt sich ohne Not auf das Niveau der „Kritiker“.

Im weiteren Verlauf fallen besonders die letzten beiden Absätze auf. SR erwähnt nach guter Erläuterung der Energiebilanz ein GCM, um die Sensitivity des Klimasystems abzuschätzen. Dabei  weisen verschiedene Arbeiten der jüngeren Vergangenheit darauf hin, dass solche Modelle für politische Entscheidungen eher weniger geeignet sind. ( Forster et al (2019); Palmer et.al (2019); Winton et. al (2020))

Es muss daher enttäuschen, dass EBM- Ansätze (u.a. Lewis et.al (2018); Otto et. al (2013)  keine Erwähnung finden. Die Sensitivity wird dort unter Berücksichtigung von Beobachtungen zu ca. 1,4K/ 2*CO2 (TCR) und unter 2°C (ECS) festgestellt.

Eine „katastrophale“ Erwärmung erscheint bei Berücksichtigung der ermittelten Werte als eher weniger wahrscheinlich, dies wurde  auch im IPCC AR5 berücksichtigt durch die Festlegung der Wahrscheinlichkeiten für die  Sensitivity.

Besonders der letzte Absatz (Conclusion?) muss daher eher kritisch betrachtet werden. Die erwähnten „stärkeren Tropenstürme“ bedürften der Referenz, im Schrifttum findet man divergierende Schlussfolgerungen, leider im Text nicht erwähnt. Ebenso sind die Ergebnisse in der Literatur zu „Flutkatastrophen, Dürren und Waldbränden“ nicht eindeutig bzw. weisen auf keine Häufung bisher hin. Hier wäre dringend angeraten, die Unsicherheiten mehr zu erwähnen, um nicht den gesicherten wissenschaftlichen Konsens zu verlassen. Dies erfolgte unglücklicherweise nicht.

Zusammenfassend komme ich zu dem Ergebnis, dass der Artikel einer dringenden Verbesserung bedürfte. Er wäre zurückzuweisen, da die Conclusion nicht der Methodik und den verwendeten Daten entspricht.

Da der Artikel nun bereits erschienen ist, empfehle ich dringend, zukünftig nicht nur Wissenschaftler des Hauses des Arbeitgebers von SR öffentlich zu Worte kommen zu lassen. Es stehen mit einiger Sicherheit auch andere Wissenschaftler bereit (ich denke an das MPI für Meteorologie in Hamburg und andere Häuser), die hier mehr tun könnten, um die Öffentlichkeit mit relevanten Informationen zu bedienen.

Mit freundlichen Grüßen

Anonymous Reviewer