Luisa Neubauer rudert zurück

“Für Unternehmen ein Dilemma”. So lautet die Überschrift in der eher als links geltenden taz. Die Zeitung interviewte den Industrieforscher Tobias Fleiter. Und anders als die Aussagen der üblichen Verdächtigen (nur etwas sparen, mehr Windkraft und Wärmepumpen) erkennt Fleiter, dass Gas und Öl auch Rohstoffe sind.

“Welche Branche kommt denn wie schnell weg vom Gas?

Die Chemische Industrie steht sicher vor den größten Herausforderungen, weil sie Öl und Gas nicht nur als Energieträger, sondern auch als Rohstoffbasis verwendet. Die Papier- oder auch die Nahrungsmittelindustrie haben es leichter. Sie nutzen Gas, um Dampf für ihre Produktionsprozesse zu erzeugen und haben dafür technische Alternativen. Statt Gas- können sie beispielsweise Elektrodenkessel nutzen, der Dampf mit Strom erzeugt. Es wäre im Übergang sinnvoll, sie parallel als hybride Anlagen zu betreiben, also Gas- und Elektrokessel nebeneinander. Die Unternehmen könnten entsprechend der aktuellen Marktsituation den jeweils günstigeren Energieträger nutzen und wären resilienter, auch gegenüber Krisen wie der gegenwärtigen.”

Auch beim Thema Wasserstoff hat Fleiter Zweifel.

“In welchem Zeitraum wird es denn realistischerweise genügend Wasserstoff geben?

Die Europäische Kommission hat ihr Ziel für 2030 gerade verdoppelt, es sollen bis 2030 jährlich 10 Millionen Tonnen Wasserstoff heimisch produziert und zusätzlich 10 Millionen Tonnen importiert werden. Ich sehe nicht, wo die herkommen sollen. Dazu müsste die Infrastruktur sehr viel schneller aufgebaut und hochgefahren werden als etwa im Bereich der Photovoltaik in ihren größten Boom-Jahren. Gleichzeitig ist die Komplexität beim Wasserstoff viel höher.”

Man kann sich kaum vorstellen, wenn große Medien tatsächlich einmal ihn interviewen würden statt die omnipräsenten Quaschnings oder Kemferts und deren Zitierkartellen.

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Können deutsche Stadtstaaten eigentlich auch Windkraftanlagen aufstellen? Auf den ersten Blick würde man denken, dass das nicht geht. Wer einen Bericht bei rbb24 liest kann auch zu anderen Überlegungen kommen. In Berlin hat der Senat den Ausbau offenbar jahrelang blockiert.
Wollte man der eigenen rot-grünen Wählerschaft etwa das ersparen, was man anderen Bundesländern und deren Bürgern sehr leicht aufbürdet? Ein Riss scheint auch hier durch die verschiedenen Umweltschutzverbände zu gehen. Der BUND hat schon eigene Pläne für Standort in Berlin.

““Ohne Scheuklappen“ müssten Standorte für Windenergie geprüft werden, erklärte sie überraschend in einer Senatspressekonferenz und zählte neben Gewerbegebieten, Kraftwerksstandorten und den Randbereichen von Bundesfernstraßen auch Landschaftsschutzgebiete und Forsten auf. Auch wenn die beiden letzteren nicht erste Wahl seien, ließ die Grüne keine Zweifel aufkommen, dass sie Ergebnisse sehen will: „Ich meine das schon ernst!“ Naturschützer wie Rainer Altenkamp reagieren fassungslos auf diesen radikalen Kurswechsel. „Das letzte, was wir im Berliner Wald gebrauchen können, ist eine zusätzliche Belastung durch den Bau von Windenergieanlagen“, warnt der Vorsitzende des Naturschutzbunds Nabu. Schon jetzt seien die Berliner Forsten durch Hitze und Trockenheit extrem belastet. Als passionierter Greifvogel-Schützer fürchtet Altenkamp zudem, dass die Rotorblätter für Vögel und Fledermäuse zur Todesfalle werden. „In Wäldern und Landschaftsschutzgebieten haben Windräder nichts suchen“, hat sich der Nabu-Vorsitzende Altenkamp deshalb festgelegt.

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Es ist schon sehr ambivalent, was zum Thema ziviler Ungehorsam geschrieben wird. Der WDR hat einen Juristen befragt und der gibt interessante Antworten.

“Am Montag klebten sich Aktivisten der sogenannten „Letzten Generation“ in Köln auf einer Hauptverkehrsader fest und verursachten ein Chaos. Was erlaubt ziviler Ungehorsam? Und heiligt der Zweck angesichts der Klimakrise die Mittel?

„Rechtlich lautet die Antwort „Nein“. Protest ist nur in den Grenzen der geltenden Gesetze rechtmäßig“, sagt der Rechtsanwalt Joschka Selinger vom Verein „Gesellschaft für Freiheitsrechte“ aus Berlin. „Bei den Straßenblockaden der „Letzten Generation“ kann die Strafnorm der Nötigung eine rechtliche Grenze darstellen, sich die Teilnehmer an einer Blockade also strafbar machen“, ordnet Selinger im Gespräch mit dem WDR ein.”

Im weiteren Verlauf des Artikels billigt der Jurist dann aber die Aktionen. Indirekt ermuntert er die Aktivisten sogar.

„”Die Sinnhaftigkeit von Protest müssen in erster Linie die Protestierenden beurteilen. Sie haben es in der Hand zu entscheiden, wie Sie für ihr Anliegen Aufmerksamkeit erzeugen. Das ist auch grundsätzlich vom Selbstbestimmungsrecht der Versammlungsfreiheit aus Art. 8 GG geschützt“, so der Experte. Selinger wundert sich nicht, dass die Klimabewegten zunehmend radikaler werden. „Das finde ich nachvollziehbar“, unterstützt Selinger die Aktion. Schließlich hätten die bisherigen Aktionen nicht zu einem Umdenken geführt.”

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Stichwort Ambivalenz. Es ist noch nicht lange her, da hat der Grüne Hamburger Umweltsenator Kerstan das Abschalten des relativ neuen Kohlekraftwerks Moorburg abgefeiert. Offenbar ist Kerstan aber nun aufgefallen, dass Hamburg eine verlässliche Stromversorgung benötigt. Jetzt wird aber laut FAZ nicht die eigene Ideologie als Grund genannt für ein neues Gaskraftwerk, sondern mögliche Cyberattacken.

„In Zeiten, in denen die Gefahr von Cyber-Attacken allgegenwärtig ist, müssen wir Vorsorge treffen und uns weniger angreifbar machen. Ein großflächiger Blackout hätte schwerwiegende Folgen für unser gesamtes Gemeinwesen“, erklärte Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne). Der Geschäftsführer von Stromnetz Hamburg, Thomas Volk, sagte: „Für uns ist die Schwarzstartfähigkeit von Dradenau eine wichtige Absicherung im Blackout-Fall“. Dadurch werde ein Versorgungswiederaufbau für Hamburg in Teilbereichen möglich. Der Geschäftsführer der Hamburger Energiewerke, Christian Heine, fügte hinzu: „Unsere GuD-Anlage an der Dradenau leistet künftig nicht nur einen erheblichen Beitrag zum Klimaschutz, sondern auch zur Versorgungssicherheit Hamburgs.“ Das Kraftwerk an der Dradenau soll 2025 in Betrieb gehen.”

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Von einer Abhängigkeit in die nächste. Agrarheute hat sich angesehen, wie abhängig wir von China sind in Sachen Energiewende. In den Bereichen Solar, Wind und Speicherung ist die Abhängigkeit unterschiedlich groß.

“Auf China entfallen mehr als 60 Prozent der Lithium- und Kobaltraffination und mehr als 60 Prozent der weltweiten Produktion der Bestandteile von Batteriezellen. Auf China entfallen außerdem fast 80 Prozent der weltweiten Fertigungskapazitäten für Batteriezellen.”

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Eine bemerkenswerte Unkenntnis in Sachen Abläufe im EU-Parlament beweist der Spiegel. Vielleicht war aber auch nur der Wunsch der Vater des Gedankens. Nicht das EU-Parlament hat sich gegen die Taxonomie-Pläne der EU-Kommission gestellt, sondern ein Ausschuss. Der Spiegel suggeriert aber bereits eine Mehrheit für eine Abstimmung, die im Parlament noch gar nicht stattgefunden hat.

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Man nennt es auch Zurückrudern. Möglicherweise ist Luisa Neubauer aufgefallen, dass das ein schlechter “Scherz” war, ein Buchtitel zu zitieren, der Gewalt gegen Dinge als legitim ansieht. Sie wäre nicht Pressesprecherin des Autors, ließ Neubauer per Twitter wissen.

(Abbildung: Screenshot Twitter)

Eigentlich nichts neues, entweder war es ein Missverständnis, ein Scherz, eine Metapher oder aus dem Kontext gerissen, wenn man beim Verbreiten von dümmlichen Aussagen erwischt wird.

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Leserpost von Dipl. Ing. Martin Krohn:

Betreff: Pipeline in die Luft sprengen

Sehr geehrte Damen und Herren,

einige Anmerkungen zum Blog vom 15. 06. 22. Darin wird berichtet, dass Luisa Neubauer von Fridays for Future (FFF) Inhalte aus einem Buch von Andreas Malm, in welchem radikale Ansichten beschrieben werden, wiedergibt. Wie radikal ist die FFF-Bewegung? Sicher sind bislang noch keine so extremen Maßnahmen wie bei der „letzten Generation“ vorgekommen. Trotzdem ist die Frage, wie weit FFF noch zu gehen bereit ist.

Schon vor einigen Jahren habe ich an einem Samstag nach einer Freitagsdemonstration ein Plakat gesehen, auf welchem stand: „Keine Toleranz für Klimaignoranz“. Ich habe mich damals schon gefragt, was diese Aussage bedeuten soll. Wie weit sind die Teilnehmer oder einzelne Teilnehmer bereit zu gehen. Das Beispiel der „letzten Generation“ zeigt, dass eine weitere Radikalisierung möglich ist. Und sicherlich ist dort noch (leider) Luft nach oben.

Die Ansichten, die in dem Buch von Andreas Malm beschrieben werden, sind schon speziell. Da geht es um Anschläge auf Kohleminen, Luxusjachten oder SUV’s. Und die Bemerkung, dass der Autor meint, dass die Bevölkerung die Anschläge billigt. Ich denke, dass dieser Radikalismus sicher nicht gut in der Bevölkerung ankommt, ebenso wie die Aktionen der letzten Generation.

Viele Grüße
Dipl. Ing. Martin Krohn