Lokalrunde!

Die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, war Gast in der Wahlkampfarena der ARD. Zuschauer vor Ort in der Lübecker Gollan-Werft und zugeschaltet konnten ihr Fragen stellen. Die Sendung ist noch bis 06.09.2022 in der ARD-Mediathek abrufbar. Lesenswert ist auch der Ticker beim Tagesspiegel.

(Abbildung: Screenshot ARD Mediathek)

Natürlich kam das Thema auch auf Energie. Zwei Zuschauer bissen sich an Baerbock allerdings die Zähne aus. Auf die konkrete Frage: Wer liefert den Strom in Zeiten von Dunkelflaute, antwortete Baerbock, dass wir noch mehr Grüne Stromquellen brauchen. Sie hat die Frage also offensichtlich nicht verstanden oder sie nur als Stichwort benutzt. Immerhin kam der Wiesenhof-Reaktor diesmal nicht vor. Baerbock hatte die These aufgestellt, dass man mit tiefgefrorenen Hühnchen Strom gewinnen könne. Gemeint hatte sie aber wohl Lastmanagement oder wie Grüne sagen: angebotsorientierte Stromversorgung.

Man schaltet einem Kühlhaus dann einfach den Strom ab, wenn es eng wird. Die gute Nachricht aber: Baerbock persönlich versicherte, dass wir immer Strom haben werden, denn (da wird sie sogar Recht haben) wir sind in einem europäischen Verbund. Was sie nicht sagt: Wir bekommen im Zweifel dann Kohlestrom aus Polen und Atomstrom aus Frankreich. Vielleicht wäre das aber auch zu peinlich.

Baerbock setzt bei Dunkelflaute also auf Wind und Solar, was ja mathematisch und physikalisch schwierig sein dürfte. Mehr vom Gleichen bei Nacht und wenig Wind kann nicht funktionieren. Und sie setzt auf Biomasse. In Deutschland beträgt die Kapazität bei der Verstromung von Biomasse aktuell 8,56 GW. Mit Kohle fallen 50 GW weg und mit der Kernenergie etwa 8 GW. Sollte also tatsächlich Biomasse der Schlüssel sein, dann müsste sich die Kapazität erheblich vergrößern. Sicherlich nicht für die komplett wegfallenden Ressourcen aber dennoch müsste es mehr werden, um zu liefern, wenn Strom benötigt wird. Erdgas (immerhin 30,5 GW theoretische Leistung) nahm Baerbock jedenfalls nicht in den Mund. Wie begrenzt das Angebot an nachhaltiger Biomasse ist, hat der Blog En-Former erst kürzlich aufgezeigt.

Die Grünen, die einst den Weg für Biomasse geebnet haben, waren auch die Ersten, die eine Vermaisung der Landschaft und ein Verlust an Diversität beklagten. Auch hier gibt es also ein Catch22-Problem, das kaum lösbar ist. Die Grüne Kanzlerkandidatin konnte aber beruhigen. Sie hätte Unternehmen besucht, die jetzt selber Innovationen schaffen und klimaneutralen Stahl herstellen. Sie meint vermutlich Wasserstoff, erwähnt aber nicht, dass die Produktion von solchem Stahl enorm teuer wird. Gegenüber Mitbewerbern auf der Welt hätte dieser Stahl keine Chance, weil man sehr große Mengen an Strom braucht, um Wasserstoff herzustellen. Besagter Strom wird aber immer teurer in Deutschland und er wird mit noch mehr Windkraftanlagen und Solarmodulen nicht günstiger, im Gegenteil.

Kleiner Funfact noch zum Thema “Hört auf die Wissenschaft”. Eine Heilpraktikerin für Psychotherapie klagte ihr Leid. Weder Baerbock noch die Moderatorin schienen zu wissen, dass das kein Ausbildungsberuf mit Prüfung ist. Man wird es durch Überprüfung, was aber eben kein Kriterium für Qualität ist, sondern ein Nachweis, dass man sich damit irgendwie beschäftigt hat. Grundbedingung für den Beruf ist ein Hauptschulabschluss. Im Grunde kann es also fast jeder Hobbypsychologe werden, Grundkenntnisse genügen.

Baerbock schien das aber mit Psychotherapeuten (ein Beruf, der in der Regel ein Studium voraussetzt) zu verwechseln und Heilpraktiker bzw. deren Kunden, die sind ja ohnehin die esoterische Zielgruppe der Partei. Also dankte sie der Frau für ihre Arbeit, sie wolle sich nach der Sendung mit ihr austauschen. Es wird das “Problem” der Frau aber kaum lösen, denn es geht darum, dass Krankenkassen die Leistung nicht bezahlen. Und das in Zeiten von Pandemie und Klimaangst, wo bei solchen Therapeuten wahrscheinlich die Augen glänzen in Erwartung guter Geschäfte. Es gibt also so eine Wissenschaft und so eine Wissenschaft bei den Grünen.

Ansonsten war Baerbock sehr großzügig. Egal bei welcher Frage, sie versprach immer mehr Geld für die Problematik in die Hand zu nehmen. Eine Altenpflegerin fragte zaghaft zurück, wie denn eine 35-Stunden-Woche funktionieren soll, wo doch jetzt schon massenhaft Personal fehlt. Baerbock will das mit Zuwanderung regeln. 30.000 neue Polizisten? Kein Problem, auch wenn die Polizei Ländersache ist. Immerhin das fiel ihr noch rechtzeitig ein. Für die Bundespolizei wäre das nämlich ein Zuwachs von 60%!

Und auch die Zeiten für Busfahrer könnten golden werden, wenn Baerbock das Sagen hätte. Jedes Dorf soll zu jeder Stunde >sic< mit einem Bus angefahren werden. Das könnten auch glänzenden Zeiten für Bushersteller werden, denn man bräuchte bundesweit immens viele neue Busse. Finanzieren will sie die Vorhaben mit einer Erhöhung der Einkommensteuer für Spitzenverdiener, einer Vermögenssteuer und mit der Bekämpfung von Steuerhinterziehung. Ein Steuerberater, der ebenfalls fragen durfte, nahm ihr das so nicht ab. Der Mann bezweifelte sehr stark, dass die Steuer-Ideen der Grünen ausreichen, um die ganzen Versprechungen einzulösen.