Lennart Bengtsson – Staatsfeind Nummer 1?

Es ist schon ein bizarrer Kampf, den einige auf Twitter gegen Lennart Bengtsson nach einem Interview in der Welt führen. Wir berichteten. Der Schwede hat in einer Karriere zwei bedeutende Wetter- bzw. Klimaforschungsinstitute geleitet. Das nützt ihm gerade aber offenbar wenig. Er wird gerade massiv für das Interview kritisiert, dabei erkennt er den durch die Treibhausgase verursachten Wandel des Klimas an. Wir hatten schon über die Anwürfe von Stefan Rahmstorf berichtet. Dem fiel wenig zu dem Interview ein, bis auf das Alter von Bengtsson und ein etwas unbestimmter Vorwurf, dass Bengtsson früher zweifelhafte Skeptiker-Thesen vertreten hätte. Konkrete Kritik an einem Interview von Bengtsson in der Welt hatte Rahmstorf offenbar nicht. Es liegt der Verdacht nahe, dass er das Interview nicht gelesen hat.

Das Verhältnis zu Presse scheint bei Rahmstorf ohnehin speziell zu sein. Welcher Wissenschaftler kann schon sagen, dass er wegen unwahren Behauptungen gegen eine Journalistin rechtskräftig verurteilt wurde? Anlässlich der Veröffentlichung eines neuen Buches des mittlerweile 87-jährigen Bengtsson hat sich Axel Bojanowski mit ihm und seinem neuen Werk auf seinem Blog beschäftigt. Bojanowski führte aus, dass kein geringerer als Klaus Hasselmann das Vorwort zu dem Buch verfasst hat. Der Physiker wurde für seine Klimaforschung mit einem Nobelpreis ausgezeichnet.

“Er ist ein erfahrener und hoch angesehener Meteorologe und Klimaexperte”, schreibt Hasselmann in einer Werbung für das neue Buch seines Kollegen. Bengtsson lege “eine realistische und dennoch optimistische Einschätzung der verfügbaren Optionen für Veränderungen vor”.

Was könnte nun der Grund für die Wut von Rahmstorf und Co. auf Bengtsson sein, die ihm derzeit entgegenschlägt? Der Mann spricht eben auch Ungewissheiten an und er ist offenbar eher Optimist, was das Klima angeht. Er rechnet damit, dass die Menschheit es mit technischen Lösungen schaffen wird, dass in 100 Jahren niemand mehr über das Klima so spricht, wie es aktuell geschieht. Das scheint der Hauptvorwurf zu sein. Wer also nicht ins Alarmhorn tutet und differenziert, der muss des Teufels sein.

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Habecks Plan. Die Wirtschaftswoche berichtet über die Pläne des Ministers in Sachen Gas, da Russland immer weniger liefert. Kernenergie kommt in den Plänen nicht vor, obwohl Habeck immer davon spricht, dass jede Kilowattstunde zählt. Wer vor einem Jahr gesagt hätte, dass ein Grüner Minister der deutschen Braunkohle zu einem Comeback verhelfen wird, der wäre vermutlich für verrückt erklärt worden.

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Finanzminister Lindner möchte nach ZDF-Angaben die Prämien beim Kauf von Elektroautos streichen. Die Antwort der Hersteller ist in dem gleichen Artikel zu finden:

“Der Verband der Internationalen Kraftfahrzeughersteller (VDIK) hat sich ebenfalls gegen Aussagen von Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) für eine baldige Streichung der E-Auto-Kaufprämien gewandt. „Aus gutem Grund, um die nationalen Klimaziele zu erreichen, haben die Regierungsparteien im Koalitionsvertrag die Weiterentwicklung und Fortführung der Kaufprämie für Elektroautos bis 2025 angekündigt“, sagte VDIK-Präsident Reinhard Zirpel laut Mitteilung vom Wochenende.

Die Hersteller von E-Fahrzeugen und ihre Kunden verlassen sich darauf. Ein abrupter Wegfall der E-Auto-Prämie würde daher einen schweren Vertrauensbruch bedeuten.

Zirpel warnte vor einem Einbruch auf dem deutschen Markt für E-Autos und vor steigenden CO2-Emissionen des Verkehrs. „Allein die Diskussion über ein Ende der Kaufprämien für Elektrofahrzeuge führt schon gegenwärtig zu massiver Verunsicherung. Die Bundesregierung sollte diese Spekulationen umgehend beenden“, sagte er.”

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Die Hitzewelle in Südeuropa ist aktuell das Medienereignis. Da lohnt sich wie immer der Blick auf die gesamte Welt. In diesem Fall bei Climate-Reanalyzer. Die Seite der Uni in Maine, rechnet bei den Anomalien noch mit dem Referenzzeitraum 1979-2000. Sowohl der Westen als auch der Osten der USA haben aktuell unterdurchschnittliche Temperaturen. Die gesamte Welt liegt etwa 0,2 Grad über dem Referenzzeitraum.

In Deutschland wurden für den Juni einige Hitzerekorde gebrochen. Das berichtet die Tagesschau.

“Die erste Hitzewelle des Jahres hat am Wochenende weite Teile Deutschlands und Südwesteuropas mit extremen Temperaturen im Griff gehabt. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) registrierte am Nachmittag laut vorläufigen ersten Messungen an mehreren Wetterstationen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg Werte von 38 Grad und mehr. In Cottbus wurde mit 39,2 Grad ein neuer deutschlandweiter Temperaturrekord für die zweite Junidekade gemessen.

Der vorläufige Spitzenwert an einer Wetterstation in der ostbrandenburgischen Stadt Cottbus übertraf den bisherigen Höchstwert um fast ein Grad. Der bisherige Rekord für diesen Zeitraum war 2002 mit 38,3 Grad im Rheinland gemessen worden.”

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Es ist ein etwas längerer Artikel im Guardian, aber es lohnt sich diesen zu lesen. Wie konnte Deutschland so abhängig von russischem Gas werden? Natürlich ist es nicht ein Grund, sondern sehr viele. Der deutsche Weg mit Ausstieg aus Kohle und Kernenergie sowie das Verlassen auf die Erneuerbaren, die aber ein Backup benötigen hat gerade in den letzten Jahren zu der Entwicklung maßgeblich beigetragen. Der Guardian fängt seine Geschichte aber viel früher an, nämlich 1970.

“On Sunday 1 February 1970, senior politicians and gas executives from Germany and the Soviet Union gathered at the upmarket Hotel Kaiserhof in Essen. They were there to celebrate the signing of a contract for the first major Russia-Germany gas pipeline, which was to run from Siberia to the West German border at Marktredwitz in Bavaria.

The contract was the result of nine months of intense bargaining over the price of the gas, the cost of 1.2m tonnes of German pipes to be sold to Russia, and the credit terms offered to Moscow by a consortium of 17 German banks. Aware of the risk of Russia defaulting, the German banks’ chief financial negotiator, Friedrich Wilhelm Christians, took the precaution of asking for a loan from the federal government, explaining: “I don’t do any somersaults without a net, especially not on a trapeze.””