Klimaalarm in Erlangen

Der folgende Beitrag ist nur für Leser mit starken Nerven. In Erlangen fanden im Oktober und November 2019 zwei Veranstaltungen statt, bei denen zwei Klima-Hardliner ihre dramatischen Visionen einem staunendem Publikum präsentierten. Ein Blogleser war dabei und berichtet. Wir verzichten an dieser Stelle darauf, die einzelnen Behauptungen zu kommentieren, da wir dies bereits hinlänglich getan haben. Trotzdem ist es interessant zu hören, wie die Alarmseite „tickt“. Bei den beiden Vortragenden handelt es sich um einen ehemaligen und einen aktuellen IPCC-Autor. Wir danken dem Chronisten!

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Vorträge der Friedrich Alexander Universität (FAU) Erlangen/Nürnberg im Herbst 2019

Neben der Wissensvermittlung an die dort inskribierten Studierenden erfüllt die Friedrich Alexander Universität (FAU) Erlangen/Nürnberg mit viel Engagement auch die Vermittlung dieses Wissens an die breite Bevölkerung außerhalb der Uni-Institutionen im Rahmen zahlreicher Vorlesungen und Vorträge über Themen der Medizin, Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften, usw. Besonders lobenswert ist, dass diese Vorträge nicht nur der örtlichen Bevölkerung zugänglich sind, sondern dass mittels Videoaufzeichnungen die Gesamtbevölkerung darauf Zugriff hat. Anlässlich der aktuellen Klimadiskussion fanden im Herbst 2019 zwei Veranstaltungen statt, die über das Videoportal der FAU für jedermann nachträglich einsehbar sind:

Friedrich Alexander Universität (FAU) Erlangen/Nürnberg  – Lange Nacht der Wissenschaften
Vortrag Prof. Dr. Wolfgang Kießling/FAU/Lehrstuhl für Paläoumwelt
19. Oktober 2019  –  Wie viel Zeit bleibt uns noch?
Prof. Dr. Wolfgang Kießling ist aktueller IPCC-Autor.

Friedrich Alexander Universität (FAU) Erlangen/Nürnberg  –  Physikalisches Kolloquium
Vortrag Prof. Dr. Stefan Rahmstorf – Potsdam Institut für Klimafolgenforschung
13. November 2019   –   Menschheit in der Klimakrise.

Im Folgenden die Links zu den Vorträgen, einige Auszüge der interessantesten Passagen und eine kurze Bewertung aus Sicht des Autors.

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Friedrich Alexander Universität (FAU) Erlangen/Nürnberg  – Lange Nacht der Wissenschaften – Vortrag Prof. Dr. Wolfgang Kießling/FAU/Lehrstuhl für Paläoumwelt

19. Oktober 2019  –  Wie viel Zeit bleibt uns noch?

Auszüge aus dem FAU-Videoportal, Vortragsdauer ca. 20 Minuten. (Angabe der Minute).

Quelle/Link:  https://www.video.uni-erlangen.de/clip/id/12295

03:40   …und dann, ich komme gleich noch ein bisschen auf Klimaskeptiker zurück….

04:06   …und immer noch gibt es, ich meine es gibt auch noch Leute, die an eine flache Erde glauben. Es gibt alles und es ist erstaunlich, dass gerade die Ölindustrie 1982 schon eine Studie, intern natürlich nur, veröffentlicht hat, die prognostiziert hat, dass durch die Verbrennung von Kohlewasserstoffen bis zum Jahr 2050 die globale Temperatur um 2°C ansteigt. Das ist genau das wo wir hinsteuern 2050  2°C. So, nochmal eine weitere kleine Abrechnung, weiter mit den Klimaskeptikern. Weil, wenn man so was macht, ich bin ja hier im Weltklimarat und werde dann immer, immer wenn irgend wo was in der Zeitung ist, dann kriege ich dann diese netten Nachrichten, dann soll ich meine Ansichten doch noch mal überdenken, dann kriege ich solche Kurven:

Diese Kurven implizieren, ja, wo wir heute sind, wobei aufgepasst, das endet 2000, das ist nicht heute. Das ist ja ganz normal, das ist eine dieser ganz normalen Warmzeiten, die wir mal öfter hatten, teilweise war es noch viel wärmer als heute, und die Wärme immer war gut für uns. Das hat erst später ermöglicht, die Agrikultur und alles, während die Kaltzeiten die Bösen waren. Die Kleine Eiszeiten, natürlich haben alle darunter gelitten. Die Kurve ist gar nicht grundlegend falsch.

05:28   Zwei Probleme gibt es hier. Das eine ist, sie ist völlig veraltet. Die Daten sind völlig veraltet. Dargestellt ist 2008, aber die Quellen sind viel älter und es ist nur regional. Regionales Klima bezogen so auf Mittel-, vielleicht mehr oder minder auf ganz Europa, aber das war’s dann. Das ist nicht das Weltklima. Ich will mal einfach nur auf die letzten 1.200 Jahre eingehen. Da gibt es eine neue Studie, wo man das ganz schön sehen kann. Das Ganze ist jetzt etwas kompliziert, nach Baumringanalysen. Da werden die Dicken der Baumringe und die Kohlestoffisotope der Baumringe gemessen, um zu den Temperaturen, ziemlich genauen Temperaturen, zu kommen. Das ist alles gut kalibriert, und so sieht das aus.

06:12

Also keineswegs so wie es vorher dargestellt war, sondern wir sind spätestens seit den frühen Nullerjahren deutlich über dem hinaus, was die mittelalterliche, die frühmittelalterliche Warmzeit beispielsweise war. Und die Kleine Eiszeit? Ja, das ist alles da, aber eben von den Amplituden ganz anders als geschildert.

06:33   Das ist die komplizierteste Grafik. Die wollte ich nur noch mal zeigen. Das ist auch wichtig. Man soll nicht nur auf einen Punkt schauen, sondern auch auf die Verschiebung der Linien gleicher Temperatur, also wie viel sich das Klima im Raum verschiebt. Das ist genau so wichtig, wie es sich an einem Ort verändert. Und da sehen wir eben, dass plötzlich der Ozean, ganz besonders der äquatoriale Ozean ganz besonders hervorsticht. Mit riesigen Verschiebungen über 200 km Richtung Pol pro Dekade. Das heißt jetzt für die Organismen, die da leben, und die liegen mir ja am Herzen, dass die sich mit dieser Geschwindigkeit bewegen können müssen. Das ist für einen Fisch vielleicht ziemlich easy, aber für eine Koralle eben nicht. Deswegen nur noch mal zu zeigen, es gibt eben verschiedene Aspekte des Klimawandels, nicht nur diese Temperaturänderung an einem Ort.

08:16   …..Meeresspiegel, gleich vorne weg, da ist es schon 5 nach 12. Also, da lässt sich nichts mehr aufhalten. Der Meeresspiegel wird mindestens, egal was wir tun, 30 cm, eher 60 cm bis zu einem Meter bis 2100 ansteigen. Aufgrund der Trägheitseffekte ist es da schon zu spät. Es gibt noch andere, da ist es noch nicht zu spät…. 

08:45   Biologische Auswirkungen……

19:15   Es ist jetzt bereits wärmer, jetzt gerade in diesem Moment, als menschliche Gesellschaften seit Anfang der Landwirtschaft erlebt haben. Sie sehen hier eingeblendet……

Heute ist es wärmer als jemals zu dieser Zeit. Und wie es weitergeht, dass sehen Sie rechts mit den Punkten dargestellt, das sind eben wieder diese Szenarien für die zukünftigen Klimaveränderungen. Hängt ganz erheblich von unsern Entscheidungen ab.

20:15   ….Glutdiagramme….. (mag der IPCC) 21:00

Heutige Einflüsse des Klimawandels sind bereits deutlich. Es ist zu spät für den Meeresspiegelanstieg. Da können wir nichts mehr machen. Wir müssen uns schützen. Wir müssen uns adaptieren an den Klimawandel. Das ist wichtig. Das 1,5°C ist nach meiner Meinung nicht mehr zu machen. Auch Erlangen mit dem Klimanotstand, das wird nicht sein. Schon 2030 spätestens 2050 wird es passieren. 2°C-Grenze ist noch machbar mit sehr großen Investitionen, und das muß man eben durchrechnen. Man muß richtig viel Geld reinstecken. Das handelt sich um Billionenbeiträge pro Jahr die weltweit nötig sind, um CO2-neutral zu werden, die allerdings immer noch weniger sind, als der Nutzen, der abgewendeten Schäden. Ab 4°C sind dann so viele Kippeffekte, dass wir tatsächlich schon großes Artensterben auf der Erde zu erwarten haben. Jeder spürt jetzt den Klimawandel. Das sind die besten Voraussetzungen, endlich wirklich etwas zu tun, und damit bedanke ich mich vielmals für die Aufmerksamkeit.

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Anschließende Podiumsdiskussion, Dauer ca. 50 Minuten.

Teilnehmer u. a.: Prof. Dr. Kießling (FAU) und Boas Ruh, Redakteur der Neuen Züricher Zeitung (NZZ).

Quelle: https://www.video.uni-erlangen.de/clip/id/12299

15:00   (Moderator) Herr Ruh, Sie beschäftigen sich mit den Klimaskeptikern. Ich persönlich finde es ein Wortungetüm, weil keiner zweifelt ja am Klima, ein Klima ist immer da. An dem kann man nicht zweifeln, aber Sie beschäftigen sich mit sozusagen den Menschen, die das was hier seriöse Wissenschaft erforscht in Frage stellen. Können Sie vielleicht ein kleines bißchen da über Ihre Arbeit erzählen?

Boas Ruh (NZZ): Das Wort ist natürlich eine Verkürzung. Es geht um Leute, die den Klimawandel bezweifeln oder Skepsis äußern. Ich habe das zusammen mit einer Kollegin gemacht. Eine längere Recherche, weil wir beobachtet haben, dass die Debatte immer emotionaler wurde, immer auch gehässiger und das vermehrt nicht nur die politischen Aspekte des Themas, über die gestritten wurde, sondern das verwehrt auch die Wissenschaft direkt angegriffen wurde. Wir haben das in verschiedenen Punkten gesehen. Es gibt Fake News , die ganz gezielt gestreut werden. Gefälschte Interviews, die sich dann verbreiten, mit Klimawissenschaftlern, die so nicht stattgefunden haben. Wir wollten mal rausfinden, wer sind diese Leute, die das verbreiten. Wie organisieren sie sich. Das war der Fokus unserer Recherche.

24:30   (Moderator) Frage an Herrn Ruh: „Meinen Sie, dass manche noch nicht reif sind für diese Wahrheit?“

Boas Ruh: Ja, offensichtlich. Aber ich glaube die Zahl der Menschen, die heute noch sagen „Es gibt keinen Klimawandel“, die ist wirklich sehr, sehr klein. Es gibt – wie im Vortrag gesagt – es gibt immer noch Leute, die an eine flache Erde glauben. Es gibt immer noch Leute, die sagen, wir haben keinen Klimawandel. Ich habe mit so jemanden gesprochen, der wirklich sagt (Minute 25:00), es wird nicht wärmer, es wird kälter auf der Erde. Aber ich glaube, Es sind immer weniger Leute und diejenigen haben auch keine Macht. Ich glaube viel gefährlicher, oder das größere Thema sind Menschen die zwar sagen, es gibt zwar einen Klimawandel aber der Mensch hat damit nicht so viel zu tun Und da gibt es viel stärkere Gruppierungen, auch in verschiedenen Abstufungen. Es gibt solche, die sagen, der Mensch hat damit gar nichts damit zu tun, andere sagen, ja vielleicht so ein bißchen, oder vielleicht 50%, und 50% sind natürlichen Ursprungs. (An Prof. Kießling gerichtet:) Sie sind der Experte, aber wie ich gelesen habe, ist die Wissenschaft eigentlich der Überzeugung, dass der Mensch die Ursache ist für den Klimawandel, den wir aktuell erleben

26:00   Prof. Kießling: Ja, das war schon so im letzten Klimabericht. Natürlich, den liest ja keiner, das sind 3000 Seiten. Das verstehe ich auch. Es ist etwa 80% des Klimawandels auf anthropogene, also auf menschengemachte Treibhausgasemissionen zurückzuführen. Also, das ist im letzten Klimabericht. Die anderen 20%, die sind unklar. Die können auch noch mit drauf kommen. Diese Tendenz nach oben etwa 80%, 79% um es genau zu sagen.

26:35   Boas Ruh: Ich glaube es spielt in der Diskussion keine große Rolle, ob man jetzt mit jemanden spricht oder jemanden hat, der gar nicht an den Klimawandel glaubt, oder jemand der sagt, der Mensch hat keinen Einfluss, weil am Schluss zielt das auf das Gleiche darauf ab, man untergräbt die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft, weil die Wissenschaft sagt, doch der Mensch ist für den größten Teil verantwortlich.

42:50   (Moderator) Frage an Prof. Kießling: Der Einfluss der Sonne aufs Klima und der Sonnenzyklen. Weil das ja auch immer wieder vorangestellt wird, dass wenn, wir, jetzt eine neue Warmzeit kommt, dass wir das vielleicht ja nur an einem Sonnenzyklus und nicht an CO2 oder Methan oder was auch immer liegt.

Prof. Kießling: Ahhh! Gähn! Also das ist doch alles schon längst widerlegt. Schauen Sie sich doch einfach ja an, Zusammenhang Klima und Sonnenfleckenzyklen der letzten 40 Jahre. Es gab vor 20 Jahren so was wie einen kleinen Zusammenhang. Von da her kommen die ganzen Geschichten. Aber in den letzten 20 Jahren ist es völlig durch, ja, die Sonnenaktivität hat abgenommen und die Temperatur hat zugenommen. Vergessens Sie Rettung Sonne! Das funktioniert nicht! (Publikum Applaus).

Resümee des Chronisten:

Es wird sehr spannend werden, wer im Jahr – wählen wir mal 2030 – tatsächlich gähnen wird, wenn PDO und AMO sich voll in einer kälteren Phase entfalten werden, was mit einer offensichtlichen Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist. Der 25. Schwabezyklus steht ja auch noch an. Macht er es dem 24. Zyklus nach?

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Friedrich Alexander Universität (FAU) Erlangen/Nürnberg  –  Physikalisches Kolloquium
Vortrag Prof. Dr. Stefan Rahmstorf – Potsdam Institut für Klimafolgenforschung

13. November 2019   –   Menschheit in der Klimakrise

Auszüge aus dem FAU-Videoportal, Vortragsdauer ca. 45 Minuten. (Angabe der Minute).

Quelle/Link:  https://www.video.uni-erlangen.de/clip/id/12240

Schon die Einführungsfolie lässt den Zuschauer erahnen, was auf ihn zukommt.

06:30   … so dass wir sagen können, sogar 100% der globalen Erwärmung der Moderne seit der Statistik 1750, 100% ist vom Menschen verursacht und die natürlichen Faktoren haben, wenn überhaupt, dieser Erwärmung noch leicht entgegengewirkt.

06:50   Wenn wir jetzt den Strahlungsantrieb kennen, dann wollen natürlich wir auch wissen, wie dieser die Erwärmung verursacht. Die Antwort darauf ist die Klimasensitivität.

07:40   ….eine Verdoppelung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre zu einer globalen Erwärmung von 4 – 6°C führen würde. Damit liegt er (Svante Arrhenius) relativ hoch, obwohl man muß sehen, dass einige der neuesten Klimamodelle jetzt auch so hohe Klimasensitivitäten haben. Wir glauben das aber noch nicht. Ich bin überzeugt, dass das was der IPCC seit vielen Jahren sagt, dass die Klimasensitivität tatsächlich bei etwa 3°C liegt, 3°C nach einer Verdoppelung der CO2-konzentration.

15:00 …. übrigens haben Exxon-Experten auch in den 70er-Jahren schon gesagt, wir verursachen mit den CO2 ein Superinterglazial, eine Superwarmzeit, die noch wärmer wird als die Eem-Warmzeit. Und auch damit werden die Exxon-Forscher ganz klar Recht behalten.

29:40   Wenn wir uns die Temperaturverteilung anschauen, die räumliche Verteilung, dann sehen Sie, dass sich die Erde weitgehend erwärmt hat. Nur an einer Stelle hat sie sich abgekühlt. Hier im nördlichen Nordatlantik, das ist südlich von Grönland. Und auch das ist eine Sache, die Klimamodelle vorhergesagt haben (Bild GFDL CM2.6 Ocean Simulation).

31:30   ….. dass Sie das in den Messdaten genauso sehen, wie es in dem Modell für eine Abschwächung des Golfstromsystems vorhergesagt wird ….

32:30   Wenn wir in die Zukunft blicken wollen, dann brauchen wir eben solche Klimamodelle. Hier sehen sie die Atmosphärenkomponente …..

34:20   ….(Film einer) Simulation einer räumlichen Verteilung in einem solchen typischen Klimamodell. Das ist allerdings ein 4°C- Szenario. (Film ab 1950 bis 2100)

43:15   Die Klimakrise ist real, von uns verursacht und dringend

Resümee des Chronisten:

Es ist schon erstaunlich, mit welcher Ambivalenz Prof. Rahmstorf stolz einem sehr zahlreichen, wissbegierigem Publikum ins Infrarot schwenkende, auf Computerprogramme beruhende Glutdiagramme und Filmanimationen von bis ins Jahr 2300 reichende Klimavorhersagen zeigt. Auf der anderen Seite wird die offenbar deutlich sichtbarer werdende Diskrepanz der Modelle, besonders ersichtlich an der nun aktuell ausufernden Klimasensitivität der Treibhausgase, in einer kleinen Nebenbemerkung als quasi unbedeutend kleingeredet. Alles gut garniert mit den allseits beliebten Exxon-Seitenhieben.