Existenzielle Notlage

Existenzielle Notlage. So betitelt die Schweizer Weltwoche ein Interview mit Fritz Vahrenholt. Der Artikel hat eine Bezahlschranke. Es geht dabei auch um den Ausblick auf die Energiepreise in Deutschland.

“Weltwoche: Wie verschärft der Ukraine-Krieg die Energiekrise, die sowieso eingetreten wäre?

Vahrenholt: Zunächst: Der Ausstieg aus Kernenergie und Kohle funktionierte nur, weil wir im Hintergrund russisches Gas zuführten. Sonst wäre die Energiewende schon vor Jahren gescheitert. Wer ein neues Windkraftwerk in Betrieb nimmt, braucht ein Back-up für die Zeit, in der kein Wind weht. Als ehemaliger Windkraftunternehmer weiss ich, der Normalzustand einer Windturbine ist der Stillstand. An 100 bis 150 Tagen des Jahres produzieren Windkraftwerke weniger als 10 Prozent ihrer Leistung. Deswegen braucht es Gas als Back-up – das wir jetzt nicht mehr haben. Daraus folgt, wenn die Pipelines nicht schnellstmöglich wieder Gas transportieren, sind in Deutschland 5,6 Millionen Arbeitsplätze gefährdet. Wussten Sie, dass die chemische Industrie alle sechs Stunden einen Zug von Frankfurt bis Sevilla braucht?

Weltwoche: Was bedeutet die Energiekrise fürs Portemonnaie der Bürger? Für den Haushalt?

Vahrenholt: Der Strompreis hat sich vervierfacht, und es geht weiter aufwärts. Beim Gas sind wir bei einer Versechsfachung. Nur merkt’s noch keiner, die Rechnungen flattern erst noch in die Häuser. Zeitverzögert steuern wir auf eine Kostenlawine zu, die die Bundesregierung übrigens gar nicht bestreitet.

Weltwoche: Von welcher Grössenordnung? Mal fünf? Mal sechs im Vergleich zu heute?

Vahrenholt: Beim Strom bleibt’s wohl bei einer Verdreifachung, beim Gas rechne ich langfristig mit einer Verfünffachung, weil die staatlichen Abgaben nur teilweise mitwachsen. Und dann können Sie rechnen: Kostete die Stromrechnung für einen normalen Haushalt früher, sagen wir mal, 600 Euro im Jahr, werden es bald 2000 Euro sein. Beim Gas ist’s noch krasser: Weil die Gasverbräuche in kalten Zonen wie in Deutschland oder der Schweiz höher sind, bekommen Sie da eine Wohnung nicht unter 1500 Euro warm. Dieser Betrag mal fünf ergibt 7500 Euro – im Jahr, allein für Gas. Das kann sich jemand, der jährlich 20 000 Euro netto nach Hause bringt, unmöglich leisten.”

Wenn Außenministerin Annalena Baerbock Volksaufstände bei ausbleibendem Gas in Deutschland befürchtet, wie wir dem Münchener Merkur entnehmen können, was mag dann bei solchen Preisen los sein?

“Baerbock hatte in der Runde erklärt, warum Deutschland von Kanada die Auslieferung einer Turbine für die Pipeline Nord Stream 2 an Russland eingefordert hatte. Es handle sich dabei mitnichten um „Doppelmoral“, betonte die Außenministerin. „Wenn wir die Gasturbine nicht bekommen, bekommen wir kein Gas mehr“, schilderte Baerbock die Argumentation gegen Kanadas Bedenken, „dann können wir als Deutschland überhaupt gar keine Unterstützung für die Ukraine mehr leisten, weil wir dann mit Volksaufständen beschäftigt sind“.”

Ganzes Interview in der Weltwoche lesen. Es lohnt sich.

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Spanien kauft zurzeit so viel russisches Gas wie nie. Das berichtet RND.

“Im Monat Juni hat sich Spanien so viel russisches Gas kommen lassen wie noch nie, in absoluten Zahlen etwa ein Drittel mehr als im Juni vergangenen Jahres und 24,4 Prozent in Relation zum diesjährigen Juni-Gesamtgasimport. „Im Juli werden wir wieder bei 10 Prozent sein“, verspricht der CEO des Netzbetreibers Enagás, Arturo Gonzalo, der den plötzlichen Anstieg mit Wartungsarbeiten französischer Anlagen erklärt, die eine Umleitung der Gaseinfuhren über Spanien und Belgien nötig gemacht haben.”

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London entging nur knapp einem Blackout, das berichtet Bloomberg. Der Preis dafür war hoch. Fast 9.800 Britische Pfund betrug der Preis für eine Megawattstunde.

“The £9,724.54 price, settled between noon and 1:00 p.m. on July 20 via the so-called NEMO interconnector that links the UK with Belgium, was the highest Britain has ever paid to import electricity, nearly five times higher than the previous record. The absurdity of that level is apparent when comparing it with the year-to-date average for UK spot electricity: £178 per megawatt hour.”

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Eigentlich tragisch, was der Meteorologe Sven Plöger gegen über RND zum Besten gibt. Sollte nicht gerade ihm bekannt sein, dass der Wind nicht immer weht und die Sonne nicht immer scheint?

“Der ARD-Meteorologe forderte, den Schock über die Energie-Abhängigkeit von Russland nun konsequent für den Ausbau erneuerbarer Energien zu nutzen. Angesichts des Kriegs in der Ukraine und der angestrebten Unabhängigkeit von russischen Energielieferungen müsse Deutschland nun „die Erneuerbaren so ausbauen, wie wir seit Jahren betonen, es tun zu wollen“, sagte Plöger. „Es hilft einfach nicht, Realitäten zu ignorieren und sich die Welt schönzureden.“”

Ganz genau, es hilft einfach nicht sich die Welt schönzureden. Fossile Backups und die Erneuerbaren Energiequellen sind siamesische Zwillinge.

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Endlich wissen wir es. Zumindest im Vereinigten Königreich wurden Temperaturkarten bei den Wetterberichten im letzten Jahr anders eingefärbt, weil man es so Farbenblinden einfacher machen will. So kann es jedenfalls bei Phys.org lesen. Wir sind nun wieder völlig beruhigt.

“UK Met Office weatherman Aidan McGivern branded it a „ridiculous comparison,“ in his own Twitter thread.

He said the colour scheme had been redesigned last year to make the contrasts more visible to those who were colour blind.

„The new temperature colour scale does go darker (red) when it gets hotter (especially >38.7 C, the UK record),“ he said. „It also goes darker (blue) when it gets colder.“

He added that the right-hand image was from a „one-off“ Met Office tweet dating from 2016—not from the current heatwave.”

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Die New York Times berichtet über Hitzewellen in den USA. Danach gab es von 1960 bis in die 2010er Jahre eine Verdreifachung der Frequenz solcher Hitzewellen. Was die NYT aber offenbar nicht bedacht hat, das sind die 1930er Jahre in den USA. Ryan Maue verweist bei Twitter auf der US-Umweltbehörde EPA. Diese hat eine Statistik mit dem Heat Wave Index. Es fällt auf, dass der Zeitraum 1960 bis 2010 wie eine starke Zunahme aussieht. Von einem extrem niedrigen Wert geht es zu einem deutlich größeren. Allerdings relativiert sich das, wenn man sich die Periode ab 1890 ansieht und dort ganz besonders die 1930er Jahre. Von der EPA Webseite:

“Longer-term records show that heat waves in the 1930s remain the most severe in recorded U.S. history. The spike in Figure 3 reflects extreme, persistent heat waves in the Great Plains region during a period known as the “Dust Bowl.””

(Abbildung: Screenshot epa.gov)

Dazu passen die Jahre mit den Hitzerekorden in den USA.

Bild-Quelle: aktualisiert aus dem Buch Vahrenholt: Unerwünschte Wahrheiten.

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Der Spiegel am 19.7.2022 zur europäischen Hitzewelle:

Nachdem man sämtliche Abstrusitäten aus dem PIK-Kabinett zur Erkärung der gegenwärtigen Hitze zitierte (u.a. „gespaltener Jet“ im Sommer durch arktische Verstärkung, die jedoch praktisch nur eine Angelegenheit des Winters ist) und nachlassende AMOC (wie gezeigt hoch spekulativ) lässt man einen DWD-Mann zuworte kommen:

„Wissenschaftlich sei die Erklärung der Hitzewellen über den Jetstream nicht eindeutig, sagt Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst. Es gebe auch Modelle, die der Theorie widersprächen. Bei den vielen Wetterfaktoren, die auf die Bewegung von Luftmassen wirkten, sei ein klarer Auslöser schwer auszumachen. Eindeutig fest stehe aber: »Durch die Klimaerwärmung werden solche Hitzewellen häufiger.« 

Dem ist allerdings zuzustimmen:

Übrigens: Ähnlich könnte es während der Mittelalterlichen Wärmeperiode ausgesehen haben, als es in Europa zum Teil ähnlich warm war wie heute. Die Anzahl der Hitzewellen steigt mit wärmerem Grundklima.