Die Kunst, Erkenntnisse auszublenden und Unsicherheiten nicht zu benennen

Sollte ein Professor für Kognitionspsychologie (Erkenntnispsychologie) nicht als gutes Beispiel vorangehen? Christian Stöcker vom Spiegel macht das genau leider nicht. Erneut nicht, muss man leider sagen. In einer neuen Kolumne wird der seiner Meinung nach zu langsame Kohleausstieg von Deutschland für die Dürreschäden an Deutschen Wäldern mehr oder weniger verantwortlich gemacht. Es ist eigentlich das gleiche Schema, das wir schon von Lobbyisten wie Simone Peter kennen.

Wir brauchen mehr Windkraft, dann bekommen wir weder Sturmfluten, noch steigen die Temperaturen in Sibirien an. So lesen sich sehr viele ihrer Tweets und dabei wird der Sommer in Sibirien gern schon mal zur Null-Grad-Normaltemperatur umgebogen. Und bei starkem Wind wie Anfang 2020 machen solche Lobbyisten dann Gymnastik in Hochform, nämlich einen wunderbaren Spagat. Der gleiche Wind, der nämlich die Windräder antreibt und für Jubel beim Betrachten der Anteile der Erneuerbaren Energien sorgt, überflutet dann auch gern mal Inseln oder spült Strände weg. Im Falle Peter war es besonders peinlich weil die Hochwasserstände eine ganz normale Sturmflut betrafen, wie sie immer wieder vorkommen, also keine mittlere oder schwere Sturmflut, eine ganz normale. Da wird dann auch gern mal ein Begriff aus dem Bereich Kernenergie zitiert, in dem Fall Super GAU. Wegen eines weggespülten Strands….

Bei Stöcker heißt es dann sinngemäß, schnellerer Ausstieg aus der Kohle, dann wird es auch dem deutschen Wald sofort besser gehen. Dabei gibt es durchaus neue Erkenntnisse, dass Dürreperioden nicht zwangsläufig am sich wandelnden Klima liegen. Dem Wald machen zwei Dürrejahre zu schaffen, darüber gibt es keine zwei Meinungen. Jeder Liter Regen, der vom Himmel fällt ist wichtig für die Wälder. Hier liegt aber die gleiche Methode vor, wie Axel Bojanowski in der WELT so treffend beschreibt. Unsicherheiten werden ausgeblendet und dem Leser nur ein Teil der Erkenntnisse präsentiert und das ist derjenige, der zum eigenen Narrativ passt. Es ist politisch motivierte Kommunikation. Gehört die aber in ein Wissenschaftsressort eines Nachrichtenmagazins?

Es ist offensichtlich sehr beliebt, bereits im Frühjahr vor neuen Hitzerekorden und Dürren des Jahres zu warnen. Das machen Universalgelehrte wie Harald Lesch genauso wie bekannte Gesichter aus der Klima-Alarm-Szene in diesem Fall Mojib Latif in der ZEIT. Über die Beweggründe kann man nur spekulieren. Ist es wie beim Roulette, das man einfach auf Rot (Hitze, Dürre) oder Schwarz (Kälte, Feuchte) setzt und es dann eine 50:50 Chance gibt, dass der Tipp eintritt? Auch das wäre politisch motiviert. Die Öffentlichkeit verzeiht solche Prognosen sehr schnell. Tritt das Ereignis nicht ein, dann wird es totgeschwiegen, tritt es ein, kommt der „Ich habe es doch gesagt“ Effekt.

Nun, der Sommer 2020 ist noch lange nicht um. Es kann noch viel passieren. Aktuell war der Juni in Deutschland leicht über dem Niederschlagsmittel. Große Teile Deutschlands haben bis zum 08.07.2020 um die 20 mm Niederschlag gehabt. Die Aussichten deuten allerdings an, dass das noch deutlich mehr werden kann im Juli. Aber, das ist alles mit entsprechenden Unsicherheiten verbunden und es ist geboten, das auch zu betonen.

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Zufälle gibt es: Auf Twitter wird gerade ein Artikel der WELT (Achtung Paywall) verteilt, dass die Strompreise immer weiter steigen, negative Strompreise keinesfalls sinkende Preise bedeuten usw… Direkt darunter promotet der Murmann Verlag das neue Buch von Claudia Kemfert, die genau diese Entwicklung gern noch weiterführen und ausbauen möchte.

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Offener Brief von Armin Ulrich an den Berliner Tagesspiegel

Berlin, 02.07.2020

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Michael Schmidt,

In Ihrem Artikel „Warum es in Sibirien inzwischen wärmer ist als in Berlin“ finden sich einige Merkwürdigkeiten, auf die ich Sie hinweisen muß. Schon der vierte Satz im Artikel birgt einigen Stoff zum Nachdenken. Lassen wir uns diesen einmal auf der Zunge zergehen:

Wie der „Guardian“ berichtet, führen Experten die ungewöhnlich hohen Temperaturen von zum Teil über 30 Grad auf Waldbrände, riesige Öl-Lecks und eine Mottenplage zurück, der viele Bäume zum Opfer fielen.

Man/frau/div kann durchaus nachvollziehen, daß Waldbrände Ursache von hohen Temperaturen von zum Teil über 30° C sein können, aber für große Teile Sibiriens? Da Motten wechselwarme Tiere sind …  es müssen merkwürdige Experten sein, die die hohen Temperaturen auf Motten zurückführen …. Schauen wir also nach, wie und vor allem was der Guardian wirklich berichtet hat. Der Satz, über den wir hier nachdenken, lautet im Original:

The freak temperatures have been linked to wildfires, a huge oil spill and a plague of tree-eating moths.

Hier steht nichts von Experten! Und nicht einmal das Wort „freak“ läßt sich hier zum „Experten“ übersetzen, es heißt einfach „außergewöhnlich“. „linked“ heißt einfach nur „verbunden“, „in Verbindung gebracht“ oder „gekoppelt“. Wenn man/frau/div diesen Satz in die google-Übersetzungsmaschine steckt, dann kommt heraus: Die ungewöhnlichen Temperaturen wurden mit Waldbränden, einer riesigen Ölpest und einer Plage von baumfressenden Motten in Verbindung gebracht.
Also kein Experte und die hohen Temperaturen wurden mit den Waldbränden, der Mottenplage und dem Ölausfluß in Verbindung gebracht. Am Ende des Artikels finden wir dann auch korrekt:

Ein bizarres Phänomen aber kommt noch hinzu: Eine Mottenart, deren Larven die Nadeln der Koniferen fressen und sich angesichts der steigenden Temperaturen rasant vermehren.

D.h. Hohe Temperaturen => Mottenplage. Eigentlich ist der ganze Artikel bizarr. Und es geht auch gleich weiter: Die Temperaturen in der Polarregion steigen alljährlich im Sommer an, weil die großen Wasserströme der Ozeane Wärme zu den Polen transportieren und Eis und Schnee schmilzen. [Fehler im Original A.U.] Nein! Die Temperaturen in der Polarregion steigen alljährlich im Sommer an, weil dort „die ganze Nacht über noch Tag ist“ wie sich Manfred Krug einst in einer Vorabendserie ausdrückte. Weil es dort lange Sonnenscheindauern gibt bis hin zur Mitternachtssonne. Im Guardian-Original sieht die Stelle so aus:

Temperatures in the polar regions are rising fastest because ocean currents carry heat towards the poles and reflective ice and snow is melting away.

Von alljährlich im Sommer steht da nichts. Der Vollständigkeit halber sei hier auch der fehlergespickte Absatz hier erwähnt:

Im lagen die Temperaturen in Teilen Sibiriens bis zu zehn Grad über dem Durchschnitt, wie der EU-Copernicus-Klimawandeldienst C3S mitteilte. Martin Stendel vom dänischen Institut für Meteorologie sagte, die ungewöhnlichen Mai-Temperaturen in Nordwest-Sibirien träten ohne der von Menschen verursachten Erwärmung des Planeten allenfalls einmal alle 100.00 Jahre auf.

Andere Leser*Innen äußerten sich im Leser*Innenforum schon, wie z.B. (der nicht gerade klimaskeptische) Babsack oder vielleser., den ich hier zitieren möchte: „Zweifellos erzeugt ein Waldbrand viel Hitze. Ob die erzeuge Energiemenge dazu reicht, ganze Landstriche zu erwärmen, wage ich zu bezweifeln. Inwiefern ein Ölleck auf das Klima, also als eine Erwärmung, wirken soll ist mir absolut schleierhaft, halte es für ausgemachten Unsinn.“ 

Es wäre natürlich auch für mich viel einfacher, Ihnen diese Information in der Form eines Leser*Innenkommentars zukommen zu lassen. Obwohl: offenbar nützten die schon geposteten Kommentare der Forumsteilnehmer*Innen nichts – die Fehler sind immer noch vorhanden. Leider wurde mein Account aus mir nicht bekannten Gründen gesperrt. Das ist um so seltsamer, da

  • schon einige Klimaskeptiker*Innen gesperrt wurden
  • und sich Ihre damalige Klimaexpertin, Frau Dagmar Dehmer, schon einmal bei mir bedankte aufgrund einer Korrektur meinerseits (hier herunterscrollen zu Anmerkung der Redaktion)
  • während andere ihre Ahnungslosigkeit dem Klimathema gegenüber weiterhin im Forum ausbreiten.

Ich möchte vorerst noch keine Namen nennen. Sicher ist aber, daß unsere Fachkompetenz (d.h. die der Klimaskeptiker*Innen) um das Niveau des Tagesspiegels zu halten, dringend gebraucht wird.

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Verzerrte Sichtweisen entstehen oft, wenn der größere Kontext nicht bekannt ist bzw. ignoriert wird. Das folgende Video erinnert an diesen Kontext und sei allen klimademonstrierenden Freitagskinder sowie Corona-Maskenmuffeln ans Herz gelegt: