Die Kunst des Weglassens

Das ist schon ein spannender Test. Dr.-Ing. Jürgen Schwager untersucht 5 Studien zur Klimaneutralität Deutschlands in der Zukunft. Ganz besonders haben ihn zwei Stichworte interessiert: Dunkelflaute und Versorgungssicherheit. Wie sehr beschäftigen sich die Studienersteller damit? Beide Begriffe dürften nicht ganz unwichtig sein, wenn Deutschland sich zukünftig mehr auf Wind und Sonne verlassen will. Als Vorlage dienten Schwager die 5 Studien, die die Stiftung Klima als die Big 5 bezeichnet.

Das Ergebnis ist aufschlussreich oder soll man sogar sagen erhellend? Die Studie, an der u. a. Agora Energiewende und das Wuppertal Institut mitgewirkt haben, schafft es auf 120 Seiten die beiden Worte komplett zu vermeiden. Sie tauchen nicht einmal auf. Das Auslassen schafft auch Fraunhofer ISI auf 77 Seiten. Die vom BDI in Auftrag gegebene Studie “Klimapfade 2.0” kommt auf 2 Nennungen von Dunkelflauten und 22-mal wird die Versorgungssicherheit genannt. Offenbar ist man sich bei so einem Auftraggeber dann schon bewusst, wie wichtig die Versorgungssicherheit ist. Die dena-Leitstudie kommt bei dieser Auswertung auf 2-mal Dunkelflaute aber 52-mal Versorgungssicherheit. Auch die vom Wirtschaftsministerium in Auftrag gegebenen Studie vermeidet das Wort Dunkelflaute komplett, schafft es aber die Versorgungssicherheit 5-mal zu erwähnen.

Was nicht sein soll, das wird besser weggelassen. Nur fragt man sich dann, was sind die Studien wert, die die Augen vor der Natur und der Realität derartig verschließen? Sind die Studien eher ideologie-getrieben, ohne einen realistischen Ausblick zu geben? Es sieht eher so aus, als wenn hier das alte Sprichwort: “Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing “ ausschlaggebend war. In jedem Fall ist der Twitter Account von Jürgen Schwager es wert, ihm zu folgen. Wer gern viele bunte Charts mag, der kann sich den Vergleich der Studien bei der Stiftung Klima ansehen, wo erstaunlicherweise wieder Fraunhofer ISI auftaucht als Gutachter.

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Was passiert jenseits des Klima-Abgrunds? Dieser Frage geht Axel Bojanowski in der Welt nach. Der Artikel steht hinter einer Bezahlschranke. Zusammengefasst beschreibt Bojanowski die Problematik der immer neuen Deadlines in Sachen Klima.

“Der beschworene „Klimaabgrund“ wird sich nicht auftun. „Es wird sich nicht anfühlen wie Armageddon für die Jugendlichen im Klimastreik“, sagt der Klimaforscher Myles Allen von der University of Oxford, – und er fragt: „Was werden sie dann denken?“ Der Welt-Klimarat habe keine planetare Grenze gezogen bei 1,5 Grad, hinter der „Klima-Ungeheuer“ lauerten.

Und dennoch: Auch das wahre 1,5-Grad-Ziel wird aller Voraussicht nach gerissen werden, vermutlich in den 2030er-Jahren, das zeigen Rechnungen auf Grundlage aktueller CO2-Ziele der Staaten. „Ohne sofortige, tiefgreifende Emissionsminderung ist die Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad außer Reichweite“, erklärte der IPCC im April. „Selbst wenn die Emissionen schnellstmöglich reduziert würden, wird die Temperatur kaum unterhalb von 1,5 Grad bleiben können“, sagt Myles Allen.”

Das Problem der Fristen wird im letzten Teil des Artikels behandelt. Es ist das Jehovas-Zeugen-Syndrom. Nach jedem verpatzten Weltuntergang gibt es Argumentationsschwierigkeiten bei den eigenen Anhängern. Welche Folgen die immer neuen Deadlines haben, kann man an Aktionen wie “die letzte Generation” sehen. Sie nehmen die Ultimaten offenbar komplett wörtlich und wollen einen “Full Stop”. Dabei wäre eine kluge Verzahnung von Maßnahmen, die auch Adaption einschließen, erheblich sinnvoller. Der Artikel passt daher sehr gut zu dem hier auch schon einmal vorgestellten Stück „Macht nicht das Klima für Katastrophen verantwortlich“.

Es ist ebenfalls ein Bezahlartikel bezieht sich aber in erster Linie auf einen Artikel, der bei nature verfügbar ist. Mitautorin und Attributionsforscherin Friederike Otto ist offenbar selber ins Grübeln gekommen als sie nach der Flutkatastrophe im Westen Deutschlands 2021 haufenweise zitiert wurde. Gern auch von Politikern, die nur mit den Schultern zuckten und dem Klimawandel alle Schuld gaben. Das ist allemal einfacher als Adaption also Anpassung und dazu gehört auch die Vorsorge, gute Infrastruktur sowie ein funktionierendes Alarm- und Rettungswesen. Genau daran hat es in den betroffenen Bundesländern gehapert, und diese Dinge sind nicht Schuld des Klimawandels.

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Veto, das ist Lateinisch und bedeutet “Ich verbiete”. Vetos sind bekannt aus dem UN-Sicherheitsrat, wo bereits eine Veto-Stimme reicht, um Beschlüsse des Sicherheitsrats nicht wirksam werden zu lassen. Die Bedeutung des Wortes scheint einigen Journalisten nicht bekannt zu sein. So berichtet Heise von einem Veto Deutschlands gegen die geplante Taxonomie-Regel der EU. Die EU ist aber nicht der UN-Sicherheitsrat. Deutschland kann gegen den Vorschlag stimmen aber kein Veto einlegen. Ganz am Ende des Artikels wird es dann doch aufgelöst.

“Aus Regierungskreisen hieß es laut dpa, die Bundesregierung erwarte nicht, dass das deutsche Votum die Taxonomie aufhält. In der Koalition sei festgelegt worden, dass Deutschland nicht wie Österreich gegen den Rechtsakt klagt. Dies sei teilweise gefordert worden.”

Sicherlich nicht repräsentativ aber dennoch: Beim Artikel kann abgestimmt werden, ob Deutschland wieder auf Atomkraft setzen soll. 44% sagen Ja, 50% sagen Nein und 5% sind unentschlossen. 1% hat der Heise Server demnach verschluckt oder es ist den Rundungen geschuldet.

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Energie ist in Sachsen und Thüringen am teuersten. Das meldet die Tagesschau.

“”Gleichzeitig zahlen ostdeutsche Verbraucherinnen und Verbraucher auch absolut mehr für Energie – zum Beispiel aufgrund höherer Netznutzungsentgelte“, so Steffen Suttner, Check24-Geschäftsführer. Die Netzentgelte der Versorger liegen in einigen Teilen Ostdeutschlands deutlich über denen in anderen Regionen. Der Gaspreis etwa besteht zu rund einem Viertel aus Netzentgelten. Diese werden vom Netzbetreiber festgesetzt – und sollen die Aufwendungen des Netzanbieters für den Transport und die Bereitstellung von Energie abdecken.”

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Wohl eher symbolisch sind die Versuche von Aktivisten von “die letzte Generation” zu sehen, Ölpipelines zu blockieren. Ziel war nach Angaben des Nordkuriers die Pipeline von Rostock nach Schwedt. Neu im Programm der Aktivisten sind “Lebenserklärungen”, die man Universitätsleitungen abnötigen möchte. Dazu werden Einrichtungen von Universitäten wie in Leipzig besetzt. Was die Leitung einer Universität mit dem sich wandelnden Klima zu tun hat, erschließt sich allerdings nicht.

Für etwas Spott sorgte ein Aktivist, der versuchte ein Ventil mit einer Spitzzange zuzudrehen. Da es sich um ein Notfall-Ventil handelt, wird die Aktion noch absurder. Es wäre so, als wenn man einen Laden blockieren möchte und den Notausgang versperrt, von außen!

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Agora steigt jetzt auch in die Landwirtschaft ein, genauer gesagt in die Beratung. Das berichtet Top Agrar.

“Finanziert wird die Agora durch externes Stiftungskapital etwa von der die Robert Bosch Stiftung, Porticus, der European Climate Foundation, der Umweltstiftung Michael Otto und der Stiftung Mercator.”

Was dürfen wir erwarten? Ratschläge an die Landwirtschaft mehr Fläche für Windkraft und Solar zur Verfügung zu stellen? Mehr Bio und weniger Fleisch? Die ersten Studien und Empfehlungen dürften wenig überraschend sein, wetten?

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Wieder ein neues Buzzword: Carbon Farming. Früher nannte man es schlicht Fruchtwechsel. Das Handelsblatt stellt es vor.

“Die neue Methode lehnt sich an eine jahrhundertealte Kulturtechnik an, den Fruchtwechsel. So werden beim Carbon-Farming auf einem Acker spezielle Pflanzen in einem bestimmten Rhythmus angebaut. Doch dabei geht es nicht nur um bessere und nachhaltige Erträge. Es geht darum, Kohlenstoff aus der Luft zu filtern und als Humus im Boden zu speichern.”

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(Abbildung: Screenshot Arte-Mediathek)

Noch einmal Stichwort Landwirtschaft: Die Weizenpreise erreichen weltweit neue Höhen. Das berichtet die Tagesschau. Als Grund wird der Krieg in der Ukraine angegeben. Er macht es dem Land schwer, Weizen zu exportieren.

“Der Ukraine-Krieg hat zur Verknappung von Weizen auf dem Weltmarkt geführt und damit zu stark steigenden Preisen. In der Ukraine lagern nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums 20 Millionen Tonnen Getreide, die angesichts blockierter Lieferwege und Häfen nicht exportiert werden können.

Durch den hohen Selbstversorgeranteil drohe in der Bundesrepublik aber keine Getreideknappheit, sagte Özdemir im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF. Darauf dürfe sich allerdings „nicht ausgeruht werden“, da auch in Deutschland Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft drohten.”

Eine Knappheit droht laut Minister Özdemir also nicht, wer aber in letzter Zeit Mehl gekauft hat, der wird die Schilder gesehen haben, dass es nur noch in Mengen von 1-2 Packungen abgegeben wird. In diesem Zusammenhang ein Videotipp: Bei Arte bzw. YouTube gibt es eine kurze Dokumentation zum Thema Weizen. Weizen ist aber nicht allein bei den Preissteigerungen. Auch Raps, welcher ja nicht unwesentlich für die Produktion von Biosprit ist, kostet so viel wie nie zuvor.

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Heinz Dürr, der zahlreiche hochrangige Posten in der deutschen Wirtschaft innehatte, äußert sich im Handelsblatt zur deutschen Energiewende.

“Seien wir ehrlich: Die Energiewende ist gescheitert. Mit der aktuell verfolgten Strategie werden wir es nicht schaffen, Deutschland bis 2045 klimaneutral zu machen.

Und nicht nur das – wenn es einfach so weitergeht wie bisher, gefährden wir auch die Versorgungssicherheit von Haushalten und Industrieunternehmen. Und wir nehmen explodierende Energiepreise in Kauf. So dürfen wir nicht weitermachen.

Stattdessen brauchen wir Sprunginnovationen, um die Energiewende zu schaffen. Und das bedeutet: Wir müssen technologieoffen denken, denn nur eine kluge Kombination vieler verschiedener Lösungen wird zum Ziel führen.

Anders ausgedrückt: Wir müssen auf das Rennen wetten, nicht auf das Pferd! Mit dem aktuell sehr beschränkten Werkzeugkasten – im Wesentlichen Wind und Sonne plus Speicher – wird der Wandel jedenfalls nicht gelingen.”

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Anmerkung von RA Thomas Mock zur Anhörung im Bundestag zu erneuerbaren Energien am 16.5.2022:

Ausser Herr Hennig waren ausschliesslich EE-Lobbyisten geladen die natürlich Finanzinteressen in Milliardenhöhe präsentierten und heftig nach mehr buhlten. Störende Stimmen bei solchem Milliardenregen wurden von vornherein ausgeschlossen, um eine „Wohlfühl-Veranstaltung“ in einvernehmlicher Atmosphäre zu sichern. Herr Hennig fiel unter die „Cancel Culture“ und das BMWK schien wohl inzwischen für diese Lobbyisten den Status eines „Wahrheitsministeriums“ a la George Orwell erreicht zu haben.

Es ging im Grunde um die Verteilung dieser Milliarden von denen keiner genug bekommen konnte. Es war schon bald peinlich die Gier in vielen Zwischentönen hören zu müssen. Dementsprechend schwach waren die Gründe. Man bekam den Eindruck vermittelt, je schwächer die Begründung desto stärker die allzuwillige Folge gegenüber dem „Wahrheitsministerium“ und desto grösser die Hoffnung oder schon Gewissheit besonders grosser Geldregen.

Denn diese sind längst während der inhaltlichen und textlichen Vorbereitungen der Gesetzestexte erfolgt. Früher waren selbsternannte Investigativ-Journalisten stolz, wenn sie Lobbytexte in Gesetzen fanden und öffentlich anklagten. Von diesen hört man jetzt nichts mehr.  Heute dürfte man stolz sein Texte zu finden die nicht irgendwie von Lobbyisten stammen. Doch das ist keine Nachricht mehr wert.

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Martin Schlumpf berichtet am 16. Mai 2022 im Nebelspalter

Die Klimamodelle laufen zu heiss – Schlumpfs Grafik 43

Computer-Klimasimulationen zeigen sehr unterschiedliche Resultate und entfernen sich immer mehr von real gemessenen Werten: Für Zukunftsszenarien taugen sie deshalb immer weniger.

Computer-Modelle sind zentral für die Klimawissenschaft: Mit ihnen testen Forscher die Auswirkungen verschiedener Einflussgrössen und entwickeln daraus Szenarien für die Zukunft. Über solches Modellieren, das grundsätzlich Computerprogramme einsetzt, um mathematische Simulationen eines existierenden Systems durchzuführen, sagte der englische Statistiker George Box schon in den 1970er Jahren: «Alle Modelle sind falsch, aber einige sind nützlich.» 

Unterteilung der Atmosphäre in hundert Millionen Stücke

Wie sieht ein solches Modell beim System Klima aus? Um die einzelnen Veränderungsprozesse in der Atmosphäre und in den Meeren erfassen zu können, müssen diese mit einem dreidimensionalen Raster überzogen werden. Solche Rasterboxen haben auf dem Land typischerweise eine Grundfläche von hundert mal hundert Kilometern und weisen zehn bis zwanzig Höhen-Etagen auf. Weil über den Ozeanen aber mit feinerem Raster gearbeitet werden muss, summiert sich die Gesamtzahl an Boxen pro Klimamodell auf insgesamt um die hundert Millionen.

Weiterlesen im Nebelspalter. Auch verfügbar auf schlumpf-argumente.ch.

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Hochinteressantes neues Paper in Quaternary Science Reviews von Kevin Anchukaitis und Jason Smerdon:

Progress and uncertainties in global and hemispheric temperature reconstructions of the Common Era

Global and hemispheric temperature reconstructions provide an important means of placing recent anthropogenic temperature trends in the context of preindustrial climate variations and evaluating their causes. As new reconstructions have been developed and estimates of past climate have been refined, results continue to show that by the late 20th century temperatures very likely exceeded those of any time in at least the last millennium. Despite progress over the last two decades, however, there remain persistent uncertainties with regard to, inter alia, first millennium temperatures at global and annual scales, the magnitude of multidecadal to millennial-scale changes and their causes, and the surface temperature response to volcanic eruptions. We review the strengths and limitations of existing global and hemispheric paleoclimate temperature reconstructions and highlight likely sources of extant uncertainties, all in the context of the recent Sixth Assessment Report from Working Group I of the Intergovernmental Panel on Climate Change. Based on our review of these factors, we provide recommendations for using, interpreting, and improving large-scale temperature reconstructions.

Highlights:

Global and hemispheric temperature reconstructions provide context for recent trends and extremes, but substantial uncertainties persist after more than two decades of research

•The IPCC AR6 WG1 did not adequately convey uncertainties in reconstructions of hemispheric and global temperatures over the Common Era

•We review progress and extant challenges in reconstructing Common Era temperature variability and make recommendations on their interpretation and application

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DOE/Pacific Northwest National Laboratory:

How triple-pane windows stop energy (and money) from flying out the window

We know triple-pane windows conserve energy, reduce noise, and lower home energy bills; now they are getting more affordable

Next generation triple-pane windows provide builders with lower cost options and help homeowners conserve energy, reduce noise, and lower home energy bills.

It’s time to make the switch to triple-pane windows. That’s the message from a series of studies led by the Department of Energy’s Pacific Northwest National Laboratory in collaboration with a coalition of public and private partners.

„Lower costs, greater availability, and the drive to reduce carbon emissions are pushing us toward a tipping point where triple-pane windows start making a lot of economic sense,“ said Kate Cort, a research economist at PNNL and program manager for ongoing field validation studies of triple-pane windows.

It’s no secret that a home’s windows can waste a lot of energy. They can leak air, and even the latest models of double-pane windows contribute significantly to energy use and cost in a home. For a new home, windows typically make up about 8% of the exterior surface area but are responsible for half of the heat loss or gain. This passive energy loss makes windows a major contributor to home heating and cooling costs.

Weiterlesen bei Science Daily.