Die AMO und das Klima: Beobachtung und Interpretation

Von Hans-J. Dammschneider

Theoretisches Vorspiel

In den Geowissenschaften sind Erfahrungen (Beobachtungen und Daten) aus der erdgeschichtlichen Vergangenheit ein wichtiger Schlüssel für die Interpretation dynamischer Prozesse und Abläufe der Gegenwart.

Aktuelle Werte ´verlängern´ die bereits vorhandenen Informationsketten und sorgen dafür, dass unser Erkenntnisgewinn zunehmend präziser wird. Aber ohne länger zurückreichende GEO-Informationen sind nahezu alle ´neuen´ Werte tatsächlich weit weniger aussagefähig als gedacht … das kurzfristige ´hier und jetzt´ ist oftmals von geringerer Bedeutung als die lange Geschichte davor.

Dies gilt nicht zuletzt für die Klimawissenschaften, die ja begrifflich vor allem auch die „Geschichte“ des Wetters bearbeiten … unter Hinzufügung der IST-Werte des Heute und unter Beachtung, dass erst mindestens 30 Jahre ´Wetter´ einen sinnvollen Eindruck vom physikalisch-atmosphärischen Geschehen ermöglichen, welches die Lufttemperaturen (in Deutschland u.a.) oder ´unseren´ Niederschlag (z.B. im Bereich des Landes Niedersachsen o.ä.) bestimmen.  Erst nach min. 30 Jahren gewinnen wir einen Eindruck vom „Klima“ einer Region und das auch nur dann, wenn, wie gesagt, wir die Vergangenheit davor auch wirklich in unser Denken einbeziehen.

Die Festlegung eines längeren Zeitraums zur Definition von Klima ist sinnvoll und wird auch so gehandhabt,  seit wir uns über Veränderungen bzw. Entwicklungen von meteorologischen Parametern überhaupt Gedanken machen. So wusste man schon vor über 100 Jahren, dass ´Klima´ sich immer wieder verändert … das beste Beispiel sind die Eiszeiten. Und den gestandenen Klimaforschern des 20.Jahrhunderts wie BLÜTHGEN, FLOHN, KÖPPEN, LAMB u.a. war klar, dass es auch in kürzeren Perioden den Wandel gibt … sogenannte Zyklizitäten sind nicht die Ausnahme sondern die Regel im langfristigen Wettergeschehen.

Mit der Entwicklung der komplexeren Numerik, die seit Mitte der 70er Jahre des 20.sten Jahrhunderts startete, wurde es aber möglich, sich quasi über „altes Wissen“ auch mal hinwegzusetzen und die sogenannte Intelligenz (?) der Computer zu nutzen, um auf statistischem Wege Trends sogar aus kürzeren Zeitreihen zu erkennen … man meinte, aus dem IST ganz leicht in die Zukunft schauen zu können. Mit einem Mal war nicht mehr unbedingt die nachhaltige Natur ´massgebend´, sondern vielfach bereits der schnelltaktende PC mit seinen Algorithmen.

Wenn dann bei Erörterungen festgestellt wurde (so geschehen Mitte der 80er Jahre im Beisein des Verfassers), dass für einen bestimmten Ort der Computer aber etwas anderes errechnet hatte als der Mensch es (am ebendort befindlichen und präzise eingestellten Messinstrument) in der Natur konkret abgelesen hatte … dann war nicht das numerische (Simulations-)Modell Schuld, sondern der Standort des Messgerätes falsch gewählt!?

In diesem Schema ´sozialisiert´, änderte sich schleichend (aber durchaus nachhaltig) das Denken sehr vieler Meteorologen. Nur bei den Meteorologen? Nein, sondern zwangsweise auch in der Klimatologie. Während bis Ende der 70er Jahre noch weitgehend die Geografen für´s Klima zuständig waren, zogen ab dieser Zeit die Meteorologen das Thema mehr und mehr an sich. Der Verfasser weiss wovon er schreibt, er war dabei als nicht zuletzt das Max-Planck-Institut für Meteorologie (MPI, Hamburg), verstärkt unter der Leitung von H. Grassl, führend voranging. Ein Grossrechner mit (für damalige Zeiten) enormer Rechenleistung wurde im MPI angeschafft, um die Wetterprognostik zu verbessern.

Unglücklich war nur, dass selbst solche riesigen (wahrlich ´Kaventzmann´ schweren) Computer es dann doch noch nicht wirklich schafften, das Wetter von morgen „vorherzusagen“. Jedenfalls konnten die Computerschränke das praktisch und zunächst nicht besser als es dem gestandenen Wetterpraktiker ebenso (oder sogar noch immer genauer) gelang. Frust war angesagt, Beschaffungskosten wurden hinterfragt.

Aber es gab eine Lösung zur Gesichtswahrung: Von diesem Moment an rechneten die Grosscomputer nämlich auch aus, wie das Klima sich entwickelte! Diese Statistik konnten die elektronischen Kalkulatoren natürlich deutlich besser als alle Mitarbeiter der Institute zusammen genommen. Denn selbige brachten bis dahin Klimadatenreihen noch zu Fuss (Synonym) zu Papier (tatsächlich). Die Computer rechneten schneller und sie rechneten umfangreicher.

So kam das Klima mehrheitlich in die Hände der physikalisch-quantitativ-mathematischen Meteorologen, und dies geschah ein wenig auch auf jene Weise, mit der die sprichwörtliche Jungfrau zum Kinde kommt. Apropos Kind: Ein klassisches Kind dieser Zeit ist Prof. Mojib Latif, der als Student ab 1976 sich mit den neuen Maschinen im Hamburger Geomatikum beschäftigte … er rechnete sozusagen an vorderster Front Klimadaten aus (bei seiner Dissertation 1987 handelte es sich dementsprechend konsequent um Modelltheoretische Untersuchungen).

Man muss sich erinnern, mit welcher Begeisterung die neue Ära der computergestützten Prognostik aufgenommen wurde. Man hatte wenig Zweifel und viel Enthusiasmus. Das ärgerliche daran ist (rückblickend betrachtet) ja auch nicht, dass man nun die wirklich umfangreichen Daten aus aller Welt (!) neu sortieren konnte, sondern, dass die ART DES DENKENS und der UMGANG MIT DEN DATEN sich massiv änderte: Vorher war den Geografen stets bewusst, dass neben einem dynamisch-qualitativen Ansatz gleichwertig das Gestern/die Erd-Geschichte ebenso untrennbar zum Klima gehört. Nun aber putzten die Maschinen in Sekundenschnelle aktuelle Daten ´weg wie nichts´ und erschufen, analog zum Zauberlehrling, ständig (wie zügig) neue Bilder … und benötigten dafür nicht zwingend das archivierte ´alte´ Datenmaterial!? Hier und jetzt lief der RambaZamba; was schert uns die Zeit vor dem letzten ersten; warum an 30 Jahre Wetter (= Klima) denken, wenn es doch auch schwarz auf weiss mit den Zahlen zwischen 1980 und 1990 möglich ist einen „Wandel“ zu berechnen. Ja, der Verfasser weiss es, das ist auch Sarkasmus … .

Dem einen oder anderen ist es aber natürlich schon aufgefallen, dass die (damals) jungen Leute wie Mojib Latif vielleicht über´s Ziel hinausschossen. Die geradezu wahnwitzige Zunahme an Leistung verführte zunehmend auch zu gewagteren Prognosen … Elektrizität war noch günstig zu haben (J), die Rechenzeiten waren zwar lang, aber eben doch erschwinglich.

Und mit einem Male war auch der Mensch mit seinem potentiellen Einfluss auf das Klima eine Möglichkeit, die man rechnerisch einbeziehen konnte! Während bis dahin der anthropogene Ausstoss von CO2 zwar bekannt aber im wahrsten Sinne des Wortes ziemlich unberechenbar war, so stieg dieser Faktor in den numerischen Modellen in ungeahnter Weise zu ungeahnten Höhen auf.

Mit dem Wissen, dass das CO2 man made zunahm und gleichzeitig das Klima in immer kürzeren Zeitabschnitten kalkulierbar wurde, stieg wohl auch die Politik auf diese neue Sichtweise ein … es war nicht zuletzt der Beginn der ´Grünen´, die sich dieses Bewusstseins annahmen und es dann als ´Mittel zum Zweck´ einsetzten. Mit dem IPCC wurde dies auf globaler Ebene nun (fast) vollendet.

Klimawandel ist auch eine Frage der Entwicklung der Mittelwerte, abnehmende Temperaturen über längere Zeiträume von hunderten von Jahren … und wir steuern vielleicht auf eine neue Eiszeit zu. Steigende Temperaturen über einen Zeitraum von mal gerade einem Jahrhundert … und wir befürchten eine „Heisszeit“ (Prof.  Schellnhuber, PIK)?! Steigende Wasserstände an der Nordseeküste, die früher per Deichbau beherrschbar blieben … und wir haben Angst vor einer neuen Sintflut, während in anderen Gebieten der Erde gleichzeitig der Meeresspiegel absinkt und sich die Menschen dort Sorge um ihren Zugang zum Meer machen?

Fakt ist: Wir beobachten viele Dinge sehr genau und wissen dennoch nicht, was daraus einmal werden wird. Denn wir Menschen können leider nicht Hellsehen. Die „moderne“ Klimatologie jedoch besitzt nun Mittel und Wege, doch noch in die Zukunft zu blicken … numerische Modelle sagen das Kommende sozusagen voraus?

Es gilt allerdings auch eine alte Erfahrung: Wer sich zu sehr auf die reine Mathematik fokussiert, der kann peu á peu den Kontakt zur realen Lebewelt verlieren … und muss scheitern? Das ist für viele meteorologisch-klimatische Zahlenfreunde ein grausiger Gedanke („ich soll hinausgehen in die Unbilden von Sturm und Regen?“) und sie lehnen ihn daher ab. Nur, allein ein einziger Blick auf die aktuelle Klima-Prognostik zeigt uns, dass eine reine Numerik nun wirklich keine Lösung sein kann. Denn erst die interpretierende Gesamtschau liefert Einsichten, die zunächst und ohne Frage zwar subjektiv sind, aber deren Subjektivität eben auch einer Erfahrung entstammt, die man nur aus der Gesamtheit ALLER denkbaren Elemente gewinnen kann.

Wir kommen ganz am Ende dieses Textes auf die intersubjektive Nachprüfbarkeit der Wissenschaft zurück.

Die Numerik kennt, man mag es nicht glauben, am Ende doch nur relativ wenige Grössen, die „rechenbar“ sind … Temperaturen kann man mathematisch fassen, Wolken bis heute nur in Form einer Parametrisierung. Wir Menschen jedoch können mehr als die Maschine, wir „denken“! KI mag zukünftig den Modellen helfen, aber noch ist es nicht soweit.

Was man ´früher´ gerade auch in der geografiegestützten Denk- und Arbeitsweise zur Klimatologie sehr genau wusste: Nicht zuletzt der Vergleich verschiedener Standorte und die Suche nach Verlaufsübereinstimmungen verschiedener Parameterveränderungen gibt Ideen, welche Einflüsse insgesamt zusammenkommen müssen, um Geo-Dynamik zu entwickeln. Der kombinierende Blick ist wichtig, die mehr isolierende Mathematik ist eher ein Knecht in der (irgendwann durchaus notwendigen) Vertiefung, als dass sie bereits ein ´Leit´-Werk auf dem Weg zur Systemerkenntnis sein kann. Meint: Wer zum Beispiel nur auf die Temperaturen schaut, ohne parallel sich die Veränderungen der Wolken und der Sonnenscheindauer anzusehen … spielt seine Fähigkeiten nicht einmal ansatzweise aus. Wer also (wieder ein Beispiel, aber eines auf das wir gleich noch zurückkommen) neben den Winddaten in Deutschland nicht auch einen Blick auf die klimatisch-langfristigen-zyklischen Vorgänge in weiterer Distanz wirft (nehmen wir den Grossraum des Atlantiks), der versäumt es, seine Möglichkeiten wirklich effektiv zu nutzen. Nicht nur an der Küste weiss man es: Vom Atlantik (aus dem Westen) kommt das Wetter. Wenn von Westen aber „Wetter“ kommt … dann ist dort auch ein wichtiges Kapitel für´s Klima in Europa aufgeschlagen. Atlantische Zyklen bestimmen den Zusammenhalt der ´Physik der Atmosphäre´ mit … und lenken unser Klima in Europa!

Konkrete Betrachtung

Schauen wir uns mal ein Beispiel an, das in der herrschenden (stark numerisch geprägten) Klimawissenschaft (wie es aussieht) anders beurteilt wird, als es der erfahrene Geowissenschaftler aus seiner historischen Gesamtschau heraus tut. Nehmen wir aus der Fülle der sich anbietenden Möglichkeiten nur erst einmal den Wind im Oberharz, hier anhand der DWD-Station in BRAUNLAGE.

Die gängige und aktuell ´zulässige´ Interpretation ist, dass (natürlich und auch hier) die Windstärken fluktuieren, aber insgesamt nur ein leichter mittlerer Anstieg der Windgeschwindigkeiten zu beobachten ist. Nicht mehr und nicht weniger? Die Zunahme ist dann zwar tatsächlich nicht signifikant, aber sie passt wiederum und durchaus ins narrative Bild vom Klimawandel.

Abb. 1 : Windstärken am Standort BRAUNLAGE (Oberharz) mit linearer Steigung, Daten des DWD zwischen 1976 und 2016

Allerdings fällt doch auf, dass von 1978 bis 2008 zunächst tendenziell ein stärkerer Anstieg der Windstärken stattfindet, der ab 2008 dann aber wieder zurückfällt. Ein gerechnetes Polynom bestätigt diese Sicht: Einem relativen Minimum in der ersten Hälfte der 80er Jahre folgt ein relatives Maximum zu Beginn des 21.Jahrhunderts.

Abb. 2 :  Windstärken am Standort BRAUNLAGE (Oberharz) mit Polynom, Daten des DWD zwischen 1976 und 2016

Eine ´Einfassung´ der mit dem Polynom erkannten Tendenzen (grün gestrichelte Linien) gibt an, mit welcher Steigung die Zunahme der Windgeschwindigkeiten überschlägig erfolgte:

Abb. 3 : Windstärken am Standort BRAUNLAGE (Oberharz) mit begrenzender Steigung, Daten des DWD zwischen 1976 und

               2016

Diese ´einfassenden´ Steigungen sind aber nicht nur bei den Windgeschwindigkeiten in Braunlage/Oberharz erkennbar, sondern sind nahezu gleichartig auch bei einem an einem gänzlich anderen Ort/Gebiet stattfindenden Phänomen zu sehen, nämlich der Atlantischen Multidekaden Oszillation (AMO):

Abb. 4 : Verlauf der AMO (Atlantische Mulidekaden Oszillation) nach Daten der NOAA

Das mag zunächst verblüffen, bekommt aber seinen Sinn, wenn man weiss, dass der Einfluss der AMO (als thermische Zyklizität der atlantischen Wasseroberflächentemperaturen) bis nach Europa Einfluss auf´s Klima nimmt. Primär ist das Phänomen bekannt für die Beziehung zwischen der AMO und den europäischen Lufttemperaturen (siehe LÜDECKE et al 2020).

Trotzdem wird eine derart enge Beziehung, und das gerade auch für die Windgeschwindigkeiten, bisher nicht offen diskutiert. Letztlich verwundert das wiederum auch nicht so sehr, wenn man sich die Korrelationen zwischen der AMO und den hier gezeigten Windgeschwindigkeiten anschaut: Ein PEARSON-Wert von -0,05 ist praktisch Null … mit solchen Werten gibt sich ein Klimatologe heute nicht mehr ab, das ist keine Korrelation die man verfolgen müsste. Oder auch sarkastisch gesagt: Wo statistisch null steht, da ist kein weiteres Nachdenken notwendig.

Allerdings, siehe oben, lässt sich ein Bezug offenbar doch nicht wirklich ausschliessen … zu eng ist die grafische Darstellung der Veränderungen der Windgeschwindigkeiten mit dem Verlauf der AMO korrespondierend als dass man das Ganze mit dem Argument ´Zufall´ abtun könnte.

Abb. 5 : Windstärken am Standort BRAUNLAGE (Oberharz) mit Polynom und Verlauf der AMO-Zyklizität, Daten des DWD und der NOAA zwischen 1976 und 2016

In den vorstehenden Grafiken wurde der Zeitraum zunächst bewusst verkürzt auf die Jahre nach 1976. Warum das? Die folgende Grafik (Abb. 6) zeigt es: Aufgrund einer, nennen wir es mal Anomalie im Zeitraum 1972-1975 ist die der AMO analoge ´Schwingung´ der Windstärken nicht durchgehend erkennbar. DASS sie allerdings auch vor den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts offensichtlich ähnlich vorhanden war, zeigt die Abbildung 6 durchaus: Hier sind Begrenzungen der Steigung, jenen der Zeit zwischen 1978 und 2008 ähnlich, erkennbar und die AMO bestätigt ihre Zyklizität natürlich ohnehin.

Abb. 6 : Windstärken am Standort BRAUNLAGE (Oberharz) mit Polynom und Verlauf der AMO-Zyklizität, Daten des DWD und der NOAA zwischen 1946 und 2016

Das Phänomen ist bisher aber nicht wirklich aktenkundig? Wir haben die Windgeschwindigkeiten und ihre Entwicklung über die Zeit gesehen. Betrachten wir noch einen anderen, ganz wichtigen Faktor des Klimas, die Sonnenscheindauer. Die Veränderungen der oberen ´Begrenzung´ der Sonnenscheindauer in BRAUNLAGE ist (intuitiv betrachtet, aber noch nicht gerechnet) durchaus ähnlich jener der zuvor aufgezeigten Windgeschwindigkeiten. Den Laien mag das verwundern, aber fachlich betrachtet besitzt diese tendenzielle Übereinstimmung durchaus Logik. Denn „Wind“ ist, grob gesagt, nicht zuletzt das Produkt von Temperaturgegensätzen/-unterschieden im Raum … zwischen kühleren und wärmeren Bereichen der Erdoberfläche stellen sich immer Ausgleichströmungen ein, was vulgo Wind genannt wird. Zwar ist die Dauer des Sonnenscheins bereits eine Sache der Astronomie (Stellung der Erdachse: Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter) aber auch der Intensität/der Dichte der Wolkenbedeckung. Sonne ist Klima und hängt dabei von mehreren Parametern des „Wetters“ ab … .

Abb. 7 : Sonnenscheindauer am Standort BRAUNLAGE (Oberharz) mit linearem Trend. Daten des DWD

Wir vertiefen das Thema ein wenig und schauen uns ergänzend auch den Grossraum „Sachsen-Anhalt“ an. Braunlage gehört zwar verwaltungstechnisch zu Niedersachsen, meteorologisch jedoch eher zu diesem östlicheren Bundesland. In Sachsen-Anhalt haben wir eine Zeitreihe der Sonnenscheindauer, die in unserer Grafik (Abb. 8) mit den 50er Jahren beginnt. Wir rechnen nun hier, da es fast 70 Jahre und somit zulässig ist, ein Polynom ein: In sehr überzeugender Weise ergibt sich eine lange Schwingung mit einer ½-Periode von rd. 30 Jahren (volle Periode siehe Abb. 9).

Das hatten wir doch schon einmal?! In der Tat verläuft diese angedeutete Zyklizität wiederum ziemlich genau in Übereinstimmung mit der AMO … ein Schelm, wer Böses dabei denkt?

Abb. 8 : Sonnenscheindauer Bundesland Sachsen-Anhalt mit linearem Trend und Polynom, Daten des DWD

Weiten wir daher unseren Blick noch ein Stück weiter gen Osten bis nach Potsdam, wo es eine lange Zeitreihe der Sonnenscheindauer gibt und zeichnen hier nun konkret die AMO-Kurve direkt in die Grafik ein. Ein Kommentar scheint eher nicht notwendig zu sein.

Abb. 9 :  Sonnenscheindauer Station Potsdam mit Polynom und AMO-Zyklizität, Daten des DWD

Die Sonnenscheindauer, der Verfasser hat es schon angedeutet, hängt natürlich von mehreren Elementen ab, zu denen auch die Strahlung (der Sonne) gehört.

Die nachfolgend in den Grafiken der Abb. 10 aufgetragenen Strahlungswerte stammen von der amerikanischen NASA. Als „all sky insolation“ berücksichtigen sie auch die Wolkenbedeckung: Wo keine Wolken, da viel Strahlung (die zur Erdoberfläche durchdringt); wo viele Wolken, da wenig Strahlung die zur Verfügung steht.

Wir sehen, dass die uns bereits bekannte Kurve auch in den Strahlungswerten erkennbar ist. Wobei es lohnt, dies differenzierter zu betrachten: Die Aussage gilt nämlich nur für die Ganzjahreswerte! Für das Winterhalbjahr liegt über den Gesamtzeitraum eine ziemlich eindeutige Abnahme der Strahlung vor. Nun gibt es leider vor 1979 noch keine Satelliten-Daten, eine „Zyklizität“ zu erkennen ist also rückblickend nicht möglich … warten wir ein paar Jahre, dann wissen wir mehr.

Abb. 10 : Strahlung („all sky insolation“) im Bereich des Ortes ZORGE (Oberharz) zwischen 1984 und 2020, ganzjährig (oben) und im Winterzeitraum (unten), Daten der NASA

Nun ist die Strahlung in Zeiten der deutschen Energiewende keine so eben mal beiseite zu schiebende Grösse: Solarenergie ist ein politisch gewolltes und damit ernst zu nehmendes Thema geworden. Nur, man sollte es wissen, die in Deutschland anfallenden und quasi erntefähigen Strahlungsmengen sind … veränderlich. Nur leider nicht ´nur so´ veränderlich, sondern offenbar auch zyklisch veränderlich. Wie man überschlägig in Abb. 10 sehen kann, besteht bereits zwischen Mitte der 80er Jahre des 20.sten Jahrhunderts und den Jahren zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein deutlicher quantitativer Unterschied, sprich im Mittel im Harz (hier der Ort ZORGE, Südharz) einer Einstrahlung von rd. +0,25 kwh/m2/Tag. Das war eine Zunahme um mehr als 9%. Es ist allerdings sichtbar, dass entsprechend der o.a. Grafiken (zur Veränderlichkeit der Sonnenscheindauer siehe Abb. 8 und 9) die Sache zukünftig auch in die andere Richtung gehen kann: Dann hätten wir durchaus eine Verringerung der solartechnisch „nutzbaren“ Einstrahlung um den zuvor schon überschlägig errechneten Wert zu erwarten.

Das mag wenig erscheinen: Aber, wer aus ´überschüssigem´ Solarstrom per Elektrolyse zum Beispiel Wasserstoff gewinnen will, der sollte dies für den ökonomischen Vorgang, der sich „Wirtschaftlichkeitsberechnung“ nennt, im Hinterkopf behalten.

Kommen wir, fast sei gesagt der Vollständigkeit halber, auch noch kurz auf die Niederschläge im Harz/in Braunlage. Machen wir es kurz und stellen fest, dass auch hier eine gewisse Zyklizität anzunehmen wohl naheliegt … . Wobei es ein zukünftiger Trend sein könnte, der zumindest touristisch positiv wäre: Weniger Regen, mehr Freude am Wanderurlaub im Harz! Und sollte der Sonnenschein dann leider und tatsächlich auch eher geringer werden … für das Naturerlebnis im Harz ist das kein wirklicher Ausschlussgrund.

Abb. 11 : Niederschlag am Standort BRAUNLAGE (Oberharz) mit AMO. Daten des DWD und der NOAA

Fazit

Wissenschaft beruht auf sogenannter intersubjektiver Nachprüfbarkeit. Das heisst zunächst: Wissenschaft stellt nicht unbedingt immer ´objektive´ Wahrheiten fest. Und schon gar keine ´für immer´ … „science is settled“ ist grober Unfug. Einen Anspruch auf Wahrheit kann Wissenschaft allein deshalb nicht haben, weil Wissenschaft immer nur der Versuch der Annäherung, d.h. der ´Approximation´ an reale Erkenntnis ist.  So sind alle vorstehenden Grafiken und Darstellungen zu verstehen.

Hinzu kommt, was ´wahr´ ist, muss noch lange nicht für jeden „sichtbar“ sein. Und selbst eine ´Erkennbarkeit von Strukturen´ ist noch lange keine Garantie dafür, ein System auch in seinen dynamischen Zusammenhängen verstehen (!) zu können. Dennoch unterstellen die numerischen Modelle, dass die einfliessenden Parameter nicht nur weitestgehend ´wahr´ sind sondern auch, dass die Algorithmen bereits so gut sind, dass sie geodynamische Prozesse korrekt simulieren.

Zahlen und Werte, die wir mit der verfügbaren aktuellen Technik aus der Natur gewinnen (siehe oben), tragen nur zur Beschreibung einer scheinbaren Realität bei. Denn zum ersten wissen wir nicht, ob es bereits ´alle´ Faktoren sind, die wir erfasst haben („einen Baum umarmen um ihn zu erfassen“) und zum weiteren können wir keinesfalls wissen, wie weit diese Zahlen einer wie auch immer gearteten ´Wahrheit´ überhaupt nahe kommen, denn es gibt daneben auch sehr viel noch kaum ´fassbares´. Darüber/dafür existieren oftmals noch gar keine richtigen ´Bilder´ … der Verfasser verweist in diesem Sinne auf einen Text von L. LAURENZ unter https://kaltesonne.de/signifikanter-einfluss-der-sonnenaktivitaet-auf-die-wintertemperatur-in-der-polarnacht-von-skandinavien/ .

„Daher kann es, anders als zum Beispiel die Klimabewegung uns glauben machen will, auch keine ´wissenschaftlichen Gewissheiten´ oder den Zwang geben, irgendeinen tatsächlichen oder vermeintlichen wissenschaftlichen Konsens akzeptieren zu müssen und diesen nicht mehr hinterfragen zu dürfen. Versuch und Irrtum sind Werkzeuge der Wissenschaft. Ein anderes ist die Nachvollziehbarkeit für Dritte. Zwei Forscher sichten die gleichen Daten und kommen zum gleichen Ergebnis. Das Ergebnis der Wissenschaft ist in diesem Sinne nachprüfbar, nicht objektiv, sondern durch zwei oder mehr Subjekte mit subjektiver Sicht auf das gleiche Phänomen. Das nennt man intersubjektive Nachprüfbarkeit“ (M. KRALL 2021).

Nur, selbst wenn zwei subjektive Betrachtungen eine intersubjektive Realität zu ermitteln meinen, muss es noch lange nicht ´wahr´ sein. Was sehen wir in den Klimaaufzeichnungen von BRAUNLAGE im Harz? Was erkennen wir in den Modellrechnungen der mathematischen Klimatologie?

Wissenschaft kann kompliziert sein … und sie ist es auch!

Dr. Hans-J. Dammschneider
Institut für Hydrographie, Geoökologie und Klimawissenschaften (IFHGK) , Schweiz