Der Tag, an dem die Grundlast verschwand

Dieser Tag lässt sich Dank Twitter sehr genau herausfinden. Es war der 1. April 2019. Nutzer des sozialen Netzwerks Twitter konnten dem damaligen Bundesumweltministerium Fragen stellen. Nun kann man geteilter Meinung darüber sein, ob so ein Tag wirklich geeignet ist, sich mit ernsten Themen zu beschäftigen. Zu groß ist die Gefahr, dass es hinterher heißt: April April! Aber, in diesem Fall gehen wir zunächst mal von Ernsthaftigkeit aus. Folgende Frage kam per Twitter rein.

“Welche Energieform soll nach der Abschaltung der Kohle- und Kernkraftwerke die Grundlast sichern bzw. diese Kraftwerke ersetzen?”

Die Antwort des Ministeriums lautete:

“Grundlast wird es im klassischen Sinne nicht mehr geben. Wir werden ein System von Erneuerbaren, Speichern, intelligenten Netzen und Lastmanagement haben.”

Der Wiesenhof-Reaktor von Annalena Baerbock war noch nicht erfunden, daher fehlen hier die Tiefkühlhähnchen als Speicher in der Aufzählung. Physik kennt kein Parteibuch. Trotzdem kommt bei solchen Antworten eine gewisse Beklommenheit auf, von was für Politikern ein hochindustrielles Land wie Deutschland regiert wurde und wird. 3 Jahre später ist die Grundlast natürlich nicht weg und Gas und Kohle liefern, wenn die Erneuerbaren es nicht machen, weil kein Wind weht oder die Sonne nicht scheint. Sie sichern so die Grundlast. Speicher gibt es nur in Statements im TV aber nicht in der Realität und Netze können immer nur so intelligent sein wie die Menschen, die es erschaffen haben. Es sind keine selbstständigen Lebewesen. Aber, der Trost ist ein anderer: Das war möglicherweise doch nur ein Aprilscherz. Der wurde danach nur leider nie aufgeklärt.

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Scheibchenweise zur Laufzeitverlängerung. Nachdem wir bereits den Chef der Bundesnetzagentur zitiert haben, der sich aus der Deckung traute, kommen jetzt neue Töne aus dem Wirtschaftsministerium. Laut Spiegel deutet alles darauf hin, dass die Laufzeit der drei verbliebenen Kernkraftwerke verlängert wird.

“Anfang des Monats hat der Bund bei den drei Betreibern RWE, EnBWund E.on abgefragt, wie lange die noch vorhandenen Brennstäbe weiter Strom produzieren können. RWE meldete nach SPIEGEL-Informationen, dass ein sogenannter Streckbetrieb des AKW in Lingen mit rund 70 Prozent Leistung bis April möglich wäre, gleiches gilt für Neckarwestheim. Für das bayerische AKW Isar 2 sollen die Brennstäbe bis Juni reichen. Was das Wirtschaftsministerium nicht bei den Betreibern abgefragt hat, ist, ob sie neue Brennstäbe besorgen können und wie lange das dauert.”

Eigentlich hat Habeck doch alle Trümpfe in der Hand. Er kann es seinen Anhängern als Versäumnis der Vergangenheit verkaufen und außerdem die Schuld nach Frankreich weitergeben. Vermutlich werden diese Argumente in dieser Form bei seiner Erklärung so kommen.

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Biosprit aus Weizenstroh. Wissenschaftler der TU Darmstadt haben ein Verfahren dazu entwickelt:

“In der CO2-Versuchshalle der Technischen Universität wurde dazu eine ein Megawatt (thermisch) leistende Pilotanlage errichtet. Wissenschaftler und Ingenieure des Instituts für Energiesysteme und Energietechnik untersuchten hier bisher verschiedene thermische Wirbelschichtverfahren.

Nun wurde damit die gesamte Prozesskette von der rohen Biomasse, eben Weizenstroh, bis hin zum fertigen Biokraftstoffe, einem biogenen Ottokraftstoff, dargestellt. Die Forschungen fanden im Horizon-2020-Forschungsprojekt CLARA (Chemical Looping Gasification for Sustainable Production of Biofuels) statt.

Genutzt wurde dazu eine neuartige Vergaser-Technologie, die den erforderlichen Sauerstoff durch die zyklische Reduktion und Oxidation eines ungiftigen Metalloxids bereitstellt. Zudem ermöglicht die Technologie eine effiziente Abtrennung des Kohlendioxids. Damit weist die gesamte Prozesskette einen negativen CO2-Fußabdruck auf.”

Vor diesem Hintergrund erscheint das Aus für den Verbrennungsmotor in einem anderen Licht.

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Korea will seine Emissionsziele erreichen und setzt dabei auf Kernenergie. Bloomberg berichtet über den Weg, der deutlich vom deutschen Weg abweicht. Vielleicht will Korea ein Industrieland bleiben?

“Renewable energy should account for 21.5% of generation capacity by the end of the decade, according to a draft of the nation’s long-term power supply plan, down from 30.2% under the previous version, the energy ministry said Tuesday in a statement, citing a government advisory group. Most of the gap would be met by nuclear while coal and gas are little changed from the prior proposal.”

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Zu warm und zu trocken, so bilanziert der Deutsche Wetterdienst DWD den Sommer 2022. Der DWD rechnet immer noch mit der Vergleichsperiode 1961-1990 und bringt in den Überschriften, die Abweichungen zu diesem Wert.

“Temperaturplus von 2,9 Grad im Vergleich zum vieljährigen Mittel. Der Temperaturdurchschnitt lag im Sommer 2022 nach vorläufigen Berechnungen des DWD mit 19,2 Grad Celsius (°C) um 2,9 Grad über dem Wert der international gültigen Referenzperiode 1961 bis 1990. Im Vergleich zur aktuellen und wärmeren Vergleichsperiode 1991 bis 2020 betrug die Abweichung +1,6 Grad. Damit gehört der Sommer 2022 zu den vier wärmsten in Deutschland seit 1881. „Spitzenreiter“ bleibt 2003 mit 19,7 °C.

Aus dem Stand brachte bereits der Juni den Sommer auf Hochtouren, wurde im Juli zum Dauerläufer und blieb das auch im August. Hamburg-Neuwiedenthal meldete am 20.7. mit 40,1 °C die deutschlandweit höchste Temperatur. Jener Tag brachte in der Norddeutschen Tiefebene viele neue Rekorde. Klirrend kühl war es dagegen in Gilserberg-Moischeid, 25 km nordöstlich von Marburg, wo am 2.6. mit 1,1 °C der Sommertiefstwert festgehalten wurde.”

Der Sommer war in vielen Teilen Deutschlands deutlich zu trocken.

“In diesem Sommer fielen mit rund 145 Litern pro Quadratmeter (l/m²) knapp 40 Prozent weniger Niederschlag als im Mittel der Referenzperiode 1961 bis 1990 mit 239 l/m². In der seit 1881 bestehenden Zeitreihe des DWD war der Sommer damit der 6.trockenste. Am trockensten bleibt der Sommer 1911 mit nur 124 l/m² gewesen. Auch im Vergleich zur Referenzperiode 1991 bis 2020 betrug die Abweichung 2022 minus 40 Prozent. Das Saarland, Rheinland-Pfalz und Hessen meldeten eine historische Sommerdürre. An den Alpen fielen währenddessen über 500 l/m². Dort wurde in Wertach-Bichel im Allgäu am 19.8. mit 114,2 l/m² auch der höchste Tagesniederschlag des Sommers erhoben.”

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Der Club of Rome veröffentlichte 1972 seine Prognose zur Entwicklung der Erde und der Menschheit. Die Grenzen des Wachstums ist seitdem ein etablierter Begriff. Was ist aus den Prognosen seinerzeit geworden? Die NZZ hatte schon im März 2022 einen Artikel dazu. Er zeigt auf, wo und warum die Autoren irrten.

“Was bleibt von den «Grenzen des Wachstums»? Das Schwinden der natürlichen Reserven ist heute selbst bei Wachstumskritikern kein Thema mehr. Im Vordergrund steht eher das Zuviel an Rohstoffverbrauch und daraus folgend etwa die übermässige Erzeugung von Treibhausgasen. Auch in der Klimadebatte gilt indessen, was die Ökonomen bereits an Meadows bemängelt hatten: Es fehlt an Verständnis für die Wirkung des Preismechanismus.

Würde im Rahmen der Klimapolitik das ausgestossene CO2 konsequent mit einem Preis versehen, würden Anreize geschaffen, um die zur Lösung des Klimaproblems nötigen Massnahmen und Technologien zu entwickeln – ganz so wie die in der Vergangenheit entwickelten Massnahmen und Technologien, die verhinderten, dass die Rohstoffreserven zur Neige gingen.”

Aktuell gibt es wieder Prognosen vom Club of Rome. Der Stern berichtet darüber und ist sehr nachsichtig mit den Fehlannahmen von 1972.

“Fünf Jahrzehnte später haben sich nicht alle Prognosen im Detail bewahrheitet und wiederholt ist Kritik am methodischen Vorgehen der Club-of-Rome-Studien geäußert worden. Dennoch fühlt sich 2022 für viele Menschen auf der Welt so an, wie es der Experten-Zusammenschluss für das laufende Jahrhundert vor Jahrzehnten erwartet hat. In dieser Situation hat der Club of Rome gemeinsam mit einer Forschergruppe am Dienstag einen neuen Report vorgelegt. Dieser liefert einen „Survivalguide für unseren Planeten“, so der Titel, ausgefertigt von der unter anderem vom CoR ins Leben gerufenen Initiative „Earth 4 All“. Einen zentralen Tipp für das Überleben des Planeten formulierte Co-Autor Johan Rockström: „Tatsächlich ist vieles möglich, nur eines nicht: Business as usual.„”

Prognosen bis zum Jahr 2100 haben den Charme, dass die Ersteller sie nicht mehr überprüfen können. Das werden nachfolgende Generationen machen.

“Würden die nötigen Veränderungen nicht angestoßen, droht laut den Autoren ein Szenario, bei dem sich die Erde bis 2100 um rund 2,5 Grad erwärmen würde, die ärmeren Länder „extremsten Bedingungen“ ausgesetzt wären und der Wohlstand bis Mitte des Jahrhunderts weltweit „um durchschnittlich 40 Prozent gegenüber den 2020er-Jahren“ sänke.

Dass ihre Forderungen anspruchsvoll sind, ist auch den Autoren des Reports bewusst. „‚Der Earth 4 All‘-Bericht zeigt, dass nichts weniger als eine rasche globale Wende bei Energie, Ernährung und Gerechtigkeit erforderlich ist, um eine Chance auf eine sichere und erfolgreiche Zukunft für die Menschen auf einem stabilen Planeten innerhalb der planetaren Grenzen zu haben“, formulierte Rockström in einer Mitteilung des PIK. Doch in der Klimakrise vorzutäuschen, dass business as usual eine Möglichkeit sei, würde letztlich nur zum Zusammenbruch der Wirtschaft führen.”

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Humboldt-Uni Berlin:

Trockenwälder der Tropen weltweit immer stärker bedroht

Bisher umfassendste globale Studie zum Entwaldungsprozess von Trockenwäldern in Nature Sustainability veröffentlicht

Tropische Trockenwälder sind einzigartige Ökosysteme, die jedoch weltweit zunehmend bedroht sind. Mit Hilfe eines neuen Ansatzes zur Beschreibung von Entwaldungsprozessen auf Basis von Satellitenbildern fand ein internationales Forscher:innen-Team heraus, dass seit 2000 mehr als 71 Millionen Hektar tropischer Trockenwälder verloren gegangen sind — insbesondere in Südamerika und Asien. Die bisher umfassendste globale Bewertung der Entwaldungsprozesse in den Trockenwäldern der Welt zeigt: Ein Drittel der verbleibenden Trockenwälder ist bedroht, da diese in Regionen liegen, in denen die Abholzung besonders rasch voranschreitet. In Afrika sind Trockenwälder zwar noch vergleichsweise intakt, jedoch fanden die Forscher:innen auch dort viele Regionen, in denen Rodungsprozesse kürzlich begonnen haben. Die Ergebnisse ihrer Studie veröffentlichten die Forscher:innen des Geographischen Instituts der Humboldt-Universität zu Berlin und des Earth and Life Institute der belgischen Université Catholique de Louvain nun in der Fachzeitschrift Nature Sustainability.

Unter Verwendung von hochauflösenden Datensätzen zum Waldverlust während des Zeitraums von 2000 bis 2020 analysierte das Team die räumlichen und zeitlichen Muster der Entwaldung tropischer Trockenwälder auf einer Fläche von mehr als 18 Millionen Quadratkilometern. „Die wichtigste Innovation unserer Studie besteht darin, dass wir eine Methodik entwickelt haben, die den Entwaldungsprozess detailliert beschreibt“, erklärt Tobias Kümmerle, Professor am Geographischen Institut der Humboldt-Universität. „Wir können nun beispielsweise viel besser erkennen und kartieren, wo sich die Entwaldung beschleunigt oder verlangsamt, ob sie zu fragmentierten Landschaften führt oder ob Wälder ganz verloren gehen.“

Hotspots der Entwaldung in Südamerika und Asien

Die Ergebnisse sind alarmierend. Seit dem Jahr 2000 wurden mehr als 71 Millionen Hektar Trockenwald vernichtet, eine Fläche, die etwa zweimal so groß ist wie Deutschland. Viele Hotspots der Entwaldung konzentrieren sich in Südamerika, etwa im Gran Chaco in Argentinien, Paraguay und Bolivien oder in der Cerrado-Region in Brasilien, sowie in Asien, etwa in den Trockenwäldern von Kambodscha, Laos und Vietnam. „Besorgniserregend ist auch, dass wir feststellen mussten, dass ein Drittel aller verbleibenden Trockenwälder in Gebieten liegt, in denen bereits Abholzung stattfindet“, betont Matthias Baumann, einer der Mitautoren der Studie. „Wir werden viele dieser einzigartigen Wälder in naher Zukunft verlieren, wenn wir sie nicht besser schützen.“

Ein großer Teil der Abholzung geschieht durch die Ausbreitung der industriellen Landwirtschaft. „Überraschenderweise fanden wir heraus, dass 55 Prozent der Trockenwaldregionen, in denen Abholzungsprozesse erst kürzlich begonnen haben, in Afrika zu finden sind“, betont Patrick Meyfroidt, ein weiterer Mitautor der Studie, und fügt hinzu: „Wir können davon ausgehen, dass sich die landwirtschaftliche Expansion dort in Zukunft stark beschleunigen wird, da viele globale Produzenten ein Auge auf diese Regionen geworfen haben. Wenn wir Afrikas Trockenwälder und Savannen schützen wollen, ist es jetzt an der Zeit zu handeln.“

Trockenwälder ebenso stark bedroht wie Regenwälder

Die Zerstörung der einzigartigen Wälder der Tropen ist ein Hauptgrund für das weltweite Artensterben, führt zu Kohlenstoffemissionen, fördert die Ausbreitung von Krankheitserregern und bedroht die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen. Trotzdem werden Trockenwälder und Savannen von Wissenschaft und Politik oft vernachlässigt und stehen im Schatten ihrer Nachbarn, den Regenwaldgebieten wie dem Amazonas. „Das ist problematisch“, sagt Ana Buchadas, Wissenschaftlerin am Geographischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin, „denn Trockenwälder sind wirklich außergewöhnlich und in vielen Teilen der Welt ebenso stark bedroht wie Regenwälder.“

Eine bessere Überwachung des Zustandes von Trockenwäldern und Rodungsprozessen sowie eine vorausschauende Landnutzungsplanung sind dringend notwendig, so die Autor:innen. „Unsere Arbeit ermöglicht es erstmalig, Regionen mit ähnlichen Entwaldungsprozessen über Kontinente hinweg zu identifizieren. Dies kann ein guter Ausgangspunkt sein, um Planungsinstrumente zu entwickeln, die besser an lokalen Bedingungen angepasst sind“, betont Ana Buchadas. Den Forscher:innen zufolge können solche Gemeinsamkeiten auch besser genutzt werden, um aus der Vergangenheit zu lernen, beispielsweise aus Erfahrungen in Südamerika, wo viele Trockenwälder stark gerodet wurden, für Afrika, wo diese Prozesse gerade erst beginnen.

Paper: Buchadas et al. 2022.