Der größte Feind der Franklin-Expedition: Die Kleine Eiszeit

Das Thema „Erforschung der Polregionen der Erde“ ist gerade wieder aktuell. Das zeigen nicht nur spektakuläre Expeditionen wie die MOSAIC-Expedition 2019. Forscher entdeckten kürzlich die Endurance, das Schiff von Südpol-Forscher Ernest Shackleton, wie der Spiegel berichtet. Die Endurance war 1915 im antarktischen Weddellmeer gesunken. Der Forscher und seine Besatzung konnten sich seinerzeit retten. Einige wagemutige Forscher wie er haben der Wissenschaft zum Teil erhebliche Erkenntnisgewinne gebracht. Ihre Leistung kann man gar nicht genug würdigen.

Leider ganz anders erging es den Teilnehmern der Franklin-Expedition 1845. Keiner überlebte die Suche nach der Nordwestpassage, und erst später lüftete sich das Geheimnis um das Scheitern der Expedition. Ein Grund für dieses tragische Ende war wohl das Metall Blei. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Konservendosen mit Blei zugelötet. Franklin nahm zwar reichlich Proviant mit, aber der war zum Teil in Dosen mitgeführt worden. Die Mitglieder der Expedition aßen also regelmäßig auch Blei. Die wenigen Dokumente, die damals in Metallröhren in markanten eigens errichteten Landschaftspunkten (z. B. Steinpyramiden) abgelegt wurden, deuten darauf hin, dass das Blei das Denken der Mannschaft beeinträchtigt hatte. Sie notierten teilweise wirre Dinge auf den Formularen. Auch ist das Verhalten von Teilen der Mannschaft, die offenbar zu den bereits aufgegebenen Schiffen zurückkehrten, nicht erklärbar. Möglicherweise hatte das Blei hier einen Einfluss.

Viel schlimmer allerdings war das Klima zu Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Forscher aufbrach, um den Seeweg von Europa über Amerika nach Asien zu finden. Franklin hatte natürlich geplant, in der Arktis zu überwintern, um dann im kurzen arktischen Sommer die Route zum Pazifik zu finden. Allerdings schmolz das Eis nicht wie erwartet, sondern wuchs entgegen der Hoffnung der Arktis-Forscher sogar im Sommer. Das führte dazu, dass die Schiffe selbst im Sommer nicht weiterkamen, im Gegenteil, sie drifteten mit dem Eis in Richtung Süden, also entgegen dem eigentlichen Ziel.

1845 wurden für den britischen Sommer sehr kühle Temperaturen notiert. Etwa 2 Grad kühler als gewöhnlich war es nach diesen Aufzeichnungen. Die Winter 1846 und 1847 waren demnach sogar noch kälter in England. Der Sommer 1845 muss zudem sehr nass gewesen sein. Es war das Jahr, in dem die Kartoffelfäule die Ernte in Irland vernichtete, was zu einer Hungersnot führte. Das Ende der Franklin-Expedition war dramatisch, weil vieles darauf hindeutet, dass in der Not sogar Kannibalismus betrieben wurde. Einen guten Überblick über die Ereignisse und die Entdeckung der Schiffe gibt eine Sendung von TerraX oder auch der Podcast Früher war mehr Verbrechen. Dort wird die Expedition und das Scheitern in einer dreiteiligen Sendung sehr ausführlich beschrieben.

(Abbildung: Screenshot ZDF-Mediathek)

Franklins Unglück war sein Timing. Die Expedition fand zu einem Zeitpunkt statt, der zu den kältesten der letzten 2.000 Jahren zählen dürfte. Vor kurzem haben wir hier über die Forschung von Professor Jørgen Peder Steffensen vom Niels-Bohr-Institut in Dänemark berichtet. Grundlage seiner Forschung waren grönländische Eisbohrkerne, die sehr lange Zeiträume abbilden können. In solchen Kernen sind die Temperaturen Jahr für Jahr ablesbar. Steffensen geht sogar davon aus, dass das Ende der Kleinen Eiszeit auch das Ende der kältesten Periode der letzten 10.000 Jahre war.

(Abbildung: Screenshot Facebook)

Der Forscher interpretiert seine Eisbohrkerne zudem so, dass er annimmt, auf Grönland herrschten in der Mittelalterlichen Warmzeit (um das Jahr 1000) Temperaturen, die bis zu 1,5 Grad über den heutigen Werten gelegen haben. Seine Temperaturkurve sieht demnach deutlich anders als der “Hockeystick” von Michael Mann aus dem Jahr 1999, nämlich eher wie eine Ziehharmonika. Aber um das Jahr 1000 war laut Steffensen die Temperatur in Grönland anders als es sich bei Mann liest. Die Eisbohrkernkurve kommt von einem viel höheren Niveau. Bedenken sollte man allerdings, dass Mann die gesamte nördliche Hemisphäre meinte, während Steffensen lediglich von Grönland ausgeht, welches nur ein Teil davon ist.

Es wäre allerdings ungewöhnlich, wenn sich Grönland komplett anders entwickelt hätte als der Rest der nördlichen Hemisphäre. Vielleicht sind aber auch einfach die vielen qualitativ schlecht überprüften Baumringdaten von Mann ein Hauptproblem? Ein großer Unterschied in den Kurven fällt allerdings schon auf. Bei Mann fällt die Kurve zum Ende der kleinen Eiszeit nur moderat nach unten. Zu Beginn des Jahres 1000 bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts bleibt sie im Gegensatz zu den Eisbohrkernkurven recht stabil mit nur einem leichten Abwärtstrend.

Bei Steffensen geht es nach dem Jahr 1000 deutlich nach unten mit einem sichtbaren Tiefpunkt zu Mitte des 19. Jahrhunderts. Auch die Größe der Anomalie ist sehr unterschiedlich. Sind es bei Mann gerade einmal um die 0,3 Grad Celsius, so sind es bei Steffensen ca. 1,5 Grad, die es zwischen dem Jahr 1000 und der Mitte des 19. Jahrhundert kühler wurde. Das wäre ein Faktor von 5! Die Steffensen-Kurve passt eindeutig besser zu den tragischen Ereignissen rund um die Franklin-Expedition.

(Abbildung: Screenshot Wikipedia). Quelle: DeWikiManNordhemispheric temperatures of the last millenium, based upon Mann, Bradley, Hughes (1999)CC BY-SA 4.0

Heute markiert die Mitte des 19. Jahrhundert nicht nur das Ende der Kleinen Eiszeit, es ist auch der Beginn der Industrialisierung der Welt und der Start der systematischen Wetteraufzeichnungen. Die gab es zwar auch schon weit vorher, Daniel Fahrenheit erfand das Quecksilberthermometer schon 1714, aber die Aufzeichnung von Wetterdaten wurde im 19. Jahrhundert deutlich relevanter und das Messnetz wurde breiter. Die Gründe waren übrigens auch Kriege, man wollte sich nicht mehr überraschen lassen. Bei einem heftigen Sturm während des Krimkriegs 1854 sanken z. B. 38 französische Handelsschiffe und ein Kriegsschiff. Das war die Geburtsstunde des nationalen Sturmwarndienstes und wenn man so will der modernen Meteorologie. Wir sollten dieses Ende der Kleinen Eiszeit immer dann im Auge behalten, wenn Aussagen zu der Temperaturentwicklung der letzten 150 Jahre gemacht werden. Diese starteten, wie Steffensen sagt, an einem sehr niedrigen Punkt.