Hamburger Großkraftwerk Moorburg wird stillgelegt – nach 5 Jahren Betrieb

Die von der Bundesnetzagentur bekanntgegebene Entscheidung, wonach das Kohlekraftwerk Moorburg nach 5 -jährigem Betrieb durch den Betreiber Vattenfall im Juli 2021 die Stromproduktion einstellt, wird die Stromversorgung Norddeutschlands ein grosses  Stück unsicherer machen. Denn am 31.12. 2021 wird auch das Kernkraftwerk Brokdorf auf Grund des Kernenergieausstiegsgesetzes stillgelegt.

Danach gibt es kein Grosskraftwerk mehr in Hamburg und Schleswig-Holstein, dass die starken Schwankungen von Wind-und Sonnenergie ausgleichen könnte. Das war der wesentliche Grund des Baus des 1600 MW großen Kraftwerks Moorburg, wie der seinerzeitige Erste Bürgermeister   Olaf Scholz in der bemerkenswerten Einweihungsrede ausgeführt hat:

„Das Prosperieren einer Industriegesellschaft hängt überall sehr wesentlich davon ab, ob es ihr gelingt, die benötigte Energie zu erzeugen oder zu beschaffen und sie verfügbar zu halten. Und zwar so, dass sie erstens: versorgungssicher, zweitens: wirtschaftlich, drittens: nachhaltig umweltverträglich den Unternehmen und den Verbrauchern zur Verfügung steht…Auch und vor allem hat Hamburg viele stromintensive Großverbraucher und die Stadt ist stolz, sie am Standort zu haben. Sie kann und will nicht auf sie verzichten. Ob Stahl, Kupfer und Aluminium, aber auch Flugzeugbau oder Wissenschaftsbetriebe wie das Deutsche Elektronen-Synchrotron, DESY, sie alle hätten es ohne eine verlässliche und preisgünstige Stromversorgung schwer am Standort Hamburg…Wir werden auch zukünftig effiziente Kraftwerke brauchen, die Strom preisgünstig, zuverlässig und mit hohem Ausnutzungsgrad dessen, was wir aus der Erde herausfördern, zur Verfügung stellen können.“

Ab Ende 2021 hängt das Schicksal der hamburgischen Stromversorgung an fünf Hochspannungsleitungen in den Westen, Osten und Süden Deutschlands. Hamburgs Industrie verbraucht allein jährlich die unglaubliche große Menge an 11 Millionen Megawattstunden Strom. Der Krug geht solange zu Wasser bis er bricht.

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Deutschland, zukünftig ein lukrativer Exportmarkt für Strom? Der November 2020 wird nicht als ein windstarker Monat in die Geschichte eingehen. Zwei Phasen mit schwachem Wind hatte dieser Herbstmonat zu bieten. Sie sind im Chart von Agora rot umrandet.

Wir hoffen, dass die Expertin Claudia Kemfert doch noch ihr Wissen in Sachen Speicher preisgibt. Auf ARTE erklärte sie nämlich in einem Interview, diese Technologien stehen längst bereit. Die Ökonomin wird sicherlich längst gerechnet haben, wie viele Speicher der Bauart wie der australische Hornsdale Power Reserve man für Deutschland benötigen würde, um solche Phasen über Tage auszugleichen, sollten keine Kapazitäten anderweitig zur Verfügung stehen. Kleiner Tipp: Es kommt eine gewaltige Summe dabei heraus, ganz abgesehen davon, dass es eine Aufgabe wäre, die Rohstoffe dafür zu besorgen. Aber, vielleicht ist das Rechnen auch gar nicht die Stärke der Ökonomin? In der Sendung DAS (verfügbar bis 15.02.2021) beim NDR Fernsehen verblüfft sie mit einer kreativen Mathematik in Sachen Wasserstoff:

„Auf dem Weg von der Produktion bis zur Nutzung verliert man bis zu 80% der Energie, sprich ich müsste achtmal so viel Windanlagen hinstellen….“

Nun, 80% Verlust bedeuten, dass nur 20% ankommen, von 100%, die man reinsteckt. Richtig wäre hier der Faktor 5, wenn man wieder auf 100% beim Endprodukt kommen will. Kann man wissen oder sollte man auch, weil es eigentlich Basics sind. Über Wirkungsgradverluste bei der Wasserstoffherstellung mit Strom gibt es verschiedene Berechnungen, ob sie tatsächlich bei 80% liegen, das steht nicht fest. Beim Dresdner Hersteller Sunfire geht man von einem Wirkungsgrad von 60% aus, 40% gehen also verloren oder wie Claudia Kemfert rechnen würde, man muss viermal so viele Windanlagen hinstellen….

Sie erklärte auch, dass die grünen Energien in der Lage wären, den Energiebedarf in Deutschland zu decken. Blickt man nur auf die Stromerzeugung, so zeigt die Realität (siehe Agora-Chart), dass das nicht möglich ist. 140 GW Nennleistung bei Wind und Strom sehen auf dem Papier gut aus, die Wirklichkeit spricht eine andere Sprache. Und vom Ersatz von Primärenergie sprechen wir hier noch gar nicht.

Bei unseren Nachbarn in den Niederlanden ist die Diskussion eine andere. Das dicht besiedelte Land hat schlicht kaum Platz für Windkraftanlagen oder freistehende Solarflächen. Daher wird dort mit Kernenergie geplant. Mit erstaunlichem Zuspruch in der Bevölkerung. Das gilt auch für Osteuropa. Vielleicht versprechen sich unsere Nachbarländer auch einfach nur ein gutes Geschäft mit zukünftigen Stromexporten nach Deutschland?

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Seit der Entstehung der Fridays For Future Bewegung (FFF) begleitet die Kalte Sonne diese kritisch. Nun erreicht uns ein Schreiben mit einem Interview von Carla Reemtsma. Es ist hier zu finden. Es stammt von der Seite Faces of Democracy. Wir danken dem Absender.

„Liebe Carla, bei uns dreht sich logischerweise alles um Demokratie, daher unsere erste Frage an Dich: Was bedeuten Demokratie und demokratische Werte für Dich ganz persönlich?

Carla Reemtsma: Demokratie bedeutet für mich die Gleichberechtigung aller Bürgerinnen und Bürger. Demokratie bedeutet, dass jeder Mensch die Freiheit hat, so zu leben, wie sie oder er es möchte. Sie ermöglicht die Teilhabe aller an sämtlichen Formen des gesellschaftlichen Lebens. Für mich sind gleiche Rechte, Chancen und Zugänge das Wichtigste in einer Demokratie.“

IN EINEM INTERVIEW SAGTEST DU: „KOMPROMISSE FUNKTIONIEREN IN DER KLIMAKRISE NICHT.“ KÖNNEN DEMOKRATIEN DEN KLIMAWANDEL DANN ÜBERHAUPT EFFEKTIV BEWÄLTIGEN ODER SIND AUTORITÄRE REGIME HIER IM VORTEIL?

Carla Reemtsma: Das Zitat muss im Kontext betrachtet werden. Das Pariser Klimaabkommen und somit die Einigung auf das 1,5-Grad-Ziel ist ja bereits ein Kompromiss. Ein gigantischer Kompromiss der Menschheit mit sich selber. Es ist ein Kompromiss zwischen den Verursacherländern im globalen Norden und den Ländern im globalen Süden – also denjenigen, die unter den Folgen der Klimakrise leiden. Schlussendlich ist es ein Kompromiss, der über nichts geringeres als unsere Lebensgrundlage entscheidet. Was wir nicht machen dürfen – und darauf bezog sich mein Zitat aus Ihrer Frage – ist, mit dem Pariser Klimaabkommen selbst wieder Kompromisse einzugehen. So nach dem Motto: Wir würden doch lieber ein Ziel von 3 Grad Erwärmung anstreben, 1,5 Grad waren festgeschrieben, machen wir halt 2 Grad daraus. Das darf nicht passieren. Fridays for Future ist demokratisch, wir denken und handeln demokratisch – das gilt ebenso für mich persönlich!

Autoritäre Regime sind aber keine Option, um die Klimakrise zu bekämpfen. Für Klimaschutz brauchen wir intakte Demokratien. Fridays for Future ist demokratisch, wir denken und handeln demokratisch – das gilt ebenso für mich persönlich. Die USA unter Donald Trump aber auch Brasilien unter Jair Bolsonaro sind gute Beispiele dafür, dass populistische und autoritär regierende Regime im Zweifelsfall den Klimaschutz als allererstes abschreiben. Deswegen: Wir brauchen Demokratien, wir brauchen Zivilgesellschaft. Wir brauchen das Demonstrationsrecht und die Möglichkeit des Protests – damit unsere Forderungen nach Klimagerechtigkeit gehört werden können.“

Diese Aussagen lassen uns ratlos zurück. Kompromisse funktionieren nicht in der Klimakrise und dann im nächsten Satz: Das Pariser Abkommen ist ein Kompromiss. Aha, was denn nun? Funktionieren die jetzt oder nicht? Oder meint sie das Aufweichen eines Kompromisses? Auf den Kern des Abkommens geht die Aktivistin nicht ein und der ist, dass das Abkommen einigen Staaten explizit erlaubt erst in 10 Jahren die eigenen Emissionen zurückzufahren. Wenn das Abkommen ein Kompromiss war, dann war es möglicherweise ein fauler.

Da braucht man auch wenig aufzuweichen im Sinne eines Kompromisses. Die Emissionen werden steigen, weil das Abkommen es so erlaubt. Prügel bekommt allerdings derjenige, der greifbar ist. Aus Ländern wie China oder Indien hört man nicht sehr viel von Klimabewegten. Wir nehmen der jungen Dame das Statement und die demokratische Gesinnung natürlich ab, es trifft aber nicht die Kritik an der Bewegung.  Diese besteht aus 2 Hauptpunkten.

1. Wie sind die internen demokratischen Prozesse bei FFF? Man liest so wenig über Wahlen. Wer kann eigentlich Sprecher der Bewegung werden? Oder kann das jeder, der sich dafür hält? Vermutlich nicht, weil man sehr häufig die gleichen Gesichter in den Medien sieht. Die lose Struktur mag verlockend klingen, aber sie ist von außen betrachtet wenig transparent und damit möglicherweise auch nicht demokratisch. So sehr Carla Reemtsma hier auch versucht, Zweifel zu zerstreuen. Wer konkret hat sie oder auch Luisa Neubauer legitimiert für die FFF Bewegung zu sprechen?

2. Wie sieht es um das Verständnis von Demokratie in einer Gesellschaft aus? Oft genug liest man gerade von FFF Anhängern, dass sie einen Systemwechsel wollen, diesen dann aber sehr selten präzise erklären. Sogar Grüne wie Robert Habeck schwärmen von Ländern, in denen sich Dinge sehr schnell umsetzen lassen. Meinte er gar China? Ob Systemwechsel nun eine Demokratie oder eine andere Form der Bürgerbeteiligung meint oder gar ganz andere Systeme wird bewusst offen gelassen. Oder meint es den Wechsel hin zu einem anderen Wirtschaftssystem von dem es in der Welt zwei in verschiedenen Spielarten gibt: Die Marktwirtschaft und die Planwirtschaft. Nicht genaues weiß man nicht und solange diese internen wie externen Ansichten so wenig transparent sind, wird es auch immer Zweifel an der der Loyalität zur Demokratie geben. Bei Rufen nach unkonkreten Systemwechsel ohnehin.

Carla Reemtsma kaufen wir die demokratische Grundhaltung durchaus ab, wenn Teile der FFF Bewegung sich allerdings anders bzw. unklar äußern, dann lässt das Platz für Interpretationen. Auf dem Klimaticket reisen momentan halt sehr viele Gruppen mit. Passieren dann aber Straftaten wie kürzlich im Danneröder Wald, oder werden Dritte durch Aktionen gefährdet, ist das Recht auf Demonstration und Protest verwirkt. Auch das gehört zu den Spielregeln einer Demokratie. Der Zweck heiligt nicht jedes Mittel – auch nicht in einer Demokratie.

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Gleich zwei Tagesschau Meldungen: In Den Haag beginnt ein Prozess gegen Shell. Der Konzern soll gerichtlich gezwungen werden, seine CO2 Emissionen bis 2030 zu senken. Dem Autor des Artikels, Jürgen Döschner, merkt man die Freude beim Verfassen regelrecht an, weil solche Prozesse ARD Produktionen wie Ökozid nochmal rechtfertigen. Zum entsprechenden Artikel geht es hier lang.

Die Umweltagentur EEA meldet, dass die EU auf Kurs in Sachen Klimaziele ist. Bei zwei von drei Zielen liegt man im Plan. Von 1990 bis 2019 gingen die Treibhausgas-Emissionen um 24% zurück. 2020 ist bei diesen Zahlen noch nicht berücksichtigt. Weiterlesen hier.

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Brasiliens Urwald schrumpft dramatisch weiter. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet davon, dass so schnell abgeholzt wird, wie seit 12 Jahren nicht mehr. Wir erinnern in diesem Zusammenhang noch einmal an die Idee von Professor Hans-Werner Sinn, die EU sollte den brasilianischen Wald kaufen. Das klingt zunächst vielleicht verrückt, aber die Kohlenstoffsenken, die Jahr für Jahr verloren gehen, sind immens. Der Vortrag von Herrn Sinn ist auch ein Jahr später immer noch sehenswert. Einen Artikel dazu kann man hier finden.

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22 Windvorranggebiete in Ostthüringen genehmigt. So titelt der MDR. Davon befinden sich 784 Hektar in Waldgebieten. Zwar wird nicht diese Fläche komplett abgeholzt aber wegen Bau von Zuwegung und der Fläche für die Fundamente beträchtlich Teile davon. Zum Vergleich, beim Danneröder Wald geht es um weniger als 30 Hektar, die weichen sollen. Für den Wald in Thüringen werden sich aber vermutlich keine Aktivisten auf Baumhäuser begeben oder sich von Autobahnen abseilen. Über gute Bäume und schlechte Bäume haben wir bereits berichtet. Erstaunlicherweise bringt die CDU gerade eine Änderung des Waldgesetzes in das Parlament ein und nicht die Parteien, die sich das Klima auf die Fahnen geschrieben haben.