Bundesnetzagentur: Noch nie war Netzstabilisierung so teuer wie heute

Der 3. Mai ist der Tag der Pressefreiheit. Deutschland rutscht nach Angaben von Reporter ohne Grenzen im weltweiten Ranking ab. Wie die Tagesschau berichtet, sind Gewalt gegen Journalisten, weniger Vielfalt und Probleme beim Quellenschutz ein Grund dafür.

Vor diesem Hintergrund verwundert ein Tweet von Özden Terli, Meteorologe beim ZDF, dann doch etwas. Die Welt veröffentlicht einen Meinungsartikel (Bezahlartikel), dieser ist auch so gekennzeichnet, von Björn Lomborg. Terli scheint das nicht zu gefallen. Er spricht von krassem Versagen der Redaktion bzw. vom Chef vom Dienst. Ob Terli den Artikel, der hinter einer Bezahlschranke steht, überhaupt gelesen hat? Inhaltliche Kritik an dem Meinungsartikel von Lomborg fehlt jedenfalls.

Es erinnert etwas an eine Aussage des YouTubers Rezo: Es gibt nur eine legitime Meinung. Müßig zu erwähnen, dass Rezo seine eigene Meinung meinte. Cancel Culture entwickelt sich offenbar stetig weiter. Wir haben seit dem Sommer 2021 einige Artikel zu dem Thema gehabt.

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Die Bundesnetzagentur gibt einen Bericht heraus mit dem sperrigen Titel: “Feststellung des Bedarfs an Netzreserve für den Winter 2022/2023 sowie den Betrachtungszeitraum April 2023 bis März 2024”. Dieser Bericht (pdf hier) hat es aber in sich. In ihm sind die Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Stromnetze aufgelistet im Zeitraum 01.10.2021 – 22.04.2022 verzeichnet. Es waren noch nie so viele Maßnahmen nötig wie in diesem Zeitraum und die Kosten dafür waren auch noch nie so hoch.

Die Netzbetreiber Amprion und Tennet sehen in ihren Netzen die Gefahr von Spannungsproblemen. Zitat von Seite 47 des Berichts:

“Amprion teilt für diese Betrachtung die Regelzone in vier Regionen auf und differenziert den Bedarf entsprechend. Im Emsland können kritische Spannungen in Zeiten hoher Leistungstransite durch Windeinspeisung auftreten. Im östlichen Ruhrgebiet und Ostwestfalen wird eine Verbesserung der Spannungshaltung durch den Phasenschieberbetrieb von Westfalen E erwartet, dessen Inbetriebnahme für Mai 2022 geplant ist. Allerdings besteht hier noch keine Redundanz, sodass beim Ausfall des Phasenschiebers Spannungsprobleme zu erwarten sind. Im Rheinland kann der deutlich reduzierte Einsatz von Braunkohlekraftwerken sowohl zu hohen als auch zu niedrigen kritischen Spannungen führen. Im südlichen Teil des Amprion-Netzgebiets (Saarland/Rheinland Pfalz/Bayerisch Schwaben) kann es zu Überspannungen kommen.”

“In weiten Teilen Netzgebietes der Tennet besteht ein Defizit an spannungssenkender, -hebender und regelbarer Kompensation. Eine Ausnahme bildet diesbezüglich lediglich die Küstenregion mit ausreichenden Kompensationspotenzialen aus den Onshore-Konvertern der Offshore-HGÜ. Die betrieblichen Maßnahmen im südlichen Niedersachsen sind bereits ausgereizt und erfordernden Einsatz des Kraftwerk Heyden 4. Im Raum Hanau ist das Kraftwerk Staudinger 4 für die Spannungshaltung unerlässlich und daher mit einem hohen Risiko bewertet, da kritische Spannungszustände in der Region eine Redundanz zu Staudinger 5 erfordern.”

Sicherlich nur ein Zufall, dass die Innenministerin Faeser gerade zum Anlegen von Notvorräten rät. Der Bericht der Bundesnetzagentur kann hierabgerufen werden.

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TV-Tipp: Noch bis zum 02.05.2023 ist der ARD die Dokumentation: ”Das Energie-Dilemma” verfügbar. Die Sendung ist wie ein Frage- und Antwortspiel gestaltet. Die Antworten gibt Wirtschaftsminister Habeck. Der kann an einigen Stellen offenbar nicht über seinen eigenen Schatten springen, wie etwa bei der Verlängerung der Laufzeiten der noch verbliebenen Kernkraftwerke. Jedes Kilowatt zählt, das propagiert Habeck sonst gern, bei der Kompensation von Gas durch Kernenergie bei der Stromproduktion gilt das allerdings nicht für ihn. Es ist also nach Habeck besser, die Raumtemperatur zu senken als Gaskraftwerke zu entlasten.

(Abbildung: Screenshot ARD-Mediathek)

Es scheint ansonsten einen absoluten Expertenmangel in dem Bereich zu geben, das könnte erklären, warum Claudia Kemfert sehr oft im Bild zu sehen ist, um eigentlich die immergleiche Botschaft zu verkünden: Es wird alles gut, wir müssen nur viel mehr Erneuerbare Energien haben. Ob sie den Bericht der Bundesnetzagentur (siehe oben) kennt?

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Wenn man überlegt, dass die Erneuerbaren Energien in den Rang der nationalen Sicherheit erhoben wurden (in erster Linie, um Bauvorhaben ohne Gegenwehr zu beschleunigen) dann muten die Cyberangriffe auf Windkraftanlagen schon eigenartig an. Belange von nationaler Sicherheit werden offensichtlich zu wenig geschützt, wie Golem berichtet.

“Mitte April traf es dann die Deutsche Windtechnik AG, die auf die Wartung von Windkraftanlagen spezialisiert ist. Auch hier handelte es sich um einen Ransomwareangriff, wie eine Unternehmenssprecherin Golem.de bestätigte. Auch eine Woche später war das Unternehmen dabei, das operative Geschäft schrittweise wiederherzustellen. „Wir brauchen hohe IT-Sicherheitsstandards“, sagte Matthias Brandt, Geschäftsführer der Deutschen Windtechnik, dem Wall Street Journal (Paywall). Die wachsende Erneuerbare-Energien-Branche werde ein größeres Ziel für Hacker. „Die Krise in Russland und der Ukraine zeigt uns, dass die erneuerbaren Energien in Zukunft Öl und Gas ersetzen werden“, sagte Brandt. Eine Untersuchung, ob auch hier die Conti-Ransomware zum Einsatz kam, läuft laut Brandt noch. Wie bei Nordex habe der Angriff auf die Deutsche Windtechnik interne Systeme betroffen, nicht aber die industriellen Systeme, die die Turbinen steuerten, erklärte Brandt.”

Ganzen Artikel bei Golem lesen.

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Wie realistisch ist der Plan, zukünftig grün hergestellten Wasserstoff in das Erdgasnetz einzuspeisen, bzw. den Anteil zu erhöhen? Frank Urbansky ist dieser Frage nachgegangen, zu lesen ist sein Artikel bei Springer Professional (Auszug):

“Parallel zu den Überprüfungen der verbauten Technik liefen die technischen Planungen und der Aufbau der Wasserstoffbeimischanlage. Diese soll Ende 2021 in Betrieb gehen. Damit beginnt im nächsten Projektabschnitt die Beimischphase. Die Einspeisung von Wasserstoff ist über die zwei Heizperioden 2021/22 und 2022/23 in Stufen von 10, 15 und 20 Prozent Wasserstoffbeimischung geplant.

Dennoch bleibt eine Zielrichtung dieser Tests – die Wärmeversorgung in privaten Haushalten – fragwürdig. Diese verbrauchen derzeit 250 Terawattstunden (TWh) Erdgas jährlich. Soll der beigemischte Wasserstoff grün sein, muss er aus regenerativen Wellen hergestellt werden. Nimmt man alle erneuerbaren Energien für die Stromversorgung in Deutschland derzeit zusammen, könnten damit 230 TWh jährlich erzeugt werden (Angaben: AGEB).

Legt man hier einen 70-prozentigen Wirkungsgrad der Elektrolyse zugrunde, käme man auf 160 TWh, also etwa zwei Drittel des Gesamtbedarfs. Dann bliebe aber keinerlei erneuerbarer Strom mehr für die direkte Nutzung übrig. Auch Importe von grünem Wasserstoff werden an dieser Situation nichts ändern. Denn sie bleiben – bei weiterhin vielen ungeklärten Fragen – auf Dauer kostspielig und würden im sozial wichtigen Wärmemarkt für Verwerfungen sorgen.”

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Thematisch passt dazu ein Artikel zum Thema Wasserstoff bei Chemietechnik.de. Besonders die Kostenschätzungen sind hier sehr aufschlussreich:

“Weil Wirtschaftsunternehmen aber kaum aus altruistischen Motiven zu signifikanten Investitionen bereit sind, hängt die künftige Entwicklung der Wasserstoffwirtschaft wesentlich an der Entwicklung der Kosten für erneuerbar erzeugten Strom, den Aufwendungen für die Elektrolyse und den Transport des Wasserstoffs. Hierzu wartet eine McKinsey-Studie vom Januar 2021 mit interessanten Details auf: Basierend auf der vom Hydrogen Council angenommenen ehrgeizigen Entwicklung der Wasserstoffwirtschaft soll die globale Elektrolyseleistung bis 2030 auf 90 GW steigen. Skaleneffekten könnten demnach die Kosten für grünen Strom, für die Elektrolyse und den Transport drücken, sodass grüner Wasserstoff bis 2030 nur noch 1,4 bis 2,3 USD/kg kosten würde. Aktuell ist grüner Wasserstoff in Westeuropa mit 6 bis 7 USD/kg bepreist und damit dreimal so teuer als konventioneller grauer Wasserstoff. Die optimistischen Projektionen der aktuellen Studie zugrunde gelegt, könnte grüner Wasserstoff je nach Region zwischen 2028 und 2034 das Preisniveau von grauem Wasserstoff erreichen. Andere Studien sind hier jedoch nicht so optimistisch.

Allerdings hat der Russland-Konflikt der Wirtschaftlichkeit von grünem Wasserstoff neuen Auftrieb verliehen: Zahlen von Bloomberg New Energy Finance berichtet, ist grüner Wasstoff teilweise bereits heute in Europa, Afrika und dem Mittleren Osten günstiger als grauer Wasserstoff, der aus Erdgas gewonnen wird. Demnach kostet das klimafreundliche Gas dort zwischen 4,8 bis 6,7 US-Dollar pro Kilogramm, während Wasserstoff aus Erdgas 6,7 USD/kg kostet.

Ganzen Artikel bei Chemietechnik.de lesen.

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Als wären die enormen Temperaturen in Indien und Pakistan nicht schon verheerend genug. Nun wird mit Oberflächentemperaturen gearbeitet, was aber nicht vergleichbar ist. Wie gut, dass es Meteorologen gibt, die auf Twitter auf dieses Detail eingehen. Tatsächlich haben die Böden in Indien Temperaturen von bis zu 60 Grad Celsius, in 2 Meter Höhe, und das ist die Messgröße, können es aber und gern 10 Grad Celsius weniger sein. Das ist immer noch extrem und stellt die Länder vor große Herausforderungen.