Axel Bojanowski: Mission Impossible Teil 2

Ein E-Mail Streit auf verschiedenen Niveaus, wie sie unterschiedlicher kaum sein können, stellte die Printausgabe der ZEIT am 3.1.2020 vor. Der Titel lautet: „Wie viel Panik darf’s denn sein?“ Dabei geht es um die Klimadebatte.

Auf der einen Seite ein Wissenschaftler, nämlich Axel Bojanowski,  Chefredakteur von Bild der Wissenschaft und Natur, seit 25 Jahren im Klimabereich tätig und auf der anderen Seite Mario Sixtus, der laut Wikipedia die Schule ohne Abschluss verlassen und auch keine Berufsausbildung hat, also ein Autodidakt ist. Die ZEIT nennt ihn einen Journalisten. Den Autor und Filmemacher Mario Sixtus (Eigendarstellung auf Twitter) kann man zu jenen Linken in diesem Land zählen, die im digitalen Dauerempörungsmodus sind – insbesondere auf Twitter.

130.000 Menschen folgen ihm dort, wer allerdings Pech hat, der kann nichts von seinen Tweets lesen. Das Blocken von Twitter Accounts zählt zum Markenkern von Mario Sixtus. Und das betrifft auch Accounts, die nie etwas mit ihm zu tun hatten. In den Sixtus-Kreisen zirkulieren Blocklisten von Twitteraccounts, die man schon mal vorsorglich blockt, egal ob es einen Grund gibt oder nicht. Perfekte Voraussetzungen, um niemals mit anderen Meinungen in Berührung zu kommen.

Seine Streitlust hat ihm im Sommer 2019 aber auch eine Unterlassungserklärung durch den Meteorologen Jörg Kachelmann eingebracht, der diese süffisant auf Twitter verbreitete. Immerhin 915 Menschen war das ein Like auf Twitter wert.

Axel Bojanowski hat dagegen hat gerade einmal 6.000 Follower bei Twitter, was auch daran liegen könnte, dass er eher unaufgeregt und nüchtern sachlich auf Twitter unterwegs ist. Die Zahl der Follower soll aber weder in dem einen noch in dem anderen Fall in irgendeiner Art und Weise ein Qualitätsmerkmal sein. Sie zeigt vielmehr, dass jemand mit permanenter digitaler Erregung offenbar mehr Menschen erreicht als jemand, der es sachlich liebt.

Vielleicht war diese Diskrepanz auch der Grund, warum die ZEIT ausgerechnet diese beiden Protagonisten zu einem E-Mail-Streitgespräch eingeladen hat. Warum auch immer, Mario Sixtus scheint den Axel Bojanowski Artikel zur Homogenisierung der Klima-Berichterstattung in Vorbereitung den Disput nicht gelesen oder nicht verstanden zu haben. Beides wäre fatal.

Und so startet das Gespräch auch gleich mit dem ersten Clash. Während Axel Bojanowski wissenschaftsfernen Medien-Alarmismus beklagt, der u. a. auch ein Grund für die Schülerdemos ist, feuert Mario Sixtus seine erste Verbalgranate ab und wirft dem Wissenschaftler vor, in einer Wahrnehmungsblase zu leben. Wie gesagt, das sagt derjenige, der mit großen Twitterblocklisten arbeitet. Der erste absurde Tiefpunkt des Gesprächs.

Der nächste Tiefpunkt folgt aber sogleich. Axel Bojanowski kritisiert sowohl rechte als auch linke Sichtweisen in der Klimadebatte und auch die Politisierung der Debatte insgesamt. Er wünscht sich außerdem einen Journalismus, der korrekt informiert. Autodidakt Mario Sixtus hält dagegen und kommt mit dem CO2 Budget, welches sich weder Greta noch die Grünen ausgedacht haben. Es war die Wissenschaft, jedenfalls diejenige, die ihm genehm ist.

Vermutlich hat sich Axel Bojanowski da das zweite Mal an den Kopf gefasst, denn genau diese Budgets werden und wurden etliche Male sogar vom IPCC nachjustiert und zwar nach oben. Man könnte auch sagen, die Wissenschaft ist sich nicht im Klaren über die Budgets. Es sind genau diese Unsicherheiten, von denen sich Axel Bojanowski wünscht, Journalisten würden diese ebenfalls benennen. Da fängt für ihn Journalismus an. Aber so ein einseitiger Medien-Alarm befeuert das Klimaweltbild eines Mario Sixtus. Ein kritisches Hinterfragen, ob solche CO2 Budgets auch Fehler haben können, findet bei ihm nicht statt. Ob er solche kritischen Meldungen überhaupt liest? Er müsste dann ja zwangsläufig anerkennen, dass seine Wissenschaftsquellen unsicher sind und er müsste vielleicht auch Aussagen wie: „Wir haben noch 9 Jahre“ mit jeder Revision der CO2 Budgets überdenken und ändern.

Er übernimmt auch unkritisch die weiteren Alarmmeldungen wie schwindende Nahrungsreserven (die Welt ernährt gerade so viele Menschen wie nie, es haben noch nie so wenig Menschen gehungert, auch wenn immer noch zu viele Menschen hungern müssen). Es fehlen auch nicht Seuchen oder Überflutungen in seinen Hiobsbotschaften, das volle Programm. Wie eine differenzierte Darstellung von Überflutungsrisiken aussehen kann, zeigt Bild der Wissenschaft. An diesem Artikel erkennt man schon eine gewisse Handschrift an den Aussagen von Mario Sixtus eigentlich nur, dass er den Medien-Alarm voll in sich aufgesogen hat.

Der dritte Tiefpunkt ist der Versuch, Axel Bojanowski in den Bereich von Verschwörungstheorie zu rücken, weil er sich für das Durchleuchten aller Sichtweisen der Debatten ausspricht. Spätestens da dürfte sich der Wissenschaftler dann kräftig an den Kopf gegriffen haben. Mario Sixtus bestätigt nämlich das gesamte Interview lang genau das, was Axel Bojanowski an der Debatte kritisiert. Hätte Mario Sixtus doch bloß den o. g. Artikel zur Homogenisierung vorher gelesen.

Wir kommen zum vierten und letzten Tiefpunkt. Als Axel Bojanowski über die Wellen in der Klimadebatte in den letzten 25 Jahren berichtet, fällt Mario Sixtus nur noch ein, ihm einen Vorwurf daraus zu machen, dass die letzten 25 Jahre nichts passiert ist, da der Klimawandel zu abstrakt dargestellt wurde. Sippenhaft sozusagen, eine Spezialität von Mario Sixtus, er wird sie kurz danach erneut einsetzen.

Weiter geht es mit Kampfvokabular. Als Axel Bojanowski erneut erhebliche Unsicherheiten in der Klimaforschung anspricht, wird ihm der Vorwurf des Nebelkerzenwerfens gemacht und außerdem steckt Mario Sixtus ihn kurzer Hand in einen Sack mit FDP Chef Christian Lindner. Mitgefangen, mitgehangen, obwohl man nicht mal in der Nähe gestanden hat. Das passt aber wunderbar zu den vorauseilenden Blocklisten.

Zusätzlich lernt der Leser, dass nur das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) im Besitz der reinen Klimawahrheit ist. Wer Erkenntnisse des PIK anzweifelt, der wolle nur Verkomplizierung und jede Änderung am Ist-Zustand verhindern, so jedenfalls Mario Sixtus. Waren es nicht Mitarbeiter jenes Instituts, die die Regierung der Bundesrepublik Deutschland lange Zeit beraten haben? Vielleicht sollte sich sein digitales Wutbürgertum besser gegen das PIK richten!?

Was bleibt am Ende dieses Streitgesprächs? Die Debatte ist schräg und sie bleibt es wegen Protagonisten wie Mario Sixtus. Axel Bojanowski folgert: Eine Demokratie, die der Wissenschaft nicht genau zuhören will, wird untergehen. Aber vielleicht ist es genau das, was Menschen wie Mario Sixtus wirklich wollen, nämlich den radikalen Umbau der Gesellschaft inkl. Untergang der Demokratie. Tatkräftig unterstützt von einer nahezu homogenisierten Berichterstattung über den Klimawandel und einer Wissenschaft, die Politikern genau das erzählt, was diese hören wollen.