Auf dem E-Highway ist die Hölle los – nicht

Leidgeprüfte Ostseeurlauber werden sich nicht gern an die Bauzeit des sogenannten E-Highways auf der Bundesautobahn A1 zwischen den Anschluss-Stellen Reinfeld und Kreuz Lübeck erinnern. Im Sommer und dort vor allen Dingen an Wochenenden ist die dreispurige Autobahn auch ohne Baustelle sehr stark frequentiert. In der Bauphase quälte sich der Verkehr dann über nur noch zwei Spuren, die ganz rechte Fahrbahn war gesperrt, weil man dort Oberleitungen für den E-Highway montierte. Es ist also kein Wunder, dass besonders an Bettenwechseltagen oder Sonntagsabends, wenn die Wochenendurlauber wieder heimfuhren, die Situation rund um das Kreuzung Lübeck einem Stalingrad des norddeutschen Autoverkehrs glich.

Der E-Highway auf der A1 ist neben zwei weiteren Projekten dieser Art ein Feldversuch. Die anderen Strecken befinden sich in Hessen und Baden-Württemberg. Auf ihnen soll erprobt werden, wie LKW mit Stromabnehmern in der Praxis funktionieren. Wir überlegen kurz, für Busse gibt es so etwas schon seit dem Beginn der 1900er Jahre. Warum muss das Rad noch mal erfunden werden? Gut, die Art und Weise des Stromabnehmens ist nicht identisch, der Rest aber schon. Strom treibt ein großes Fahrzeug an und das über eine Oberleitung. Egal.

Erst kein Glück und dann noch Pech

Ähnlich wie beim Flughafen BER scheint ein Fluch auf dem Projekt zu lasten. Beiden ist gemein, dass sie trotz anderslautender Planung immer noch nicht im Betrieb sind und immer wieder neue Termine genannt werden. Das “Pech“ fing bereits beim Bau des E-Highways auf der A1 an, als man bei Rammarbeiten zum Aufstellen der insgesamt 250 Masten mal eben eine Glasfaserleitung zerstörte, die die naheliegende Stadt Reinfeld vom Kabelfernsehen, Internet und Telefon im wahrsten Sinne des Wortes abschnitt, jedenfalls Kabel Deutschland Kunden. Aber gemach, Kabel kann man flicken, war hier nicht anders.

Lieber durch den Graben oder besser etwas weiter weg?

Da die Masten für den Verkehr und insbesondere bei Unfällen eine Gefahr darstellen, wurden die Leitplanken verstärkt und erhöht. Dummerweise hatte man aber nicht bedacht, dass damit der Abtransport von Verletzten erheblich erschwert wird. Auf dem jeweils 5 Km langen Versuchsstück (je Fahrtrichtung) kann kein Rettungshubschrauber landen. Die Masten und Oberleitungen verhindern das.

Es gibt also nur drei Möglichkeiten, entweder landet ein Hubschrauber am Ende der E-Highway- Strecke und ein Verletzter müsste dann zum Hubschrauber gebracht werden oder die Unfallopfer werden mit einem Rettungswagen transportiert oder der Hubschrauber landet neben der Autobahn. Nun muss man wissen, dass neben der Trasse in der Regel Entwässerungsgräben laufen. Ein Verletzter müsste also nicht nur über die ca. 1,30 hohen verstärkten Leitplanken gehievt werden, dann durch einen bis zu 2 Meter tiefen Abhang mit Graben bugsiert werden um letztlich zum Hubschrauber zu kommen. An Durchlässe, die man mit einfach versetzen Leitplanken  erreichen könnte, hat man offenbar nicht gedacht. Zeit kann ein kritischer Faktor bei Verunfallten sein, wertvolle Zeit könnte hier also verloren gehen.

Ein einsames Leben

Aber das Pech blieb dem Projekt treu. Zwar konnte am 03.06.2019 eine erste Testfahrt erfolgen, es bleib aber die vorerst einzige Fahrt. Zunächst stellte man fest, dass der LKW beim Fahren an der Oberleitung erheblich mehr Lärm entwickelt als gedacht. Für die ohnehin schon lärmgeplagten Anwohner der Autobahn war das keine Freude.

Danach wurde festgestellt, dass es Mängel an einer Befestigungslasche gab, die die Querträger und Ausleger halten. Bis zum Stichtag 06.12.2019 jedenfalls führte der E-Highway ein einsames Leben, was LKW mit Stromabnehmer betrifft. Sie kamen einfach nicht zusammen. Seitdem gilt die Strecke zwar nach den Nachbesserungen als betriebsbereit, aber der Hybrid-LKW der Firma Scania lässt noch auf sich warten. Er ist nun für Mitte Dezember angekündigt. Dann soll das Gefährt Anfang 2020 etwa 4 (vier!) Touren pro Tag auf der Strecke machen, das wären mit Hin- und Rückfahrt dann 8 (acht!) Touren pro Tag. Geplant ist zwar die Aufstockung auf 5 (fünf) Fahrzeuge, aber im Zuge das Projekts waren ja auch ganz andere Dinge „geplant“.

Geld spielt keine Rolle?!

Es ist ohnehin spannend zu erfahren, wie viel Strom ein Speicher aufnehmen kann, der grob berechnet 4 Minuten Fahrt an einer 670 Volt Stromtrasse anliegt. Unmöglich kann nämlich ernsthaft erwogen werden, die Strecken zu erweitern und die LKW permanent mit Strom fahren zu lassen. Offenbar schwebt den Betreibern aber tatsächlich so etwas vor.

Nicht nur aus den genannten Sicherheitsaspekten, sondern auch, weil der Bau der 5 Km langen Teststrecke und die wissenschaftliche Begleitung angeblich 26 Millionen Euro kosten soll. Darin enthalten sollen allerdings die Rückbaukosten sein. Selbst wenn man nur die wichtigsten Nord/Süd Verbindungen in Deutschland ebenfalls ausbauen würde, kämen also gigantische Summen zusammen. Von jahrelangen Baustellen einmal abgesehen, denn das könnte allenfalls Zug um Zug passieren. Endlose Staus und Chaos wären vorprogrammiert.

Nicht auszudenken, wenn man nur einen Bruchteil dieses Geldes nehmen würde und z. B. auf Wasserstoff-Technik und deren Erforschung für den LKW Verkehr umsteigt? Bei der Lokomotive funktioniert das bereits. Mögliche Unfallopfer hätten im jedem Fall eine bessere Überlebenschance, billiger wäre es auch, weil man sich Tausende Kilometer Oberleitungen und somit Rohstoffe sparen könnte. Wenn es dann noch Wasserstoff-Strom aus erneuerbaren Energiequellen wäre….

Der grüne Umweltminister von Schleswig-Holstein Albrecht jubiliert jedenfalls und erwartet wichtige Erkenntnisse auf dem Weg zur klimafreundlichen Mobilität. Das fällt einem Landesminister immer dann besonders leicht, wenn er die Kosten nicht tragen muss. Die übernimmt nämlich der Bund. Der E-Highway-Versuch erweckt den Eindruck, dass bereits beim Spatenstich klar war, dass dieses Projekt kein Durchbruch sein wird. Vielleicht gehört es aber auch einfach nur zum Aktionismus, der momentan in Sachen Mobilitätswende an den Tag gelegt wird, um irgendwie zu demonstrieren, dass man irgendetwas macht. Egal was. Ein großer Wurf sieht anders aus.