Alexander von Humboldt: Was würde er wohl zur heutigen Klimadebatte sagen?

Beitrag im schweizerischen Tagesanzeiger vom 15. März 2019:

Der erste Klimaschützer
Alexander von Humboldt hat unser Verständnis von der Welt revolutioniert. Ein Trip auf einen Vulkan in den Anden, wo er sich Erkenntnisse qualvoll erwanderte.

Alexander von Humboldt war einer der großen Naturforscher, das ist klar. Aber wie kommt der Autor des Berichts darauf, dass von Humboldt ein „Klimaschützer“ gewesen sein könnte? Hat er bereits damals vor den Treibhausgasen gewarnt? Nein. Offensichtlich liegt hier eine gewollte Verwechslung vor, denn von Humboldt war viel eher Naturfreund, Umweltschützer und Naturforscher. Alexander von Humboldt wurde vor 250 Jahren geboren, da wird man noch mehr von ihm dieser Tage lesen. Aber ist es gerechtfertigt, ihn vor den aktuellen Klimahysteriekarren zu spannen? Der Autor des Beitrags tut letztendlich genau das, was schon andere vor ihm getan haben, nämlich von Humboldt für seine persönlichen Zwecke zu instrumentalisieren. Im Artikel heißt es:

Dort, wo [A. v. Humboldt] im 20. Jahrhundert überhaupt eine Rolle spielte, hat man ihn so umgedeutet, wie man ihn brauchte. Die Nationalsozialisten versuchten, ihn als Welteroberer und Herrenmenschen zu instrumentalisieren. In der DDR wurde er zum Vordenker des Sozialismus stilisiert. In Westdeutschland haben ihn viele als abenteuerlustigen Kräutersammler verkannt, dort stand er im Schatten seines staatstragenden Bruders und Bildungsreformers Wilhelm.

Der geistige Kurzschluss im Artikel könnte durch von Humboldts Gletscherforschung in Südamerika verursacht worden sein. Im Jahr 1802 untersuchte er z.B. Antisana-Gletscher in den ecuadorianischen Anden, zu dem es im Artikel heißt

Der Antisana-Gletscher ist allein in den vergangenen 20 Jahren um 350 Meter geschmolzen. Am Ende des Schneefelds stand die Berggruppe plötzlich vor einer fast senkrechten Wand, die es unmöglich machte weiterzugehen. Bevor Humboldt umdrehte, stellte er noch einmal seine Geräte auf. Das Quecksilber im Barometer zeigte 14 Zoll, 11 Linien an, er befand sich folglich auf 5407 Metern über dem Meeresspiegel.

Muss jeder Gletscherforscher automatisch ein Vertreter der Klimaalarmlinie sein? Nein. Denn die Rekonstruktionen der Andengletscher belegen auch bedeutende Rückzugsphasen in vorindustrieller Zeit, zuletzt vor 1000 Jahren zur Zeit der Mittelalterlichen Wärmeperiode. Nachzulesen z.B. in einer Klimakartierung von Lüning et al. 2019. Das pdf der Arbeit können Sie kostenlos hier herunterladen (frei verfügbar bis 30. Mai 2019).    

Der Artikel im Schweizerischen Tagesanzeiger schließt in einem schrägen Aktivistentonfall, den sich Alexander von Humboldt sicher verbeten hätte, wenn man ihn heute noch hätte fragen können:

In Zeiten, in denen weder der Multilateralismus noch der Multikulturalismus mehr selbstverständlich erscheint, steht der radikale Multilateralist und Multikulturalist Alexander von Humboldt plötzlich wie ein Prophet da. Und wenn selbst der Präsident der Vereinigten Staaten den menschengemachten Klimawandel leugnet, obwohl wir längst auf einen Klimanotstand zusteuern, dann wirken die zwei Jahrhunderte alten Schriften Humboldts auf alarmierende Weise aktuell.

In die Welt gesetzt wurde diese alberne Idee durch ein Buch der Historikerin Andrea Wulf, welches wie folgt im Wikipedia-Artikel über Humboldt zitiert wird:

„Durch Abholzungen war das Land dort unfruchtbar geworden, der Wasserstand des Sees war gefallen, und nach dem Verschwinden des Buschwerks hatten heftige Regenfälle die Böden von den umliegenden Berghängen gewaschen. Als Erster wies Humboldt darauf hin, dass der Wald die Atmosphäre mit Feuchtigkeit anreichern und kühlen könne – und sprach von der großen Bedeutung der Bäume für die Wasserspeicherung und den Schutz vor Bodenerosion.“

Er habe davor gewarnt, dass Menschen sich mit unvorhersehbaren Folgen für „kommende Geschlechter“ in die Natur einmischen. (Wulf 2016, S. 24.) Diese schwache Begründung für einen angeblichen „Klimaschützer“ Humboldt wurde vor dem Tagesanzeiger schon von einigen anderen Publikationen aufgegriffen, z.B. der Welt und Bild.

Übrigens müssen die an diesen Artikeln beteiligten Journalisten durchaus realisiert haben, wie wenig überzeugend diese Charakterisierung von Humboldt begründet werden kann, und haben in allen drei Texten darauf verzichtet, genauer zu erklären, warum Humboldt der erste Klimaschützer gewesen sein soll. Ihnen genügte das Generieren einer reißerischen und irreführenden Überschrift, mit der sie billig ihre tagtägliche „Klimaalarm-Propaganda-Pflicht“ erfüllen konnten.