7 Wochen Regen im Sommer in Wales

Nein, Sie müssen jetzt keine meteorologischen Daten aus Wales durchforsten, um eine solche sommerliche Regenperiode wiederzufinden. Jedenfalls nicht in den letzten 10 – 15 Jahren. Kleiner Spoiler: Es gab sie nicht!

Ganz anders ist allerdings die Wahrnehmung von Extinction Rebellion (XR) Sektengründer Roger Hallam. In einem Interview im Spiegel spricht er über seine offenbar traumatische Erfahrung mit den 7 Wochen Regen in Wales, die seine Möhrenernte vernichtet haben. Dass dem Interviewer einige Ungereimtheiten in den Aussagen von Hallam nicht aufgefallen sind, spricht nicht gerade für diesen. Aber so ist es eben mit den menschlichen Wahrnehmungen.

Hallam bezeichnete sich als Kleinbauern, gleichzeitig seien bei ihm 25! Arbeitsplätze durch die nachweislich nicht stattgefundene Regenperiode verloren gegangen. Auch das Jahr seiner persönlichen Tragödie war dem XR Gründer nicht mehr ganz geläufig. Vor „10 – 15 Jahren“ gibt er in dem Interview an, ihm hätte es zudem mehrere Hunderttausend Pfund Verlust beschert.

Stellen wir uns einmal vor, durch den Verlust von so viel Geld gerät die eigene Existenz in Gefahr. Würden wir später das Jahr nicht mehr genau benennen können? Auch die Höhe seines Verlustes („mehrere Hunderttausend Pfund“) weckte beim Interviewer keinerlei Skepsis. Laut Ökolandbau.de liegt der Deckungsbeitrag im Möhrenanbau bei umgerechnet GBP (Britische Pfund) 6.300 pro Hektar. Auf den Gewinn gerechnet sind es GBP 2.100 pro Hektar. Pro Hunderttausend GBP Verlust hätte Hallam also fast 16 Hektar (Deckungsbeitrag) oder 50 Hektar (Gewinn) bewirtschaften müssen. Nur mit Möhren wohlgemerkt.

Laut Wikipedia betrug 2017 die durchschnittliche Größe eines Öko-Bauernhofs in Deutschland 22,8 ha. Wir gehen einfach davon aus, dass es in UK ähnlich sein dürfte. Glaubt man also Hallam und setzt „nur“ GBP 200.000 („mehrere“) als Verlust an, dann war sein Hof alles andere als ein Kleinbauernbetrieb, denn er hätte dann je nach Betrachtung zwischen 30 – 100 ha bewirtschaftet – möglicherweise sogar noch mehr. Ganz abgesehen davon, dass Diversität ein Grundsatz in der Biolandwirtschaft ist. Wer seinen gesamten Betrieb auf eine einzige Frucht ausrichtet, spielt wahrscheinlich auch gern im Casino und setzt alles auf rot oder schwarz.

Es muss irgendetwas anderes gewesen sein, was Hallam zur Gründung der XR Sekte bewogen hat, denn seine eigene Story strotzt vor zu vielen Widersprüchen, die dem Spiegel allesamt nicht auffallen. Und tatsächlich könnte man fündig werden. 2015 erschien der Film Tomorrow – die Welt ist voller Lösungen. Er passt zeitlich hervorragend in die Timeline der Sekte. Möglicherweise hat dieser Film Hallam getriggert. In dem Dokumentarfilm beschreiben französische Aktivisten verschiedenste Projekte rund um die Welt, in denen Menschen versuchen, aktiv die eigene Zukunft zu gestalten.

In der Tat werden in den verschiedenen Episoden sehr unterschiedliche Aspekte angesprochen: Urban Gardening in Detroit, Permakultur und neue Wege beim ökologischen Landbau in Frankreich, Stadtplanung in Kopenhagen mit Fokus auf Radfahrer und Fußgänger, lokale Währungen usw. Alles in allem 120 durchaus interessante Minuten, vor allem weil es um Lösungen und Vorbildprojekte geht, selbst wenn nicht alles auf jede Region dieser Erde passt.

Eher unterschwellig werden aber auch andere Botschaften mitgesendet. Da ist zum einen Anthony D. Barnosky. Er ist Paläontologe und Professor für integrative Biologie an der Universität Berkeley in Kalifornien. In seinem Part geht es eher dystopisch zu und das 6. große Massenaussterben der Arten wird beschworen.

Eine weitere Botschaft ist die Dysfunktion von Demokratie. Der belgische Historiker David van Reybrouck schlägt das Zufallsprinzip vor, denn die Demokratie hat abgewirtschaftet. Posten von Entscheidern sollten besser ausgewürfelt werden, weil das bessere Politik bringen würde. Erstaunlicherweise sind es die beiden einzigen fragwürdigen und negativen Beiträge in dem Film und genau diese beiden Aspekte sind das intellektuelle Rückgrat von XR: Die Menschheit stirbt in 12 Jahren aus und die Rettung sind Klimaräte, die per Zufall besetzt werden. Genau diese Botschaft sendet die Sekte permanent aus.

Man darf sich allerdings schon fragen, warum die vielen anderen durchaus positiven Aspekte des Films keinen Eingang in das Denken der Sekte gefunden haben. Die Antwort könnte ganz einfach sein: Mit Angst lässt sich einfach besser punkten und mehr Aufmerksamkeit erreichen als mit positiven Geschichten und Nachrichten. Jeder, der sich schon mal über ein Produkt im Internet informieren wollte und sich die Kundenbewertungen dazu angesehen hat, kennt es, man schaut fast immer zuerst auf die negativen Wertungen. Es scheint in der Natur des Menschen zu liegen. XR setzt es daher genauso um, allerdings mit einer eigenartig zurechtgebogenen Betroffenheitsgeschichte seines Gründers.