Der Fall Ostsee

Anfang August 2017 ergoss sich eine Lawine Klima-Fake-News über die deutschen Medien. Das Bundesumweltministerium hatte auf eine Kleine Anfrage der Grünen Quatsch erzählt, der daraufhin von vielen Redaktionen ungeprüft weiterverbreitet wurde. Dabei ging es um die Erwärmung der Nordsee. Später kam dann heraus, dass die Aussagen des Ministeriums nicht robust waren (siehe hier und hier).

Zwei Wochen später ereignete sich etwas Seltsames. Der als klimaalarmistisch bekannte Focus brachte am 23. September 2017 den folgenden Artikel:

Klimawandel: Bundesumweltministerium warnt vor folgenreichem Heringssterben in der Ostsee
Das Bundesumweltministerium warnt vor den ökologischen und wirtschaftlichen Folgen der durch den Klimawandel bedingten Erwärmung der Ostsee. [...] Seit 1990 habe sich die Oberflächentemperatur der Ostsee um 1,5 Grad Celsius erhöht, schreibt das Ministerium in einer Antwort auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion und äußert sich besorgt über den Fischbestand in der Ostsee. Besonders gefährdet sei demnach der Hering. [...] 

Ganzen Artikel im Focus lesen.

Es handelt sich um eine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Dr. Julia Verlinden(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) (Seite 65 im pdf hier, Drucksache 18/13656).  Auch hier ist dringend ein Faktencheck angeraten. Der Parlamentarische Staatssekretärs Florian Pronold antwortete am 19. September 2017:

Die Erwärmung der Meere wird auf der Grundlage von Messungen während Forschungsfahrten und an stationären Messstationen über die letzten Jahrzehnte auch in deutschen Meeresgebieten beobachtet. Die Datenlage ist über die vergangenen 100 Jahre unterschiedlich gut. Trotz starker jahreszeitlicher Schwankungen zeigen lokale Jahresmittel der Meeresoberflächentemperaturen eine Erwärmung der deutschen Ostsee. Ein quantifizierbarer Trend ist nur für die gesamte Ostsee bekannt. Hier lag die durchschnittliche Erhöhung der Oberflächentemperatur im Zeitraum der Jahre 1990 bis 2015 bei 0,6°K pro Dekade. Der Bundesregierung ist es bekannt, dass für die kommenden Jahre eine weitere Zunahme der Wassertemperatur prognostiziert wird.

Die Aussage als solche erscheint richtig, wenn man mit der Temperaturentwicklung der letzten 30 Jahre vergleicht. Herbert Siegel und Monika Gerth vom Leibniz Institut for Ostseefroschung Warnemünde (IOW) zeigen die Kurve in Fig. 6 hier auf HELCOM. Aber wie ordnet sich diese Entwicklung in den längerfristigen Kontext ein? Auch in der Ostsee wirken Ozeanzyklen mit Perioden von 60 Jahren. Kann ausgeschlossen werden, dass ein gewichtiger Teil der gemessenen Erwärmung der Ostsee an die natürliche Zyklik gekoppelt ist? Zu Prüfzwecken greifen wir auf den Zweiten Klimazustandsbericht zum Ostseeraum zurück, der Mitte Mai 2015 erschien und vom Helmholtz-Zentrum Geesthacht koordiniert wurde. Das Buch kann kostenlos als pdf heruntergeladen werden. Auf Seite 9 werden wir fündig. Eine Abbildung (Fig. 1.4.) zeigt die Entwicklung der Meeresoberflächentemperatur der Ostsee für die vergangenen 500 Jahre:

Abb. 1: Entwicklung der Ostsee-Wassertemperatur während der vergangenen 500 Jahre basierend auf Simulationen. Quelle: BACC II (2015), basierend auf Hansson & Omstedt 2008.

 

Die Wärmespitzen um 1740 und 1935 besitzen ein ähnliches Temperaturniveau wie heute. Entsprechend erläutert der Zweite Klimazustandsbericht zum Ostseeraum auf derselben Seite 9:

Comparing observations with the results of centennial-scale modelling, recent changes in sea-water temperature appear to be within the range of the variability observed during the past 500 years.

Übrigens: Die Synchronizität zwischen Heringen und Ozeanzyklen ist eine alt bekannte Tatsache, die das Bundesumweltministerium langsam einmal anerkennen und anführen sollte. Sie z.B. Alheit et al. 2014:

Reprint of “Atlantic Multidecadal Oscillation (AMO) modulates dynamics of small pelagic fishes and ecosystem regime shifts in the eastern North and Central Atlantic”
Dynamics of abundance and migrations of populations of small pelagic clupeoid fish such as anchovy (Engraulis encrasicolus), sardine (Sardina pilchardus), sardinella (Sardinella aurita), sprat (Sprattus sprattus) and herring (Clupea harengus) in the eastern North and Central Atlantic between Senegal and Norway vary in synchrony with the warm and cool phases of the Atlantic Multidecadal Oscillation (AMO). This is shown by compiling retrospective data on fish catches and anecdotal observations, which in some cases date back to the mid-19th century. The AMO is defined as the de-trended mean of North Atlantic (0–60°N) sea surface temperature anomalies. However, it is not primarily the temperature which drives the dynamics of the small pelagic fish populations. Instead, the AMO seems to be a proxy for complex processes in the coupled atmosphere–ocean system of the North Atlantic. This is manifested in large-scale changes in strength and direction of the current system that move water masses around the North Atlantic and likely involves the North Atlantic Oscillation (NAO), the Atlantic Meridional Overturning Circulation (AMOC), the Mediterranean Overflow Water (MOW) and the subpolar gyre (SPG). The contractions and expansions of the SPG apparently play a key role. This was particularly obvious in the mid-1990s, when the SPG abruptly contracted with the result that warm subtropical water masses moved to the north and east. Small pelagic fish populations in the eastern North and Central Atlantic, including those in the Mediterranean responded quickly by changing abundances and migrating northwards. It seems that the complex ocean–atmosphere changes in the mid-1990s, which are described in the text in detail, caused a regime shift in the ecosystems of the eastern North and Central Atlantic and the small pelagic clupeoid fish populations are the sentinels of this shift.

Wieder hat das Bundesumweltministerium geschlampt, verschweigt den wichtigen klimahistorischen Kontext und verlegt sich stattdessen aufs Dramatisieren. Wer hat hier die Feder geführt? Kann ausgeschlossen werden, dass hier im Hintergrund Aktivisten am Werk sind? Es ist klar, dass der Focus auf diese Geschichte sofort einsteigt. Die Parallelen zwischen dem ‘Fall Nordsee‘ und dem ‘Fall Ostsee” sind deutlich.